Feridun Zaimoglu
Hausautor am Nationaltheater 1999/2000


Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im anatolischen Bolu/Türkei, studierte Kunst und Medizin. Seine Eltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Feridun Zaimoglu wuchs in München auf und lebt seit 1985 in Kiel. Nach Abbruch seines Studiums widmete er sich dem Schreiben. Heute arbeitet er als Schriftsteller, Drehbuchautor, Maler und Kurator. Als Journalist schreibt er für u.a. für Die Welt, Die Zeit, Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und den Tagesspiegel.

Von 1999 bis 2000 war er als Hausautor am Mannheimer Nationaltheater unter Bruno Klimeks beschäftigt, wo er vor allem als künstlerischer Berater für die Inszenierung seines ersten Buches Kanak Sprak tätig war.

Im Rahmen seiner schriftstellerischen Tätigkeit schreibt er vor allem Romane und Theaterstücke. Nach seinem Debut Kanak Sprak, das ihm 1995 zu seinem Durchbruch verhalf, folgten Abschaum (1998), Koppstoff (1999), Liebesmale, scharlachrot (2000), Kopf und Kragen (2001), German Amok (2002), Leinwand (2003), Zwölf Gramm Glück (2004), Leyla  (2006), Liebesbrand (2008) und zuletzt Hinterland (2009). Abschaum kam 2000 unter dem Titel Kanak Attack in die Kinos nach der Regie von Lars Becker.

In Zusammenarbeit mit seinem Koautor Günther Senkel entstanden die Theaterstücke Casino Leger (Schauspiel Frankfurt, 2003), Ja. Tu es. Jetzt. (UA Junges Theater Bremen, 2003), Halb so wild (UA Theater Kiel, 2004), Othello (UA Kammerspiele München, 2006), Nathan Messias (UA Schauspiel Düsseldorf, 2006), Schwarze Jungfrauen (Theater Hebbel am Ufer, 2006), Moliere (UA Schaubühne am Lehninger Platz, 2007), Romeo und Julia (UA Theater Kiel, 2006) und Schattenstimmen (UA Schauspiel Köln, 2008).

Für sein Werk erhielt Feridun Zaimoglu zahlreiche Preise und Auszeichnungen: 2002 wurde ihm der Friedrich-Hebbel-Preis verliehen; 2003 wurde er für seine Erzählung Häute beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. 2005 erhielt er ein Stipendium an der Villa Massimo, sowie den Adelbert-von-Chamisso-Preis und den Hugo-Ball-Preis. 2006 wurde ihm der Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein verliehen.

Für das Theaterstück  Schwarze Jungfrauen wurden Zaimoglu und Senkel auf den zweiten Platz der Dramatiker des Jahres 2006 in der Theaterzeitschrift  „Theater heute“ gewählt. 2007 erhielt Feridun Zaimoglu den Carl-Amery-Literaturpreis des Verbandes deutscher Schriftsteller in Bayern und für Leyla den Grimmelshausen-Preis. 2008 wurde er für Liebesbrand mit dem Internationalen Buchpreis Corine ausgezeichnet.

Interview: „Ich bin Sagengestalt, Krüppel oder Frau zugleich“

Sie schreiben Prosa, vor allem Romane, und Theaterstücke. Wie kommt es, dass Sie zwei so völlig unterschiedliche literarische Richtungen eingeschlagen haben?

Ich sehe mich mehr als Geschichtenerzähler und weniger als Autor. Und als Geschichtenerzähler stelle ich mich nicht in den Dienst der Avantgarde, für die ich übrigens nichts übrig habe. Ich habe lediglich den Anspruch zu unterhalten.

Als Prosaautor bin ich bekannt geworden durch Kanak Sprak, was dann in Hamburg und Bremen fürs Theater adaptiert wurde. Der Weg zum Theater war also nie sehr weit. Meine Arbeit als Theaterautor begann mit der Neubearbeitung des Stücks Othello in Zusammenarbeit mit Günther Senkel nach Luk Perceval. Das war zur Eröffnung der Münchner Kammerspiele.
Da ich mich aber wie bereits erwähnt als Geschichtenerzähler sehe, wollte ich mich nicht nur mit der Neuadaption von Klassikern beschäftigen. Mein Wunsch war es immer auch eigene Stücke zu schreiben.

Worin liegt der grundsätzliche Unterschied zwischen der Arbeit an einem Theaterstück und an einem Roman?

Theaterstücke bestehen aus Dialogen, die szenisch auf der Bühne umgesetzt werden. In der Prosa verfügt man als Autor nicht über die Möglichkeit visuelle Medien zu nutzen. Aber auch Prosa ist im weitesten Sinn eine Aneinanderreihung von Szenen, doch werden diese mithilfe von Worten vermittelt.
Ich würde über mich selber behaupten, ein sehr visueller Mensch zu sein. Schreiben bedeutet für mich in erster Linie Bilder in Worte zu übersetzen. Deshalb habe ich das Schreiben von Theaterstücken auch nicht als große Umstellung empfunden.

Worin unterscheidet sich Ihre Arbeit als Romanautor für einen Verlag von der eines Hausautors am Theater?

Eine Stückentwicklung ist ein kommunikativer Prozess.  Sie erfordert Arbeitsgespräche mit den Theater-Verantwortlichen, die ja auch eigenen Vorstellungen haben. Die Arbeit an Theaterstücken ist deshalb immer an Richtlinien gebunden. In bin quasi Auftragsschreiber mit einem vorgegebenen Ziel.
Wenn ich Theaterstücke verfasse, kann ich nicht am Schreibtisch sitzen. Ich schreibe in Zügen, Cafés oder Hotelzimmern per Hand.

Die Arbeit an einem Roman hat für mich dagegen etwas Vereinzelndes. Die Stoffauswahl ist mir überlassen. Ich bin mit dem Stoff allein und die Auseinandersetzung läuft zwischen mir und meiner Schreibmaschine.
Die Arbeit an Theaterstücken oder Romanen betrifft zwei völlig unterschiedliche Disziplinen. Für mich bedeutet das vor allem Abwechslung. Dabei könnte ich weder auf das eine noch auf das andere verzichten.

Was macht für Sie den Reiz dieser völlig unterschiedlichen Textarten aus?

Sowohl für einen Roman wie für ein Theaterstück gilt: Recherche ist alles. Ich will nicht in der Stube hocken und trockenen Stoff beackern.
Ich reise viel. Dadurch habe ich die Möglichkeit mir Schauplätze für Theaterstücke beispielsweise vor Ort anzusehen. Orte sind generell für meine Arbeit als Schriftsteller sehr inspirierend. Dort fällt mir vieles ein, meine Phantasie wird angeregt. Dabei frage ich mich ständig: „Passt das?“
Ich kann das auch gar nicht abstellen, das hat aber viel mit mir zu tun. Zu Schaffen ist für mich an eine existenzielle Frage gebunden und wenn ich nichts mache stellt sich mir die Lebenssinnfrage.

Können Sie das konkretisieren?

Als besonderen Reiz des Geschichtenerzählens empfinde ich die Möglichkeit in Rollen zu schlüpfen. Ich möchte in meinen Geschichten ganz verschwinden und muss mich ganz an sie verschwenden.
Ich haue ab mithilfe von Worten an einen Ort, an dem es keine Schonung gibt. Ich werde weniger mit mehr Worten. Dadurch kann ich ganz die Rolle annehmen, ich als Person trete hinter sie zurück bis ich ganz verschwinde. Ich bin Blinder, Sagengestalt, Krüppel oder Frau zugleich.

Auch in der Prosa schreibe ich deshalb Rollenprosa. Bei Romanen fange ich Feuer. Ich bin ganz allein mit der Geschichte und mit so vielen Bildern im Kopf, die es zu einer Geschichte zu verweben gilt. Deshalb dauert die Arbeit an einem Roman länger und nimmt mich völlig in Anspruch.
Bei Theaterstücken unterscheidet sich meine Arbeitsweise in diesem Punkt, da ich sie in Zusammenarbeit mit meinem Koautor Günther Senkel schreibe. Auch in den Theaterstücken schlüpfe ich in Rollen, die fester Bestandteil eines Theaterstückes sind. Diese Rollen enthalten auch immer viel von mir, dadurch dass ich mich ganz abgebe bin ich sie.

Haben Sie manchmal Angst sich dabei zu verlieren?

Oh ja, ich habe große Angst mich zu verlieren! Ich habe Angst zu sehr Kontur anzunehmen und zu verklumpen. Deshalb bin ich sehr glücklich, immer nur bis zu einer bestimmten Grenze zu kommen. Dann reiche ich mein Stück ein und bin weg.

Welche Rolle nimmt dabei Ihr Koautor Günther Senkel ein?

Wir sind beste Kumpel, aber zwei völlig unterschiedliche Menschen. Bei der Arbeit an Stücken sitzen wir zum Beispiel auch nie nebeneinander.
Ich bin der Extremist, bin für die Sprache und die Ideen zuständig. Ich schlüpfe in die Rollen, bin Frau und Mann. Meine Aufgabe sind Gefühle und Affekte.
Günther Senkel ist der Techniker, der sich überlegt: Die Affekte, Ideen und die Sprache – geht das überhaupt auf?! Funktioniert die Geschichte?! Er stellt sich die Frage nach der Ganzheitlichkeit der Geschichte.

Sie sind in der Türkei geboren. Ich gehe deshalb nicht davon aus, dass Deutsch Ihre Muttersprache ist. Welchen Zugang haben Sie zur deutschen Sprache?

Mittlerweile ist mir Deutsch schon zur Muttersprache geworden. Natürlich habe ich zuerst Türkisch gesprochen. Es ist die Sprache meiner Eltern und die eines herrlichen Landes. Aber ich beherrsche sie nicht mehr so gut, was ich übrigens sehr bedaure.

Deutsch und Türkisch sind grundverschiedene Sprachen. Bezüglich ihrer Ausdruckmöglichkeiten könnte man fast schon behaupten, dass die deutsche Sprache neben der Blumigkeit der türkischen Sprache geradezu nüchtern klingt. Wie empfinden Sie die beiden Sprachen?

Ich habe Zugang zu beiden Sprachen, aber vor allem zum Deutschen. Deutsch ist einfach meine Sprache geworden. Das hat viel mit meiner Biographie zu tun. Herrgott, ich bin ein türkisch-stämmiger Deutscher.

Dieser Zugang ist bei mir aber ein sehr märchenhafter. Sprachen haben viel mit Klang, Gerüchen und Atmosphäre zu tun, die sie für mich charakteristisch machen, und in die ich eintauche.
Das ist also kein technischer Vorgang, sondern funktioniert bei mir mithilfe von Melodie und Klang und weniger mithilfe von Grammatik.
Sie sind bekannt dafür, Umgangssprache aus Migrantenmilieus aufzugreifen und zu ästhetisieren. Die klare, wütende, rhythmisch und sinnliche Kunstsprache ist charakteristisch für Ihre Arbeit und zieht sich seit Kanak Sprak durch Ihr Werk. Wie gehen Sie bei diesem Umsetzungsprozess vor?

Ich beobachte Menschen, sauge Stimmungen, Ahnungen und Gefühle wie ein Schwamm auf. Meine Vorgehensweise hat also mehr mit Empathie und Emphase zu tun. Zuerst habe ich Menschen, die etwas sagen wollen. Ich komme also nicht von außen und konstruiere etwas, sondern die Stimmen sind da. Die Worte sind da. Und da ich es so herrlich finde zu verschwinden und mein Selbst zum Verstummen zu bringen, fällt es mir nicht schwer zu Papier zu bringen, was die Menschen sagen.
Ich übersetze nur die Stimmen und Klänge. Aber die Sprache und ihre Sprachmacht kommen von selbst und die Worte fließen.

Theaterstücke wie Die schwarzen Jungfrauen oder ihr Debüt Kanak Sprak wurden unter anderem aufgrund der sprachlichen Umsetzung und der daraus resultierenden intensiven Wirkung Ihrer Texte gefeiert. Wie erzielen Sie diese Wirkung?

Die Sprecher sind ja dramatische Figuren und ich will keine kalten Stücke schreiben. Die Figuren sind zuweilen im Extremen angesiedelt. Die Wirkung erreiche ich nur mithilfe der Worte. Ich habe immer eine dramatische Sprache im Kopf und habe immer den Mensch – egal, ob Mann oder Frau – vor meinem inneren Auge. Die Sprache muss zum Menschen passen und zu dem Milieu in dem ein Stück spielt.
Mir geht es um die Geländegängigkeit der Figuren. Die dürfen nicht verfremdet werden! Das bewirkt letztendlich die intensive Wirkung.

Worin sehen Sie den literarischen Wert dieser „Kanackensprache“?

Ich werde ja wegen dieser Arbeitsweise gerne auch mal als „Bad-guy“ der Literaturszene bezeichnet. Ich glaube, ich habe einfach nur für den Pistolenschuss im Konzertsaal gesorgt. Ich war derjenige, der mit anderen Bildern und Metaphern in Literaturhäusern eingefahren ist. Es waren die Literaturkritiker, die sich die Frage stellten: „Ist das überhaupt Literatur, was dieser Typ da macht?“

Diese Frage stellt sich allerdings in meinem Arbeitsalltag für mich nicht und fließt in meinen Schaffensprozess nicht ein. Ich bin Schriftsteller und kein Literaturkritiker. Mein Arbeitsalltag ist die Bühne und besteht daraus in Rollen zu schlüpfen. Ich sehe mich selbst dabei weniger als sozialen Autor. Ich schlüpfe einfach gerne in die Rollen von Menschen, die Nebenrollen spielen in der Gesellschaft.  
Dabei bediene ich mich des Stils der „Infektionsprosa“: Sie steckt an, stößt aber oder berührt. Und darin steckt auch die Antwort auf Ihre Frage: Meiner Meinung nach ist es Literatur, denn es geht um Sprache. Mir geht es um Sprachlust.

Ich war vor 2 Jahren auf einer Lesung am Freiburger Theater zu den Schwarzen Jungfrauen, habe aber auch Kanak Sprak vor einigen Jahren gelesen.  Die schwarzen Jungfrauen haben mich sehr beeindruckt. Ich würde sagen, dass die Texte unglaublich intensiv waren. Aber ich sehe da auch eine stilistische Weiterentwicklung als Leserin. Würden Sie das bestätigen?

Also Entwicklung stimmt schon. Rückblickend würde ich diesen Entwicklungsprozess folgendermaßen beschreiben: Ich habe Farben und Töne gefunden, und arbeite jetzt an den Nuancen und den leiseren Tönen.
Dadurch gelingt es mir heute die Bilder klarer zu gestalten. Meine Figuren sind heute vielleicht genauer ausgearbeitet und zeigen mehr Persönlichkeit. Trotzdem würde ich mich nicht von Kanak Sprak distanzieren – auch wenn ich es heute anders machen würde und stilistisch freier und weniger konstruiert gestalten würde.

Sie bewegen sich ständig in diesem deutsch-türkischen Verhältnis mit ihren Geschichten über kulturelle Minderheiten und ihren Alltag in Deutschland, das sich thematisch als roter Faden durch Ihre Arbeit zieht. Haben Sie nicht manchmal Angst in eine Schublade gesteckt zu werden?

Nein, also Angst hab ich nicht! Natürlich wird man in eine Schublade gesteckt. Aber ich habe selbst dafür gesorgt, dass ich zum Nischenheini geworden bin.
Es ist auch nicht so, dass ich mich bewusst mit meinen Büchern wegbewege von diesem Thema. Ich schrieb Geschichten und als ich dazu nichts mehr zu sagen hatte, habe ich mich neuen Stoffen zugewendet. Aber für einige bin ich immer noch ein Salon-Hooligan. Mein Ziel ist es, die Bandbreite meiner Arbeit und ihren Horizont zu erweitern.

Wie sehen Sie ihre Position mit Ihrer Arbeit als Schriftsteller in dem deutsch-türkischen Verhältnis?

Ich bin ein deutscher Schreiber, der sich zu politischen Fragen äußert.
In erster Linie aber schreibe ich Geschichten. Ab und zu melde ich mich zu Wort, wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen ungerecht behandelt werden. Ich kann Arroganz und Ignoranz nicht ab!
Den sogenannten „Investigativen Intellektuellen“ halte ich für einen Mythos. Ich gebe mit meiner Arbeit aber keine politischen Statements ab. In der Politik geht es um Macht und in meinen Geschichten geht es um das Gegenteil – Ohnmacht und den Verlust der Souveränität. Das schließt sich für mich aus.

Sie schreiben über Türken und das deutsche Bildungsbürgertum liest beziehungsweise sieht ihre Arbeiten – um es mal überspitzt zu formulieren. Empfinden Sie das nicht als sehr unbefriedigend, dass Sie die eigentliche Zielgruppe nie erreichen?

Also ich erreiche ja nicht nur das Bildungsbürgertum, ich gehe auch in Schulen und Jugendhäuser. Ich lese in Literaturhäusern, vor Hausfrauenvereinen und Frauengruppen, in Moscheen – eben auch an Orte, an denen ich auf die Leute treffe, über die ich schreibe. Ich liebe es einfach, wenn der Orchestergraben zwischen Bühne und Publikum verschwindet.
Und das ist genau der Punkt: Kritiker legen mir in den Feuilletons ja auch gerne mal nahe, mit dem Schreiben aufzuhören. Aber das werde ich nicht tun! Denn ich schreibe nicht für Kritiker, sondern für meine Leser und Zuschauer. Ich hab kein Interesse, Klassenbester im Feuilleton zu sein.

Aber um auf die Frage zurück zu kommen: Klar, die Unterschicht geht nicht in die Kulturtempel. Die Frage was man da machen kann, stellt sich mir schon.

Das klingt ja spannend. Ich kann mir vorstellen, dass die Reaktionen auf Ihre Arbeit sehr kontrovers ausfallen und die Meinungen über Sie als Autor türkischer Herkunft auseinander gehen!

Bücher wie Kanak Sprak, der Roman Leyla oder das Theaterstück Schwarze Jungfrauen brachten mir vor diesem Publikum schon himmlisches Lob und schlimmste Kritik ein. Gerade in Moscheen habe ich auch viel Zuspruch geerntet für meine Arbeit. Gläubige – Frauen und Männer – haben verstanden, dass ich kein Bildungsbürger bin, der auf Ihre Kosten rumkaspert. Sie sehen mich eher als schlimmen Jungen, der viel herumkommt. Und wir haben viel gelacht.

Ich denke die Reaktionen sind vor allem davon abhängig, wie man auf die Menschen zugeht. Ich bin von türkischen Gastarbeitern großgezogen worden und wertschätze die Erziehung meiner Eltern. Sie legten viel Wert auf Höflichkeit und vermittelten mir ein klassisches Verständnis davon – deshalb halte ich nichts von Provokationen an heiligen Orten wie einer Moschee.  

Theater ist im traditionellen Sinn eine Bildungsanstalt. Entgegen diesem Bildungsideal der Aufklärung sind es heute aber vor allem „die Gebildeten“, die sich dort bilden. Haben Sie versucht die sogenannte „Unterschicht“ einzubinden durch Ihre Arbeit und wie haben Sie dazu beigetragen, sie ins Theater zu holen?

Als Theaterautor stelle ich nur einen geringen Teil des Theaterbetriebs. Und ich kann oft nur hoffen, dass meine Vorstellungen letztendlich auch realisiert werden und die erwünschte Wirkung erzielt wird. Aber es ist eine Tatsache: Nicht-Bürger gehen nicht ins Theater. Ich würde mir wünschen, dass die Mauer schrumpft und damit auch andere Bevölkerungsschichten kommen. Ich wünsche es mir und ich bin bereit dafür zu kämpfen.

In einer Arbeiterstadt wie Mannheim bieten sich als Hausautor ja auch Möglichkeiten Nicht- Bürger ins Theater einzubinden. Wie sehen Sie den Hausautor und seine Aufgaben, Rechte und Verpflichtungen?

Also es gibt keine Hausordnung, die vorschreibt, was ein Hausautor zu tun und zu lassen hat! Für mich war es ein großes Geschenk als Hausautor in Mannheim beschäftigt zu sein. Ich hab damals sogar in der alten Feuerwache gewohnt! (lacht)

Ich war weniger eingebunden in die Stückentwicklung vor Ort, sondern diente in erster Linie als künstlerischer Berater für die Inszenierung von Kanak Sprak. Außerdem habe ich viele Lesereihen eingeführt.  
Ich habe es damals so empfunden, dass ich eingeladen war zu lernen, mitzumachen und beizutragen. Und das hab ich gemacht! Ich durfte miterleben wie sich ein Stück vom Schreibtisch auf die Bühne bewegt.

Würde ich heute wieder die Position eines Hausautors übernehmen, dann unter der Vorraussetzung Stücke zu schreiben, die mit der Stadt und dem direkten Lebensumfeld zu tun haben. Heute hätte ich zum Beispiel ganz andere Möglichkeiten Mannheim und Ludwigshafen in meine Stücke einzubinden.

Wie haben Sie rückblickend Ihre Zeit am Mannheimer Theater empfunden, verglichen  mit anderen Häusern?

Das Nationaltheater in Mannheim habe ich als ein herrliches Theaterhaus in Erinnerung. Für mich war die Zeit wunderbar. Das waren meine Anfänge. Ich war sehr neugierig und die Arbeit am Nationaltheater hat mir großen Spaß gebracht.
Ich empfand es oftmals als eine rauschhafte Zeit, weil ich so unglaublich viele neue Sachen gelernt habe und so viele neue Eindrücke auf mich einwirkten. Das Mannheimer Nationaltheater ist für mich gleichbedeutend mit meinen ersten Theatererfahrungen. Deshalb kann ich sagen: Meine Zeit am Mannheimer Nationaltheater ist für mich mit einem Hochgefühl verbunden.

Dann danke ich Ihnen recht herzlich für das Gespräch, Herr Zaimoglu, und wünsche Ihnen viel Erfolg heute bei der Vorstellung Ihres neuen Romans Hinterland.

Denise Solmaz, Proseminararbeit „Ich bin Sagengestalt, Krüppel oder Frau zugleich“ im Rahmen des Proseminars: Hausautoren am Nationaltheater Mannheim HWS 2008/09 und Interview, 21. Januar  2010


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