Jan Neumann
Hausautor am Nationaltheater 2008/2009


„Es geht immer um Berührung“


Wenn Jan Neumann einen Raum betritt, dann macht er dies leise. Sein unauffälliges Auftreten ermöglicht es ihm, die Situation erst einmal zu erfassen und seine Mitmenschen in aller Ruhe zu beobachten. Doch die Annahme, dass sich hinter dem 34-jährigen Wahlberliner ein introvertierter Eigenbrötler verbirgt, ist ein fataler Trugschluss. Denn sobald Neumann sich zu Wort meldet, ist die Tatsache, dass er nicht nur Autor und Regisseur, sondern ursprünglich Schauspieler ist, unverkennbar. In nur wenigen Sekunden versprüht Neumann soviel Witz, Charisma und Präsenz, dass es schier unmöglich scheint, ihm nicht fasziniert zu lauschen. Neumann versteht es selbst aus einem unansehnlichen Seminarraum eine Bühne zu kreieren, auf der er sich selbst inszeniert und von seinem Publikum bejubelt wird. Leicht lässt man sich dazu verleiten, hinter dem erstklassigen Entertainer den anfänglichen Beobachter zu vergessen, zutiefst widersprüchlich scheint diese leise Art verglichen mit dem lebhaften Redestrom, der einem entgegen plätschert.

Nahezu betroffen ist man jedoch nach der Konfrontation mit seinen Werken und der Einsicht, dass man sich von dem Selbstdarsteller Jan Neumann hat täuschen lassen, denn seine Werke sind alles andere als laut, überladen, oberflächlich oder gar melodramatisch. Sie sind leise. Sie erzählen von Ihnen und mir, von ganz normalen Menschen, denen keine großen Katastrophen widerfahren, sondern einfach nur das gewöhnliche Leben. Sei es die 60-jährige, einsame und verbitterte Ursula, die sich in Phantasiewelten flüchtet, um ihr tristes Leben zu ertragen, die minderjährige Susa, die nicht nur mit schulischen, familiären und sozialen Problemen zu kämpfen hat, sondern auch noch ungewollt schwanger wird oder aber Hans, dessen Leben und Ängste wir gemeinsam mit seiner Familie bis zu seinem Tod mitverfolgen. Für Neumann spielt das Alter oder die soziale Stellung eines Menschen keine Rolle. Er ist der Auffassung, „dass man mit ein bisschen Empathie, Einfühlungsvermögen und Phantasie jeden Menschen verstehen und sein Verhalten weitgehend erklären kann“.
„Gefühle wie Einsamkeit kennen kein Alter“, auch wenn sich die Auslöser bei einem 17-jährigen von denen eines 70-jährigen unterscheiden, das Gefühl bleibt dasselbe. Warum aber schreibt Neumann über das gewöhnliche Leben? Er spüre die Sehnsucht des Publikums, Geschichten zu hören, die berühren. Es gehe immer um Berührung. Im Gegensatz zu kommerziellen Hollywood Blockbustern, die durch übertriebene Darstellungen den Zuschauer in entfernte Traumwelten entführen und dadurch jeglichen Hang zur Realität verlieren, überzeugen seine Stücke durch ihre Lebensnähe. Denn wahre Berührungen finden nur in der Wirklichkeit statt.

Und Neumann ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Anstatt seine Figuren durch Dialoge in Wortgefechte und Argumentationen zu verstricken, überlässt er es seinem Erzähler den Zuschauer zu informieren. Temporeich, trocken, witzig und fast immer bewusst objektiv meldet sich dieser zu Wort und schafft durch seine Distanz Nähe. So spielt in seinen Stücken Prosa eine tragende Rolle. Im Stile von Brechts epischen Theater will Neumann, dass die Zuschauer aktiv mitdenken. „Die große Kraft des Theaters ist die Phantasie des Zuschauers zu aktivieren, das können Filme nur selten, da man karg sein muss.“ Er skizziere seine Figuren lediglich, damit sie von jedem individuell vervollständigt werden können. Das Epische in seinen Stücken ermögliche ein Fertigerzählen beim Zuschauer.

Liebevoll bezeichnet Neumann dieses Geschichtenerzählen als Urtheater und bemängelt, dass dies im heutigen Theater zu oft fehle. „Ich glaube an das Prinzip, dass man theoretisch einen Schauspieler hinstellen kann, der 2 Stunden lang eine Geschichte erzählt, ohne dass etwas passiert. Wenn die Geschichte und der Schauspieler gut sind, wird es kein Problem sein. Es ist für mich die purste Form und eigentlich die Verweigerung von dem, was man denkt, im Moment im modernen Theater machen zu müssen. Das würde ich schon als Haltung beschreiben.“ Dennoch plant Neumann in Zukunft den Schwerpunkt weniger auf Prosa zu legen, da er dies schon ziemlich ausgereizt hätte und gerne neue Formen für sich finden möchte.

In der Spielzeit 08/09 war Jan Neumann Hausautor am Mannheimer Nationaltheater und hat sich dort mit der unkonventionellen Technik der Stückentwicklung einen Namen gemacht. Die Stückentwicklung ist ein Prozess, bei dem in wenigen Wochen der Autor mit Hilfe von Impulsen der Schauspieler ein vollständiges Theaterstück erarbeitet. Seine erste Stückentwicklung führte Neumann in seiner Zeit am Schauspiel Aalen durch, als er dort gleichzeitig als Schauspieler engagiert war. Zu diesem Zeitpunkt war Neumann als Autor schon mit seinen Stücken „Goldfischen“ und „Liebesruh“ erfolgreich. Die Idee selbst habe in erster Linie einen pragmatischen Grund gehabt und zwar Zeitknappheit. Das Schauspiel Aalen wollte gerne von ihm ein Stück haben. Da er allerdings keins in der Schublade hatte, bot er den Versuch einer Stückentwicklung an. Schauspielerische Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte er keine.
Am 14. Oktober 2008, dem Tag, an dem der Bundestag ein Wirtschaftsrettungspaket beschließt, läuft Jan Neumann durch das Frankfurter Wirtschaftsviertel. Dort blickt er in vor Sorge erstarrte Gesichter und wird mit Warnungen und Gerüchten konfrontiert. Die Welt gerät plötzlich aus den Fugen. Die Wirtschaft hat die Kontrolle verloren. Zurück in Mannheim nutzt Neumann den pragmatischen Vorzug der Stückentwicklung für einen spontanen Stoffwechsel. Das in Frankfurt erlebte Krisenbewusstsein geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Doch Neumann stürzt sich nicht auf das globale Monster, er interessiert sich vielmehr für das Individuum als kleinste Zelle des Staates, bei dem ein solch historischer Bruch erst verzögert im Bewusstsein ankommt, da Alltagssorgen im Vordergrund stehen.

So auch in seinem Stück „Königs Moment“. Die Idee bei diesem Stück ist es, fünf Minuten in den Kopf eines Menschen zu schauen. Dieser Mensch ist Herr König. Er fährt nachts alleine auf der Autobahn und lauscht im Radio einem Bericht über den Urknall. Für den Bruchteil einer Sekunde passt er nicht auf und verliert die Kontrolle über seinen Wagen. Die Zeit bleibt kurz stehen und Herr König blickt auf sein Leben, seinen eigenen Kosmos voller Gefühle, Enttäuschungen und Verluste, aber eben auch auf die guten Dinge, die ihm widerfahren sind. Seine Gedanken reichen von seinem schwierigen Alltag als Lehrer über seine Ehe, die nach dem Verlust des einzigen Kindes stehen geblieben schien, seine Freundin, mit der er seit einiger Zeit seine Frau betrügt bis hin zur aktuellen Finanzkrise. Neumann skizziert in „Königs Moment“ die Lebenskrise eines Menschen, die sich geschmeidig an die aktuelle Finanzkrise schmiegt und somit an Tempo, Gefühl, aber auch Glaubwürdigkeit gewinnt.

Auf die Frage hin, wie das Verfahren bei einer Stückentwicklung funktioniere, erwidert Neumann, dass es kein Patentrezept gäbe, es jedes Mal anders und auch von den Schauspielern abhängig sei. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint es ganz so, als würde er ähnlich wie seine Figuren in „Königs Moment“ in Erklärungsnöte kommen. Doch dann lächelt er verschmitzt und wird zum Wissenschaftler der Entstehungsgeschichte seines eigenen Stückeuniversums.
„Am Anfang steht ein Wort. Dieses Wort ist der Startpunkt, das Ur-Atom, aus dem alles entsteht - wie ein Weltall in Form einer Erzählung, das sich zu einem vollständigen Ganzen zusammenfügt und bei dem letzten Endes alles irgendwie zusammenpasst. Dieses Samenwort sorgt durch seine feste Wurzel dafür, dass man sich nicht verläuft, gewissermaßen stellt es den roten Faden des Stücks dar. Das Ur-Atom bei „Königs Moment“ ist Verlieren bzw. Verlust. Zu diesem Wort werden gemeinsam mit den Schauspielern, Technikern und Bühnenbildnern Assoziationen gesucht. In der Regel kommen durch diesen kreativen Prozess ein bis zwei weitere Schlagwörter hinzu, aus denen eine Art Kosmos entsteht. Nachdem dieses Grundgerüst aufgebaut ist, fängt ein wildes Herumspinnen an, über Geschichten, Mythen, Themenfelder, Worte, die einem einfallen oder sogar mögliche Materialien für den Raum.“
In der Ideenphase entwickelt Neumann eine ungezügelte Neugierde an allem, was ihn umgibt. Wie ein Schwamm saugt er Experteninformationen wie etwa von eigens eingeladenen Pressesprechern der Polizei oder aber Wirtschaftsspezialisten auf. Er interessiert sich für seine Umgebung, indem er beispielsweise schon im Vorhinein Fragebögen an die Schauspieler verteilt, die ihm einerseits einen Einblick in ihr Leben und ihre Ansichten gewähren, ihm aber andererseits auch zu ersten Anregungen für das Stück  verhelfen. Neumann schafft hierdurch einen Spagat zwischen ergebnisorientierter Arbeit und menschlichem Vertrauensverhältnis. Denn nur eine vertraute Basis lässt es zu, dass sich die Schauspieler dem Stückentwicklungsprozess gegenüber öffnen und Neumanns Arbeit zum Erfolg führt.
Es kommt auch schon mal vor, dass Neumann in Lehrermanier großzügig Referate zu relevanten Themengebieten verteilt, um aus diesen gemeinschaftlich Erkenntnisse zu beziehen und Zusammenhänge zu schaffen. Durch lockere Improvisationen erweitert Neumann seinen Ideenfundus, probiert bestimmte Phantasien und Konzepte aus, schöpft aus den Ergebnissen oder aber verwirft sie sofort. So organisiert er für die Mannheimer Schauspieler kurzerhand im Rahmen seiner Arbeit „Königs Moment“ einen lustigen Pokerabend, bei dem reichlich Whiskey fließt, um mit dem Thema „verlieren“ zu experimentieren. Für das Stück bleibt der Abend allerdings bedeutungslos. Es kommt nicht immer auf die Ergiebigkeit der Resultate an, vielmehr geht es um gedankliche Kettenreaktionen, die erst durch zahlreiche Experimente stattfinden können. Impulse sind in dieser Phase wie die Luft zum atmen.
Auch privat verlangt Neumann seinen Schauspielern ein hohes Maß an Engagement ab, indem er sie dazu ermutigt, sich persönlich mit den Thematiken auseinanderzusetzen und eigene Erfahrungen mit einzubringen. Ob sie nun auf der Suche nach dem idealen Haus ihrer noch unbekannten Figur durch die Straßen streifen, oder aber alle Hebel in Bewegung setzen, um an intime Details der Abtreibungssituation  einer Bekannten zu gelangen. Neumann ist es wichtig, seine Inhalte durch echte Erfahrungen zum Leben zu erwecken. „Meine Figuren sind Konstrukte... Alle Zutaten kommen aus der Wirklichkeit.“
Während der tatsächlichen Schreibphase arbeitet Neumann meistens die erste Hälfte des Tages gemeinsam mit den Schauspielern und nutzt die andere Hälfte um zu schreiben. Durch diese Interaktivität besteht die Möglichkeit, die Texte direkt zu erproben und ihr Gelingen auf Herz und Nieren zu prüfen. Im optimalen Fall ergibt sich dadurch neuer Stoff für die nächste Szene. In der Regel ist der endgültige Text erst ungefähr zwei Wochen vor der Premiere vollendet. Eventuelle Kürzungen und Änderungen können trotzdem noch vorgenommen werden.
Doch wie viel Einfluss nehmen die Schauspieler tatsächlich auf den Text? Macht sich Jan Neumann sein Autorenleben durch die Stückentwicklung einfach, indem er die Schauspieler seine Arbeit machen lässt? Nein, vielmehr wolle er „die kreative Kraft des Schauspielers nutzen, die mehr ist als nur Erfüllungsgehilfe zu sein, was in dem modernen Regietheater den Eindruck erweckt.“ Für ihn ist der Schauspieler nicht nur eine Marionette des Regisseurs oder des Stoffes, vielmehr trägt er kreative Verantwortung, die in einem Gruppenprozess zum Vorschein kommen muss. Dennoch betont Neumann, dass alleine der Autor über den Text entscheidet, sowie nur die Regie über die Umsetzung bestimmt. „Theater ist nicht demokratisch.“ Das Theater brauche eine Kraft, die organisiert. Es könne jedoch vorkommen, dass er sich als Autor beispielsweise von der verwendeten Sprache eines Schauspielers während der Improvisationen inspirieren lasse und diese zu einer eigenen Sprache der Figur ausarbeite. Letztlich ist es aber er, der den Text erschafft und dessen Name zu Recht über dem Stück steht. Häufig unterstreicht er, dass die Schauspieler in seinem Prozess vorrangig als „Beschleuniger“ agieren, ihn gedanklich voran treiben und in einer Schaffenszeit von nur sieben Wochen unverzichtbar sind.
Die Annahme, dass Jan Neumann immer den Weg einer Stückentwicklung wählt oder sie zumindest dem isolierten Schreiben im Kämmerchen vorzieht, liegt nahe, ist jedoch ein erneuter Trugschluss. Er habe keine Präferenz bei der Art zu schreiben, beide Prozesse hätten ihre Tücken und auch großen Freuden. Bei einer Stückentwicklung sei dennoch zu bedenken, dass die Zeit extrem knapp sei und ein unheimlicher Druck auf den Schultern von allen Beteiligten laste. Er verdeutlicht den Wahnsinn des ganzen Unterfangens, indem er erwähnt, dass ein Autor unter gewöhnlichen Umständen für einen komplett ausgereiften Text ein bis zwei Jahre Zeit benötige. Außerdem müssten schon im Vorhinein unangenehme Aufgaben wie Ankündigungen und Titel für das Programmheft, das schon Monate vorher erscheint, erfüllt werden.
Der enorme Druck kann allerdings auch produktive Formen annehmen, da er auch als Beschleuniger wirken kann. Neumann könne sofort entscheiden, ob er etwas interessant finde oder nicht, beim Schreiben müsse er es erst ausprobieren. Nicht nur der Autor profitiert von dem Prinzip Stückentwicklung, sondern in vielen Fällen bietet es auch gewisse Vorzüge für den Schauspieler. Er kann sich kreativ ausleben und durch die intensive Arbeit mit dem Autor ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er eine auf ihn zugeschneiderte Rolle erhält. Zu guter Letzt ist eine Art Qualitätssicherung des Textes möglich, da bereits nach kürzester Zeit Rückmeldungen durch die Schauspieler und Dramaturgen erfolgen.

Seine Zeit am Mannheimer Nationaltheater beschreibt Neumann als sehr schön. Besonders gut gefallen habe ihm die tolle Zusammenarbeit der einzelnen Abteilungen, gerade „auf den letzten Metern“. Beeindruckt zeigt sich Neumann bezüglich des Mannheimer Publikums: „Bei dem Mannheimer Publikum spürt man eine große Lust, ins Theater zu gehen. Diese große Liebe zum Theater hat man nicht in vielen Städten Deutschlands. Für die Mannheimer ist das Theater wichtig.“

Ob er zufrieden mit der Mannheimer Inszenierung sei? Durchaus, wobei sich Neumann auch vorstellen könne, das Stück eines Tages selbst als Regisseur auf die Bühne zu bringen und seine eigenen Phantasien zum Leben zu erwecken. Und da kitzelt sie ihn  wieder, seine Phantasie und Beobachtungsgabe, die er als wichtigen Bestandteil seines Berufes begreift. „Ich glaube wir Menschen müssen andere Menschen sehen und dass man als Autor, aber auch als Regisseur und Schauspieler den Fokus lenken kann auf menschliche Kleinigkeiten eigentlich, die in der Gesamtheit das Ganze aber wieder ausmachen.“ Es sind diese Kleinigkeiten, dieses aufmerksame Hinschauen Neumanns, die seine Stücke so eindringlich machen. Er beschreibt sein Verhalten als „nichts anderes als ein Hinhören oder Hingucken und Hinfühlen an das, was die Welt ist.“ Und das macht er sehr gut.


Nora Alem und Susanne Cleiß (Teilnehmerinnen des Proseminars „Von Friedrich Schiller bis Jan Neumann. Hausautoren am NT, Januar 2009)


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