Pressestimmen Orchester Spielzeit 2011/2012


So war’s 2011/2012 am NTM
Kritische Betrachtung: Wir bilanzieren eine Saison voller Turbulenzen – Der künstlerische Ertrag wirkt durchwachsen

Spielzeit 2011/2012<br />
Spielzeit 2011/2012

Die Mannheimer Morgen Redaktionsmitglieder S. M. Dettlinger und R.-C. Langhals diskutieren die Spielzeit 2011/12.

Im Anfang war ein Aufreger: Die ehemalige Generalintendantin Regula Gerber hat die Corporate Identity des Nationaltheaters geändert. Das geliebte Haus hieß plötzlich NTM, das elegante und transparente Erscheinungsbild machte etwas Monumental-Buntem Platz. Mannheim war entsetzt! Weitgehend. Aber war die Entscheidung falsch? Aus heutiger Sicht kann man durchaus der Meinung sein: Nein! Denn bunter, menschlicher und lebendiger wirkt, was das Theater heute ausstrahlt. Überschattet wurde die Diskussion Mitte der Saison nur noch von Gerbers Krankheit und ihrem Rückzug - Dinge, die mit dem Theater ums Theater und nicht mit ihm selbst zu tun haben. Doch wie sah die Saison ästhetisch aus? Wir blicken zurück.

Musiktheater

Die Pannenstatistik ist so verheerend, da fällt es schwer, über Inhalte nachzudenken. Trotzdem: Nach einem Totalausfall ("Stiffelio"), Regisseurswechseln ("Temistocle", "Ring") und Abreisen ("Outcast", "Temistocle") bleibt ein umstrittenes, aber aufsehenerregendes "Ring"-Projekt von Achim Freyer. Unfallfrei verliefen außerdem zwei eingekaufte Produktionen: "Lucia" und "Avenue Q". Das ist viel zu wenig! Klaus-Peter Kehr schafft es weder, sich mit seiner Arbeit in die Herzen der Menschen zu spielen, noch für ästhetische Aufregung zu sorgen (wie zuletzt noch mit "Lohengrin"). Die Regie-Qualität ist zu schlecht, die Werkauswahl zu einseitig. Zudem: Mit "The Outcast" und "Temistocle" wurden zwei absolute und teure Repertoireleichen produziert. Zwar steht das Sängerensemble gut da, doch hat man den Eindruck, GMD Dan Ettinger bemühe sich zu wenig um die Spielkultur des Orchesters. Nur so lässt sich eine katastrophale Leistung wie in der "Rheingold"-Premiere erklären. Fazit: So geht es nicht weiter. Wir brauchen Publikumslieblinge, aufregendes Musiktheater und hohe musikalische Qualität.
Die neue Saison beginnt mit dem "Baby Tanz Fest" in der Alten Feuerwache am 12. September.
Die eigentliche Eröffnung ist aber am 16. September, wenn das Nationaltheater-Orchester (NTO) und Solisten um 19 Uhr im Opernhaus ihr Eröffnungskonzert mit Ouvertüren und Arien geben. Die Leitung hat nicht GMD Dan Ettinger, sondern der Kapellmeister im Dauereinsatz: Alois Seidlmeier. Dabei werden auch vier neue Sänger zu erleben sein.

Am 23. September ab 14 Uhr findet das traditionelle Theaterfest statt.
www.nationaltheater-mannheim.de

Kevin O'Day Ballett Mannheim

Der Tanz hat es geschafft in Mannheim - zehn Jahre hat es gedauert. Zeitgenössisch Eruptives aus der Hand des Amerikaners Kevin O'Day verstörte Mannheims Tanzpublikum anfangs. Man reagierte, steuerte aber zu stark in Richtung bilderreiche Publikumsnähe, bei Kritikern fiel gar das böse Wort Gefälligkeit. Doch nun hat man den Bogen raus: Als Folge einer Laborentwicklung stehen modernisierte Handlungsballette gleichwertig neben impulsiver Moderne und bildstark getanzten Biografien mit großem Zuspruch. Dominique Dumais' Choreographie "Rilke" ist eine echte Erfolgsgeschichte, die den Spagat zwischen Anspruch und Spielplantauglichkeit glänzend demonstriert. Auch der Ausbau der zunehmend beliebteren (und runderen) Choreographischen Werkstätte hat sich gelohnt: Das Format hat Kultcharakter entwickelt und eine echte Fangemeinde, die sich an kreativen Schnellschüssen und Wagemut erfreut. Das Geheimnis des Erfolges: Man hat das Eine getan ohne das Andere zu lassen - und sich entwickelt.

Schauspiel

Burkhard C. Kosminski ist es gelungen, ein Ensemble zu formen, das aller Ehren wert ist. Da steht das Jungtalent neben reifen Darstellern mit beeindruckender Vita. Alle Charakter- und Epochenfarben können besetzt werden. Leider hat Kosminski wieder kein Händchen für "klassische" Stoffe bewiesen. Einzig Ibsens "Nora" und Goethes "Iphigenie" kommen auf respektables, hausübliches Niveau, das aber von überregionaler Ausstrahlung nur träumen kann. Diese ersehnte sich Kosminski mit dem Amerika-Schwerpunkt, der als Flop gewertet werden darf. Wenn Tony-Kushner-Stücke zur deutschsprachigen Erstaufführung für Mannheim übrigbleiben, hat das seinen Grund. Mit dessen "IHo" konnte man deshalb nicht an den Erfolg "Osage County" anschließen. Auch mit den deutschen Hoffnungsträgern Sibylle Lewitscharoff und Dietmar Dath handelte man sich mehr Häme als Ruhm ein. Katastrophal ist das alles nicht, Theater lebt eben vom Versuch. Skandalöses ist in Mannheim ebenso selten wie Genialisches. Doch der Status quo ist ordentlich, wenngleich er nicht zu selbstbewussten Höhenflügen berechtigt.
Kinder- und Jugendtheater

Verwöhnt ist Mannheim vom Schnawwl - und umgekehrt. So modellhaft und vorbildlich das Haus unter Andrea Gronemeyer auch ist und soviel es alltäglich leistet - manchmal müsste man die Frage stellen, ob der Ehrgeiz nach Branchenwertschätzung nicht zu weit oben angesiedelt ist. Anspruch ist gut, Spaß aber auch nicht schlecht im Kindertheater. Internationaler Austausch bringt ebenfalls viel Ehre, aber weniger (renommierte) Ägypten-, Indien-, Brasilienprojekte bedeuteten mehr Spiel für Kinder der Region. Dennoch, so läuft der Hase eben im Jugendtheater, und Mannheim rangiert durch kontinuierliche und (fast zu "seriöse") Arbeit ganz weit oben in der Bundesliga.

Junge Oper

Ähnlich bei der Jungen Oper. Sie arbeitet gut, bringt bisweilen intellektuell trockengelegtes Musiktheater für Kinder und Jugendliche heraus ("Echt?"), hat aber auch richtige Knaller: "Neumond" von Lucia Ronchetti war einsamer Höhepunkt des Mozartsommers. Insgesamt: wichtige Arbeit bei der Heranführung junger Menschen ans (Musik-)Theater.

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Ludwig van Beethoven
Symphonie Nr. 9 d-moll op.125
Musikalische Leitung: Dan Ettinger

Neujahrskonzert 01.01.2012
Solisten: Ludmila Slepneva, Edna Prochnik, Jürgen Müller, Thomas Berau

Konzert am 02.02.2012
Solisten: Cornelia Ptassek, Edna Prochnik, Endrik Wottrich, Karsten Mewes


Bei seinem  Neujahrskonzert hat das Mannheimer Nationaltheater ein abendländisches Kulturmonument präsentiert: Beethovens neunte Sinfonie. Adel verpflichtet! Das Konzert wurde zur Chefsache erklärt, und unter Generalmusikdirektor Dan Ettingers impulsiver Leitung kam eine dem Werk adäquate, im voll besetzten Opernhaus umjubelte Aufführung zustande. [..]
Die Wiedergabe der Beethovenschen Neunten im Mannheimer  Neujahrskonzert überzeugte durch ihre überlegen disponierte, groß angelegte sinfonische Linie. Vom ersten bis zum letzten Takt spielte das Nationaltheater-Orchester angespannt, kompakt, mit entschlossenem Zugriff und in keinem Augenblick nachlassender Konzentration. Intensität der Klangrede war durchweg groß geschrieben. Mit explosivem Nachdruck wurden die großen Verdichtungen und erregenden Steigerungen des ersten Satzes nachvollzogen, und durch geballte sinfonische Klanggewalt nahmen die monumentalen Höhepunkte die Zuhörer gefangen   (Die Rheinpfalz, 3. Januar 2012)

Nun zünden die geschärften Akzente, strömt die Energie aus überwölbenden Bindungen, setzt Dan Ettinger harte Zäsuren und entfacht ein drängendes Legato. Es wird großartig musiziert. Die Holzbläser! Aber auch alle anderen Mitglieder des Orchesters steuern mehr als Hochachtbares bei, wenn es gilt, nach den vielen Anläufen, Umleitungen und Klangstaus endlich dort anzukommen, wohin der Verkündigungsmodus der Ergriffenheit Beethovens von Anfang an will: auf die Gipfel wuchtiger Erhabenheit im Finale.
Für diese hymnischen Höhenflüge ist der prächtig singende Chor des Nationaltheaters zuständig, ergänzt durch ein überaus bemerkenswertes Solisten-Quartett (Ludmila Slepneva, Edna Prochnik, Jürgen Müller und Thomas Berau).   (Mannheimer Morgen, 3. Januar 2012)



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