Pressestimmen Orchester Spielzeit 2012/2013


8. Akademiekonzert 24./25. Juni 2013
Dirigent: Dan Ettinger
Sopran: Dorothea Röschmann
Werke von Hector Berlioz

Die Franzosen nennen ihn ein "monstre sacré", einen Superstar der Musik: Hector Berlioz. Ihm widmet Dan Ettinger das achte Akademiekonzert im Mannheimer Rosengarten. Das macht durchaus Sinn im Richard-Wagner-Jahr, denn der 1803 geborene Berlioz hat - wenn auch etwas versteckt - seine Spuren in Wagners Schaffen hinterlassen. Er hat auch Franz Liszt begeistert und ihn einst zur Prägung des Begriffs "Symphonische Dichtung" inspiriert.

Überdies hat Hector Berlioz einen weiteren Zeitgenossen, Robert Schumann, beeinflusst, vermutlich gegen dessen Willen. Der schrieb sehr anschaulich: "Wie ein Wetterstrahl leuchtet er, aber auch einen Schwefelgestank hinterlässt er."
So hat die "Symphonie fantastique" auf den deutschen Romantiker gewirkt. Sie zeugt von einer intensiven Beschäftigung mit Goethes "Faust" und basiert auf Visionen. Der Inhalt: die mörderische Liebe eines von Rauschgift benebelten Künstlers. Die Titel der fünf Sätze lauten "Träumereien - Leidenschaften", "Ein Ball", "Szene auf dem Lande", "Der Marsch zum Richtplatz" und "Traum einer Walpurgisnacht". Den Wortlaut des zugrundeliegenden Programms hat Hector Berlioz im Laufe von rund 25 Jahren gleich drei Mal geändert, um das Verständnis für den "dramatischen Plan" des Werks zu wecken.
Der Komponist musste zunächst erleben, dass die Uraufführung an den immensen Anforderungen dieses neuartigen Monstrums scheiterte. In seinen Memoiren schildert er das Chaos, das entstand, als er von den Theaterdirektoren verlangte, ihr 50-Mann-Orchester auf insgesamt 130 Musiker zu vergrößern.

Der "Symphonie fantastique" gehen die Orchesterlieder "Les nuits d' été" (übersetzt: Die Sommernächte) voraus. Sie werden von der Sopranistin Dorothea Röschmann interpretiert, die sich international sowohl im kammermusikalischen Rahmen als auch auf der Konzert- und Opernbühne einen Namen gemacht hat. Sie arbeitet unter anderem mit den Dirigenten René Jacobs und Nikolaus Harnoncourt zusammen. Vor einigen Monaten debütierte sie schließlich in Berlin als "Rosenkavalier"-Marschallin; am Pult stand damals Simon Rattle. Nach ihren Auftritten im Rosengarten stehen die Salzburger Festspiele auf ihrem Terminkalender. In der Felsenreitschule wirkt sie an einer Aufführung von Mahlers 4. Sinfonie unter der Leitung von Cornelius Meister mit.
Monika Lanzendörfer,  Mannheimer Morgen, 20.06.2013

Tschüss, Konzertmeister Robert Frank
Gestern Abend verabschiedete die Musikalische Akademie des NTO nach dem Dienstagkonzert ihren langjährigen Ersten Konzertmeister Robert Frank (58) krankheitsbedingt in den vorzeitigen Ruhestand. Frank studierte in Philadelphia und kam 1983 ans NTM. Daneben gehörte er viele Jahre dem Festspielorchester Bayreuth an und hat sich auch in der Sakralmusik der Region ein Denkmal gesetzt. Er profilierte sich durch unzählige Soli in Oper und Konzert und wurde auch von der Musikalischen Akademie gern und oft als Solist für das große romantische Repertoire (Bruch, Mendelssohn, Wieniawski, Lalo) engagiert. Orchester und Publikum feierten den scheidenden Künstler enthusiastisch.
WB, Mannheimer Morgen, 26.06.2013

Diese Franzosen! Von wegen: Die haben die Form gepachtet! Haben sie nicht. Der Beweis: Berlioz, Hector Berlioz. Der schrieb mit rund 27 sein bekanntestes Werk, die "Symphonie fantastique", und mit rund 37 eines seiner unbekanntesten, seine sechs Lieder "Les nuits d'été" nach Gedichten von Théophile Gautier. Beide Stücke stehen auf dem Programm des letzten Akademiekonzerts der Saison. Beide kranken - bisweilen - eben gerade daran, dass die Form nicht hält, präsent ist oder ausgefüllt wird. Da kann Hartmut Becker im Programmheft Berlioz noch so sehr als Neuerer loben, kann gar spekulieren, Berlioz sei "vielleicht" der Einzige, auf den die Bezeichnung "großer Visionär" zutreffe - Berlioz wird dadurch kein größerer Komponist.

Was freilich nicht heißt, dass er nicht schon recht groß wäre. Vor allem als Klangentwickler und Beschleuniger der "idée fixe" Carl Maria von Webers, einer Art Leitmotiv, tritt er uns entgegen, als einer, der mit einem Bein in der Spätklassik und im italienischen Belcanto steckt, mit dem anderen aber schon in der Spätromantik marschiert, die der Filmmusik Hollywoods Vorschub leistet. Das ist er: Berlioz in seiner unbegreiflichen Gegensätzlichkeit.
Zunächst aber: Dorothea Röschmann, die berühmte Sopranistin. Sie singt "Les nuits d'été". Röschmann ist manchen eine der besten lyrischen Sopranistinnen weltweit. Das klingt, als sei sie prädestiniert für diese sehr lyrische und sich teils mäandrisch bewegende Musik von Berlioz. Wider Erwarten zeigt sich aber, dass sie eher in den wendigeren Passagen des letzten Lieds, "L'île inconnue" (Die unbekannte Insel), am besten klingt, dass sich da ihre leuchtende Höhe, das feine Schimmern und kräftige Beben am eindrucksvollsten entfalten. Mitunter könnte das daran liegen, dass sie keine sehr schwere Stimme hat, der Mozartsaal aber wohl sehr groß ist.
Folglich drohen sich langsam fortbewegende Phrasen wie in "Sur les lagunes" an Spannung zu verlieren - hinzu kommt, dass Röschmann vielleicht zu wenig charakterisiert, konsonantisch deklamiert und mit gestalterischen Farben spielt. Für Berlioz' zerbrechliche Lieder, die vom Nationaltheaterorchester (NTO) unter seinem Generalmusikdirektor Dan Ettinger hochsensibel, ja, fast schon überweich begleitet werden, ist das nicht immer hilfreich. Deswegen neigt sich die atmosphärisch eher monochrome und formal eben fragile Musik tendenziell der Auflösung zu, was zwar Reiz hat, bisweilen aber auch stört.

Indes: Wie gut das NTO in Form ist, zeigt sich dann auch - und vor allem - in der "Symphonie fantastique", die mit ihrem von Todesglocken und gellendem Lärm begleiteten "Traum von einer Sabbatnacht" furios endet. Berlioz erzählt hier von sich selbst, von seiner schier irrsinnigen Liebe zur Idealfrau, der englischen Schauspielerin Harriet Smithson, die hier eben zur Hexe wird. Das NTO brilliert. Virtuose Holz- und brillante Blechbläser, satte und kompakt aufspielende Streichersequenzen sowie auf den Punkt schlagende Percussionisten - der fünfte Satz steigert sich schon zu einem katastrophischen und physisch erlebbaren Alptraum.
Und Ettinger dirigiert gut. Sehr gut. Er kennt die Partitur quasi auswendig. Nicht das kleinste Detail entgeht ihm. Deswegen gerät der musikalische Fluss selbst in den strukturschwachen Sätzen "Rêverie" und "Scène aux champs" dicht. Und während der Walzer in der Ballszene nach fast an Science-Fiction erinnernden harmonischen Rückungen fast etwas betrunken schunkelt, kommt der "Marche au supplice" - absichtlich - so träge daher, dass der von Opium betäubte und des Mordes angeklagte Ich-Erzähler, der sich träge zum Richtplatz schleppt, buchstäblich greifbar wird. Dies sind exemplarische und exemplarisch dargestellte Beispiele für beste Programmmusik.
Ettinger wird langsam zum stilprägenden NTO-Dirigenten. Sollte er seinen Vertrag bis 2015 verlängern, gehört er mit dann sechs Jahren schon zum alten GMD-Eisen. Seit Hans Wallat (1970-80) war keiner länger da. Und glaubt man dem euphorischen Publikum an diesem Abend: Die Freude darüber wäre groß - so wie dieser Berlioz-Abend.
Stefan M. Dettlinger, Mannheimer Morgen, 26.06.2013

Ein reines Berlioz-Programm gab es beim 8. Mannheimer Akademiekonzert im Rosengarten, geleitet von GMD Dan Ettinger. Die sechs Orchesterlieder "Les nuits d'été" sang die Sopranistin Dorothea Röschmann mit kräftig leuchtendem Organ und funkelnder Glut, ließ reiche Stimmungen strömen und zarte Valeurs schweben. Das Geheimnisvolle von "Sur les lagunes" steigerte die Sängerin zu glühendem Wehklagen, und ihren farbenreich timbrierten Sopran ließ sie im Schlusslied "L'ile inconnue" eingebungsvoll fluten. Diskret und wie auf Samt begleitete das Nationaltheater-Orchester, das bei der "Symphonie fantastique" zu großer Form auflief.
Dan Ettinger zeigte ein treffliches Händchen für die Partitur, für seine Feinheiten ebenso wie für seine Bizarrerien. Ganz delikat wurde das Träumerische im Kopfsatz geformt in schwebenden Klängen, in klingenden Sehnsüchten und Sinnlichkeit. Auch die Leidenschaften kamen zu ihrem Recht, stringent und klar im Aufbau. Lebensepisoden eines schwer verliebten und von Drogen berauschten Künstlers schildert Berlioz bekanntlich in dieser bahnbrechenden Sinfonie. In straff geführtem Schwung kam die rauschhaft durchtanzte Ballnacht (2. Satz), wobei die vier Harfen ihr walzerbeseeltes Spiel vorne an der Rampe klangvoll perlen ließen.
Zart formuliert wurde der langsame Satz ("Szene auf dem Lande"), mit entspannter Stimmung der "Schalmeienmelodien" der Schäfer, die von fern und nah ertönten. Das Träumerische wehte in dieser Idylle nach und sei es in gespensterhaften Stimmungen. Und auch die fernen Gewitter, das leise Donnergrollen der Pauken entfaltete schönste Atmosphäre. Überaus aufmerksam ließ der Dirigent Klänge und Farben sich entwickeln, gab ihnen ebenso viel Feinsinn wie eloquente Bedeutsamkeit. In den beiden Schlusssätzen zeigte sich Ettinger keineswegs einzig an effektvollem Spektakel interessiert, formte vielmehr sehr plastisch ein hoch beredtes Drama. Aufgeweckt und schön burlesk musizierten die Holzbläser, wurde im Finale ein herrlich dämonisches Szenario gezeichnet, erfüllt von höchst virtuosem Drive und gekrönt von einem am Ende orgiastisch aufrauschenden Hexensabbat.
Einen grellen und hochvirtuosen Spuk inszenierte das Orchester mit bizarren Wirkungen, hochspannend erzählt. Dabei kam die reiche Farbenpalette der Partitur sowie die kühne Instrumentierung mit der satten Sonorität der zwei Basstuben, den gespenstischen Streicherklängen, den geifernden Holzbläsertrillern und den revolutionären Schlagzeug-Klängen zu stärkster Wirkung. Da hatte der Künstler-Held seinen schönsten Albtraum.
Rainer Köhl, Rhein-Neckar-Zeitung, 27.06.2013

Nach oben


7. Akademiekonzert 13./ 14. Mai 2013
Dirigent: Dan Ettinger
Komponist: Richard Danielpour

Orchesterstück mit Happy End


© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 15.05.2013


von Hans-Günter Fischer


So ein kleiner Irrtum kann passieren. Richard Danielpour sei von den "Klangvorstellungen großer amerikanischer Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Benjamin Britten, Samuel Barber, Aaron Copland und Leonard Bernstein beeinflusst", heißt es auf der Website der Musikalischen Akademie des Mannheimer Nationaltheater-Orchesters. Aber dass der Brite Britten streng genommen nicht dazu gehört, ist kaum entscheidend: Danielpours Eklektizismus macht vor Länder- und Kontinentalgrenzen nicht Halt. Der 57-jährige New Yorker Komponist macht sich in seinem neuesten Orchesterstück - es ist ein Auftragswerk der Mannheimer Akademie - sogar zu einer Pilgerschaft zu Bach auf, einem kleinen Trip zum Fundament der abendländischen Musik. Auch wenn der wenig mehr als eine Viertelstunde dauern darf.


Rückwärts in Geschichte


Nicht Bernstein, Copland oder Barber waren es, die einst den jungen Danielpour dazu bewegten, Komponist werden zu wollen. Es war Bach, durch eine Aufführung seiner "Matthäus-Passion". Einen Choral daraus, "Ich bin's, ich sollte büßen", nimmt er nun in "Vox Humana" (einem trotz des Titels rein instrumentalen Stück) zum Ausgangs- oder vielmehr Zielpunkt. Etwas steinig ist der Weg dahin, er führt uns in gewisser Weise immer weiter rückwärts in die abendländische Musikgeschichte. Schostakowitschs Scherzi und Strawinskys "Sacre"-Rhythmen bauen kleine Hindernisse auf. Doch sind das maßvolle, berechenbare Radikalitäten, Tonfälle, an die wir gerne das Vertraute suchende Konzertbesucher uns jahrzehntelang gewöhnen konnten. Auch die Nationaltheater-Musiker unter Dan Ettinger haben im Mozartsaal des Rosengartens keine Schwierigkeiten mit der Uraufführung dieses Werks. Der kooperative Danielpour gibt ihnen aber durch die reiche Instrumentation und Koloristik, mehr noch durch die impulsive Rhythmik, viel Gelegenheit, zu glänzen. Ob man derart populär und Avantgarde-fern komponieren darf, ist eine Frage, die sich heutzutage nicht einmal in Deutschlands lutherischsten Winkeln stellt. Natürlich darf man. Richard Danielpour, der Künstler aus Amerika, schreibt ein Orchesterstück mit Happy End. Zum Schluss hin, in den Celli, taucht der Bach-Choral auf, und ein Vibraphon umzüngelt und umgarnt ihn. Der Choral spricht zwar von Buße, aber auch von Läuterung und Heilung. Danielpour, der Mann mit persisch-jüdischen Familienwurzeln, strebt nicht nur in musikalischer Beziehung nach Verständigung. Sein humanistischer Impuls ist glaubhaft und authentisch. Fast authentischer als seine Kunst. In Mannheim wird der kleine, etwas untersetzte Mann vom Publikum gefeiert.


Weite Bühne für Mahler


Sonst gibt's noch Prokofjew mit der eher selten aufgeführten "Ouvertüre über hebräische Themen" und die eher häufig aufgeführte erste Sinfonie von Mahler. Die Prokofjew-Ouvertüre würde wohl in kammerorchestraler Darstellung noch besser wirken als in großsinfonischer; ihr wird ein ziemlich langer Frack verpasst. Die Klezmer-Klarinette ist da nur noch eine Zutat unter anderen. Bei Mahler öffnet sich die Bühne weit und repräsentativ, es geht hier schließlich um Musikgeschichte: Die Naturlaut-Einleitung der Ersten macht die Klangfarbe zu einer eigenständigen Kategorie und Dimension. Akademie-Vorstand Johannes Dölger spielt im dritten Satz sein "Bruder Jakob"-Solo auf dem Kontrabass sehr rund und kultiviert, nicht kratzig wie im Wirtshaus um die Ecke - was den Intentionen Mahlers auch nicht fremd gewesen wäre.


Doch das passt zu einer Darstellung, die sich für viele lyrische Momente Zeit nimmt und auch im Finale die berühmte Vorahnung des Adagiettos aus der Fünften sanft und sicher bettet. Dieser sonst ja mächtig aufgewühlte, disparate Schlusssatz ist die eigentliche Prüfung für den Dirigenten. Und Dan Ettinger besteht sie ziemlich eindrucksvoll. So aufgeräumt tönt das nicht immer.

Nach oben


7. Akademiekonzert 13./ 14. Mai 2013
Dirigent: Dan Ettinger
Komponist: Richard Danielpour

Ein Interview - Mit dem Publikum kommunizieren


Komponist Danielpour über seine „Vox Humana“, die jetzt vom NTO unter Dan Ettinger uraufgeführt wird


© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 08.05.2013


von Stefan M. Ettlinger


Einst erhielt er einen Grammy. Das war 1998. Jetzt kommt der US-amerikanische Komponist Richard Danielpour nach Mannheim und stellt im 7. Akademiekonzert sein neues Werk "Vox Humana" vor. In dem von GMD Dan Ettinger geleiteten Konzert erklingt noch Prokofjews Ouvertüre über hebräische Themen op. 34 sowie Mahlers Erste, bekannt auch als "Der Titan". Wir tauschten uns mit Danielpour über sein Werk aus.


Hallo Mister Danielpour, wo sind Sie gerade?


Richard Danielpour: Wir sind in New York. Es ist Montag. Wir fahren bald nach Paris, und am 9. Mai kommen wir in Mannheim an.


Sie sind als offener Komponist bekannt, der mit dem Publikum tiefe Emotionen austauschen kann und dies trotzdem mit einfachen Mitteln tut, die wiederum keinen Kompromiss mit kompliziertem zeitgenössischem Denken eingehen. So ähnlich schrieb die "New York Times" über Sie. Sind Sie ein Romantiker?


Danielpour: Nein, ich bin kein Romantiker, ich bin ein Neoklassizist mit einer lyrischen und hochexpressiven Note in meiner Musiksprache. Meine Hauptlehrer waren Bernstein und Vincent Persichetti. Die Komponisten, die für mich als Student wichtig waren, sind Mahler, Bartók, Britten, Copland, Strawinsky, Schostakowitsch. Ich sehe mich in einer Linie mit Mahler, Bernstein und Corigliano. Meine Musikbibel heute: Bach und Mozart. Außerdem bin ich ein amerikanischer Komponist mit persischen, also iranischen Wurzeln, was mein Werk oft in ganz eigener Weise koloriert.


Sie müssen wissen, in Europa glaubte man sehr lange an die Moderne, an die serielle Schule, an so etwas wie Komplexität. Kennen Sie diese Art von Musik? Wie denken Sie darüber und über Komponieren heute im Allgemeinen?


Danielpour: Die Vorstellung davon, was modern ist, wechselt ja von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und von einer Kultur zur anderen. Mein Vorbild war immer Mahler, nie Schönberg. Aber ich habe natürlich viele moderne Kompositionstechniken gelernt, ohne jemals ein Serialist oder ein abstrakter Expressionist geworden zu sein. Mich interessiert alle Musik, aber ich klinge nicht wie die, von denen ich gelernt habe.


Kennen Sie die "Mannheimer Schule"?


Danielpour: Nein, Sir!


Das ist verwunderlich, weil sie vor Mozart die führende europäische Kompositionsschule war. Aber was ist eigentlich die Idee hinter Ihrer "Vox Humana", die in Mannheim uraufgeführt wird?


Danielpour: Oh nein, doch, die Tradition der Mannheimer Komponisten kenne ich natürlich, die Mannheimer Rakete, Stamitz und so weiter. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich den Kompositionsauftrag des ältesten Orchesters weltweit angenommen habe. Ich dachte, Sie sprechen von einer heutigen Schule. Entschuldigen Sie das Missverständnis. Aber zu "Vox Humana": Ich schrieb das mit der Idee, dem gesamten Werk einen Bach-Choral aus der "Matthäuspassion" zugrunde zu legen - ein Werk, das, als ich es mit 16 erstmals hörte, meinen Entschluss, Komponist zu werden, maßgeblich beeinflusst hat. Der Choral handelt von Vergebung und Reue und ist hörbar am Ende meines 15-minütigen Werks von vier Celli im Orchester. Strukturell wollte ich eine Art umgekehrtes Variationswerk schreiben, an dessen Ende das Thema steht. Das Stück heißt "Vox Humana", weil ich glaube, dass wir als menschliche Wesen nur in Harmonie zusammenleben können, wenn sich unsere menschlichen Stimmen mit einem gemeinschaftlichen Verstehen treffen, mit Vergebung und Versöhnung. Der Choral ist eine Erinnerung daran, was wir allzu oft vergessen, aber unbedingt brauchen in diesen Zeiten von Angst und Zweifel.


Denken Sie denn dann auch, dass Sie mit Ihrer Musik das menschliche Dasein verbessern können?


Danielpour: Also zurzeit kann ich niemanden zwingen, irgendetwas zu tun - das ist zu hoch für uns Menschen. Aber Musik kann manchmal als Katalysator die Menschen einladen, anders über jene Dinge zu denken, die wirklich wichtig im Leben sind. Das ist der Fall bei vielen Werken, die in den letzten Jahrhunderten geschrieben wurden, bei Beethovens Neunter, Brahms' "Deutschem Requiem", Mahlers Zweiter, Schostakowitschs Zehnter. Sie sind nicht Befehle, sondern Einladungen zu Heilung und Entschädigung. Aber wir haben natürlich einen freien Willen und eine freie Wahl als Menschen.


Für Ihr Cellokonzert erhielten sie 1998 einen Grammy. Was bedeutet er Ihnen? Was sagt er über Ihre Musik?


Danielpour: Ach, ich habe viele Auszeichnungen bekommen über die Jahre. Die schönste Auszeichnung und Belohnung ist aber immer noch die, wenn ich weiß, dass ich mit dem Publikum auf einem persönlichen Level kommuniziert habe. Als ich Student war, dachte ich, meine Fähigkeiten seien durchschnittlich. Was mich aber anders machte, war die Tatsache, dass ich, wenn ich etwa den 2. Satz aus Beethovens Siebter hörte, spürte, dass Beethoven selbst zu mir sprach - nicht nur, weil ich verrückt genug war, zu glauben, er tat es, nein: Er tat es wirklich. Da war für mich klar, dass es diese Art war, wie ich mit "meinem Publikum" kommunizieren will, eben auf einem sehr persönlichen Level.

Nach oben


6. Akademiekonzert 15./16. April 2013
Dirigent: Dan Ettinger

Musik im magischem Dreieck


Beim 6. Akademiekonzert widmen sich Dan Ettinger und das NTO überzeugend den Schumanns und Brahms


Mannheimer Morgen, Mittwoch, 17.04.2013


von Stefan M. Ettlinger


Es beginnt mit einem fast historisch zu nennendem Kuriosum: In der Mitte der Bühne im Mozartsaal stehen ein Steinway und gähnende Leere. Die Stühle der Orchestermusiker sind in den Hintergrund gerückt. Spannung. Plötzlich kommen Generalmusikdirektor Dan Ettinger, Konzertmeister Andrei Rosianu und Cellist Fritjof von Gagern und spielen Schumann. Clara Schumann. Der erste Satz aus ihrem Klaviertrio g-Moll wird gegeben. Bewegt klingt das, das erste, eher lyrische Thema der Violine schält sich anfangs zwar noch mühsam aus dem Klavierklang heraus, allmählich aber entwickelt sich ein vitaler, dynamischer Dialog zwischen den drei Instrumenten, der in eine rhythmische Stauchung gelangt, sich wundersam befreit und in einen interessanten Echo-Effekt von repetierten Klavierakkorden mündet. Eine nette Idee, Clara (Schumann) Robert (Schumann) und Claras vermeintlich späteren Geliebten Johannes (Brahms) hinzuzufügen, allein: Eine Chance hat sie in den zehn Minuten nicht, denn was folgt, sind zwei romantische Kolosse, die das zarte Trio-Pflänzchen schnell vergessen lassen. Und sie (die Kolosse) wehen überzeugend in unsere Köpfe hinein. Da ist zunächst Roberts 4. Sinfonie – die erste, deren Sätze mit einem Attacca-Hinweis ineinander übergehen sollen. Fast wie eine Passion klingt, was das NTO mit dem d-Moll-Werk in der ziemlich langsamen Einleitung anstellt. Voller Schmerz. Voller Beseeltheit. Voller Intensität. Nur die Pauke rumpelt (über den ganzen Abend immer wieder) ein bisschen arg. Und das beschleunigende „Stringuendo“ mündet schlüssig in ein elastisch federndes „Lebhaft“. Ettinger kann mit dem Orchester auch tanzen. In der „Romanze“ gelingt die melodische Koppelung von Oboe und Cello traumwandelnd, das Scherzo beeindruckt mit sprühender Energie und schönen Abphrasierungen, und im Finale steigert sich das Orchester mit einem straffen und konzentrierten Klang, mit feurigen Synkopen und wirbelnden Presto-Läufen zu fulminanter Feierlichkeit.


Von musikalischer Impotenz


Wagen wir eine These: So geordnet, fein, kleinteilig und gleichzeitig dionysisch stürmend wäre Ettinger dies vor zwei, drei Jahren noch nicht gelungen. Zu seiner immer schon existenten Virtuosität, sich emotional dirigentisch recht konkret ausdrücken zu können, ist so etwas wie Klarheit und Übersicht gekommen. Er hat einen großen Sprung gemacht. Dies hört man nicht nur. Auch seine etwas ruhiger und kompakter gewordene Körpersprache zeigt es.


Schumann wird von Ettinger organisiert. Brahms aber zelebriert der GMD. Und das tut dem alten Hamburger (der in Wien starb) gut, dessen Vierte es 1895 durchaus schwer hatte, ja, die sogar den Spott und Hohn Hugo Wolfs über sich hat ergehen lassen müssen, der in einem der großen Fehlurteile der Wiener Musikkritikgeschichte konstatierte, es handle sich bei dem neuen Werk um „die Sprache der intensivsten musikalischen Impotenz“. Dass dem mitnichten so ist – nicht weniger als dies beweisen das NTO und Ettinger in diesem Akademiekonzert. Einen warmen, wohligen Brahms-Sound lassen sie von der Bühne herabwehen. Dieser Brahms hat Flügel, er ist vorsichtig, zerbrechlich und empfindsam, voller Seele und hat jene romantische Innigkeit, deren fast gewichtslose Erdenferne bisweilen schon die späten Klavierstücke (op. 116-119) aus den 1890ern


erahnen lässt.


Wer jetzt denkt, dies könne langweilig werden, liegt falsch: Das Faszinierende ist ja, dass das NTO trotzdem noch zupackt. Dass die Polyrhythmik (immer wieder das typisch Brahms’sche zwei gegen drei der Schläge) sich exakt und harmonisch abspielt. Dass die farbige Instrumentierung, die bei Brahms freilich um Längen besser ist als beim zu dicht setzenden Schumann, in wunderbaren Holz- und Blechbläserfarben schimmert. Dass so ein Satz wie das Allegro giocoso mit seinen freudigen C-Dur-Abschwüngen, den federnden Galopp-Rhythmen und quirlig perlenden Holzbläserläufen trotz schöner Ordnung beherzt und angriffslustig klingen. Und schließlich: Dass der letzte und komplexe Variationssatz uns unfallfrei, mit harmonischen Tempoübergängen und einem satten, ja, makellos zu nennenden Sound berauscht, das ist der Gipfel dieses zu Recht gefeierten Abends. Und das ist alles andere als kurios.

Nach oben


6. Akademiekonzert 15./16. April 2013
Dirigent: Dan Ettinger

Clara, Robert und Johannes


Im Akademiekonzert widmet sich Dan Ettinger Brahms und den Schumanns


© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 11.04.2013


von Waltraud Brunst


Das sechste Akademiekonzert der Saison wartet mit einem in mancherlei Hinsicht ungewöhnlichen Programm auf. Wer Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie erwartet, muss sich zunächst darauf einstellen, dass zwei ausgewachsene Sinfonien erklingen. Als Prolog hierzu - und das ist wirklich ein Kuriosum - erklingt der Kopfsatz Allegro moderato des Klaviertrios g-Moll opus 17 von Clara Schumann, dargeboten von Dan Ettinger (Klavier), Andrei Rosianu (Violine) und Fritjof von Gagern (Violoncello). Während in deutschen Konzertsälen normalerweise Kammermusik und Sinfoniekonzerte säuberlich getrennt werden, kam Mannheims Generalmusikdirektor Dan Ettinger auf die Idee, die beiden Kunstgattungen aus gegebener Veranlassung miteinander zu verschränken - seit Menschengedenken ein Novum in der langen Geschichte der Musikalischen Akademie des Nationaltheaters Mannheim.


Es geht Dan Ettinger darum, Werke jener drei Menschen gemeinsam auf die Bühne des Mozartsaals zu bringen, die zeitlebens in inniger Verbindung zueinander standen: Clara und Robert Schumann und Johannes Brahms. Die Schumanns, die sich ihren Ehestand so hart erkämpfen mussten und nach der Geburt ihrer acht Kinder durch Roberts Erkrankung und Tod so früh auseinander gerissen wurden, und der junge Brahms, dessen Karriere von Robert gefördert wurde und der die 14 Jahre ältere Clara anbetete und ihr nach Roberts Tod ein verlässlicher Freund war - alle drei sind sie Sinnbilder der deutschen Romantik. Leider blieb im erstaunlichen Oeuvre der Clara Schumann, die ja zudem eine gefeierte Pianistin war, die Suche nach Orchesterwerken vergeblich. Selbst das einfallsreiche Klaviertrio erwies sich als zu umfangreich, so dass als Kompromiss nur der ausgedehnte Kopfsatz erklingen wird.


Dafür sind die beiden Herren Schumann und Brahms jeweils mit ihrer gewichtigen vierten Sinfonie vertreten. Robert Schumanns Sinfonie Nr. 4 d-Moll opus 120, eigentlich seine zweite, kurz nach der sogenannten "Frühlingssinfonie" 1841 entstanden, brachte zunächst nicht den erwarteten Erfolg. Zehn Jahre später arbeitete Schumann die Sinfonie entscheidend um, indem er vor allem die Ecksätze neu instrumentierte, den tiefen Streichern und den Bläsern wichtigere Aufgaben übertrug und so den dämonischen Charakter der Sinfonie unterstrich. Die vier Sätze des Werks gehen pausenlos (attacca) ineinander über und sind auch thematisch miteinander verbunden.


Die Sinfonie Nr. 4 e-Moll opus 98 von Johannes Brahms ist in ihrem dramatisch-epischen Duktus ein leuchtendes Beispiel für die Reife des Meisters an der Schwelle zur Spätromantik. Brahms gelingt es, motivische Fülle und stilistische Vielfalt unter einen großen Spannungsbogen zu bannen. Ein genialer Wurf ist der Finalsatz Allegro energico e passionato, in dem Brahms auf die aus der Frühzeit der Instrumentalmusik stammende Variationsform der Chaconne oder Passacaglia zurückgreift. Über einer wie in Stein gemeißelten achttaktigen Basslinie ziehen in den Oberstimmen 31 Variationen am Hörer vorüber - ein sinfonisches Finale von eherner Wucht.

Nach oben


LUMA 2020


Kreativer Austausch über Grenze hinweg


Ein Zwei-Länder-Kind ist geboren worden. Die Eltern heißen Musikalische Akademie des Nationaltheaters Mannheim und Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz. Der Sprössling wird etwas ausführlich „LUMA 2020 Metropol-Musikakademie“ genannt. Die Jahreszahl im Namen weist auf die Hoffnung der Geburtshelfer hin, das neue Gebilde könne bei der Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt noch hilfreich sein. Der Geburtsort liegt halb in Rheinland-Pfalz und halb in Baden-Württemberg. Über den Rhein als Ländergrenze hinweg dürfen künftig junge Musikerinnen und Musiker ihre Ausbildung praxisorientiert fortsetzen, wenn sie sich während eines Probespiels qualifizieren. Während der gestrigen Pressekonferenz in Ludwigshafen erläuterten die Erfinder ihr nagelneues und dazu wohl auch bundesweit einzigartiges Model. Beide Orchester bieten bereits in dieser Spielzeit gemeinsam fünf Stipendien an. Durch die Kooperation werden die Stipendiaten in den Sinfoniekonzerten wertvolle Erfahrungen sammeln. Irgendwann kommt wohl auch die Oper des Nationaltheaters ins Boot. Dann werden sich die Finanzen auf drei Partner verteilen. Einstweilen stemmen noch die beiden frisch Vermählten den Stipendien-Etat von 650 Euro pro Kopf; die Stiftung Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz hat bereits ihre Unterstützung signalisiert. Sowohl Johannes Dölger, 1. Vorsitzender der Musikalische Akademie, als auch Michael Kaufmann, Intendant der Staatsphilharmonie, betonten, dass diese Metropol-Novität keinesfalls ähnliche Weiterbildungshilfen in der Region verdrängen wolle. Das Wesentliche der LUMA 2020 bestehe darin, dass Profi-Musiker den Nachwuchs aus den Hochschulen pädagogisch betreuen und auf den Beruf im Orchester vorbereiten. Gerade diesen Ausbildungszweig vernachlässigen die Konservatorien aus den verschiedensten Gründen. Die Initiative zu der Kooperation ging sowohl von Johannes Dölger als auch von Michael Kaufmann aus, der sich eine „Frischzellenkur“ seiner Staatsphilharmoniker durch den Einzug der Jugend verspricht.



Schon mehr als 30 Bewerber


Das Konzept zielt also klar auf einen wechselseitigen kreativen Austausch ab. Einerseits hilft es, die „Orchesterstärken anzuheben“; besonders in den Streichergruppen wird dringend Nachwuchs gesucht. Andererseits verbessern sich die Aussichten der Berufsanfänger deutlich, wenn sie ein solch intensives Praktikum absolviert haben. Es liegen schon über 30 Bewerbungen aus ganz Deutschland vor. Wer sich qualifiziert, wird zehn Monate lang alternierend in Mannheim und Ludwigshafen proben, musizieren und seine Repertoirekenntnisse erheblich erweitern.


Mannheimer Morgen : Monika Lanzendörfer


Länderübergreifende Nachwuchs-Schmiede - Ludwigshafener Staatsphilharmonie und Mannheimer Musikalische Akademie arbeiten zusammen


VON FRANK POMMER : Rheinpfalz, 13.09.2012


Das Projekt ist laut Aussage von Michael Kaufmann, Intendant der Ludwigshafener Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, einzigartig in Deutschland: Gemeinsam mit der Musikalischen Akademie aus Mannheim hat das Orchester unter dem Titel „Luma 2020“ eine Musikakademie für die Metropolregion gegründet. Die Situation in den beiden Orchestern rechts und links des Rheins ist absolut vergleichbar. Es herrscht die Sehnsucht nach einer „16er-Besetzung“, wie Johannes Dölger, 1. Vorsitzender der Musikalischen Akademie Mannheim und zugleich Kontrabassist des Nationaltheaterorchesters, unterstreicht. Anders gesagt: In beiden Klangkörpern herrscht ein ebenso akuter wie dauernder Mangel an Streichern. Viele Orchester helfen sich da mit Praktikanten, die auf offene Planstellen gesetzt werden. „Doch diesen Missbrauch von Praktikanten als billige Aushilfskäfte wollten wir nicht mitmachen“, betont Dölger. Bereits für die laufende Saison habe man daher fünf Stipendiumsplätze ausgeschrieben. „Wir haben Bewerbungen aus ganz Deutschland bekommen“, berichtet Michael Kaufmann. Die ersten Probespiele fänden bereits am 20. September statt. Die Musiker, die nicht älter als 27 Jahre alt sein dürfen, erhalten eine monatliche finanzielle Unterstützung in Höhe von 650 Euro, zudem werden sie über einen Zeitraum von zehn Monaten zu insgesamt 120 Diensten eingesetzt, 6o bei der Staatsphilharmonie, 60 bei der Akademie in Mannheim. Auf  längere Frist könnten auch noch Einsätze im Opernorchester des Nationaltheaters dazukommen. Während der gesamten Zeit sollen die Musiker von Tutoren betreut werden und mindestens zwei Mal im Monat Unterricht erhalten. „Gerade durch diese individuelle Betreuung und durch die Möglichkeit, in zwei renommierten Orchestern zu proben und Konzerte zu spielen, werden die Stipendiaten optimal für ihren weiteren beruflichen Weg vorbereitet“, ist Dölger sicher. Und dieser Weg könne natürlich auch zu einem der beiden Orchester führen. Kaufmann wie Dölger betonen gleichzeitig die länderübergreifende Komponente des Projektes, das sie zudem als Teil der Kulturhauptstadtbewerbung Mannheims und der Metropolregion verstehen: „Wir sehen das ganz selbstbewusst und wollen zeigen, was möglich ist, wenn zwei renommierte Institutionen der Metropolregion zusammenarbeiten“, so Kaufmann. Was natürlich auch Rainer Kern vom Mannheimer Kulturhauptstadtbüro freut: „Wir versprechen uns von diesem großartigen


Projekt eine Sogwirkung für die ganze Metropolregion“, so Kern. Wie mehrfach berichtet, wird Mannheim nach einer Entscheidung der EU Kommission allerdings wohl frühestens 2025 Kulturhauptstadt werden können. Sowohl Dölger als auch Kaufmann unterstreichen zugleich, dass „Luma 2020“ keine Konkurrenz zur bereits bestehenden Orchesterakademie der Musikhochschule Mannheim sein solle. Das Projekt sei zudem auch nicht von oben verordnet, sondern gehe vielmehr auf eine Initiative der Musiker selbst zurück.


 

Nach oben


5. Akademiekonzert 04./05. März 2013
Dirigent: John Fiore
Solist: Albrecht Mayer (Oboe)

INTERVIEW : „Mannheim ist mir ans Herz gewachsen“


Als vielgefragter Oboist schwirrt Albrecht Mayer in der Weltgeschichte herum. Gestern noch saß er in den Reihen der Berliner Philharmoniker, heute dirigiert er das Zürcher Kammerorchester, am 4. und 5. März gastiert er im Akademiekonzert des Mannheimer Nationaltheater-Orchesters. Während des kommenden Frühjahrs spielt er sechs verschiedene Oboenkonzerte. Für den Rosengarten hat er zwei ungewöhnliche Exemplare vorgesehen, darüber sprach er im Interview mit dieser Zeitung.



Herr Mayer, Sie führen Mozarts in Mannheim komponiertes Andante auf, das für die Flöte gedacht ist. Wie haben Sie es für Ihr Instrument bearbeitet?


Albrecht Mayer: Das ist keine Bearbeitung. Ich spiele ganz genau den Urtext, nur einen Ton tiefer. Ich habe nur eine Transposition vorgenommen. Sie ist vor Jahren auf der CD „In Search of Mozart“ erschienen. 



Wie halten Sie es mit der historisch informierten Aufführungspraxis?


Mayer: Ich arbeite jetzt seit 21 Jahren mit meinem Mentor Nikolaus Harnoncourt zusammen und versuche, alles, was er mir beigebracht hat, in mein Spiel einfließen zu lassen. Selbstverständlich wird es trotzdem nicht so klingen wie damals. Der Ton der Oboe füllt einen viel größeren Saal als zu Mozarts Zeiten. Wir haben ein größeres Orchester und moderne Instrumente, denn wir wollen ja auch die Zuhörer in der letzten Reihe glücklich machen. Ich freue mich, mit dem wohlinformierten Nationaltheater-Orchester musizieren zu dürfen. Ich habe ja das große Glück, regelmäßig nach Mannheim zu kommen. Es ist mir schon sehr, sehr ans Herz gewachsen. 



Sie spielen außerdem eine Komposition aus dem 19. Jahrhundert, die fälschlicherweise als ein Werk von Haydn ausgegeben wurde.Warum wird er heute trotzdem noch als Autor genannt?


Mayer: Wir wissen, dass es nicht von Haydn ist. Aber wir wissen trotz aller Recherchen leider nicht, von wem es sonst sein könnte. Es gehört zu den Stücken, die sich durchsetzen, weil sie einfach gut sind. Es gibt niemand Besseren, dem man das Stück zuschreiben möchte. Haydn lebte genau in dieser Periode, er hatte genau diesen Stil.



Worin liegt der Reiz an dem Oboenkonzert des unbekannten Verfassers?


Mayer: Es hat eine schöne Besetzung mit Pauken und Trompeten. Der erste Satz ist ein bisschen militärisch, der langsame Satz sehr elegisch, und im letzten Satz durchläuft das berühmte Volkslied-Thema „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ attraktive Variationen.



Am 10. April interpretieren Sie das moderne Werk „Aulodie“ von Peter Ruzicka im Ludwigshafener Feierabendhaus. Was hat es damit auf sich?


Mayer: Peter Ruzicka hat es mir auf den Leib geschrieben. Er sagt, es sei wie ein Roman - sehr farbig, sehr virtuos, sehr lyrisch, sehr dramatisch. 2011 haben wir es beim Schleswig-Holstein Musik Festival in Salzau uraufgeführt. 



Wie sehen Ihre künftigen Pläne aus?


Mayer: Es kommen neue Alben und CDs. Sicherlich ist die Mannheimer Schule dabei; sie ist natürlich etwas, was ich immer in meinem Herzen trage. Ich denke besonders an August Lebrun, der wirklich einer der wichtigsten Oboisten in der Mozart-Zeit war. Das Programm möchte ich


nicht noch verraten. Außerdem arbeite ich an einem Projekt mit den King’s Singers, die ich seit meiner Kindheit verehre. Ihre Leser wird es sicher auch interessieren, dass ich im nächsten Jahr das Philharmonische Orchester in Heidelberg dirigieren werde. 



Während einer Fernseh-Talkshow haben 


Sie spontan eine Pop-Melodie aus dem Hut gezaubert. Wollen Sie das ausbauen? 


Mayer: Das war in „Arte Lounge“. Ja, solche kleinen Ausflüge wird es manchmal geben, etwa bei Zusammenkünften mit Kollegen wie Götz Alsmann. Allerdings liegt mir das nicht so sehr am Herzen. Mein normales Leben spielt sich in der Klassik ab. Ich bin kein Crossover-Künstler.


Mannheimer Morgen: Monika Lanzendörfer



KRITIKEN ZUM KONZERT :



Heldenleben, aber eher in Pantoffeln


Das ist keine Ehehölle à la Strindberg, aber schon ein ordentlicher Krach, den Richard Strauss da in die Form der Doppelfuge goss. Und John Fiore lässt das NTM-Orchester beim Akademiekonzert auch kräftig auf den Tisch hauen. Urwüchsig bayrisch sozusagen. Wir befinden uns schließlich in Straussens „Symphonia domestica“, auch wenn die ein paar Jahre vor der Zeit entstand, als der früh wohlhabende Komponist sein schmuckes Domizil in Garmisch in Besitz nahm. 


Düfte im Zaubergarten 


Trotzdem ist das Stück eine Art Homestory mit Frau und Sohn und zeigt den Hausherrn nicht nur in den ausgedehnten lyrischen Passagen als erfolgreich-saturierten Großbürger. Die Uraufführung dieser „Sinfonie“ fand statt auf einer ziemlich triumphalen Reise durch Amerika, bei der sie auch im Kaufhaus Wannemaker zu erleben war. Man warf dem Komponisten damals die Verschwisterung der hohen Kunst mit dem Kommerz vor. Strauss war seiner Zeit auch diesbezüglich schon ein Stück voraus. Doch John Fiore trägt im Mozartsaal des Rosengartens Sorge, dass die „Sinfonie“ – die nur mit starken Einschränkungen wirklich eine ist – nicht in der Plüschsofa-Abteilung landet. Strauss liegt dem gebürtigen New Yorker Fiore offenbar am Herzen. Während seiner Zeit in Düsseldorf nahm er „Also sprach Zarathustra“ auf, mit seinem Hausorchester dort, und diese Einspielung konnte erstaunlich gut mit Luxusproduktionen aus Chicago, Wien oder Berlin mithalten. Auch in Mannheim leitet er die Nationaltheater-Musiker sehr sicher durch die riesenhafte Partitur und spürt im Zaubergarten von Strauss’ Instrumentationskunst viele feine Düfte, rare Farben auf. Besonders bei den Holzbläsern ist die Aromenvielfalt groß. Aber auch in den Tutti-Schlägen hält er den Orchestersatz so kontrapunktischtransparent, wie es der Pianist und Strauss-Bewunderer Glenn Gould stets rühmte. Ehe sich der Spuk verflüchtigt wie eine Gewitterwolke über Garmisch. Eine Schlüsselrolle spielt, im wahrsten Sinn des Wortes, die Oboe in der „Sinfonie“. Es ist eine Oboe d’amore, um genau zu sein. Sie führt das Kind des Komponisten ins Geschehen ein. Geblasen wird sie nicht von Albrecht Mayer, aber der ist auch im Saal: ein Starsolist, dem es an Starsolisten-Repertoire fehlt. Jedenfalls an originalem. Mayer bläst in Mannheim jenes C-Dur-Werk, das eher aus Vermarktungsgründen als Konzert von Joseph Haydn gelten will. Doch nachweislich nicht von ihm stammt. Man hört das auch, besonders im eröffnenden Allegro, wo es sogar einem Albrecht Mayer schwer fällt, hinter der Geläufigkeit des Virtuosen, hinter reichen Ornamenten und bewegten Gesten eine musikalische Statur, Substanz zu eruieren. Während er im Mittelsatz zu einer sinnenden, erzählenden Gestaltung findet. Und im Schluss-Rondo, das ausnahmsweise wirklich fast von Haydn stammen könnte, geistreich Pirouetten bläst. Mozarts C-Dur-Andante ist im Original für Flöte und Orchester komponiert. Doch echter Mozart bleibt es auch bei Mayer: fast schon arienhafte Kantabilität, freie solistische Entfaltung. Eine reine Solo-Zugabe gibt’s auch noch: aus dem f-Moll-Cembalokonzert von Bach. „Keine Bearbeitung“, sagt Mayer als speziellen, wiederholten Hinweis an die Kritiker im Saal (und andernorts), von denen er sich offenkundig missverstanden fühlt. Also: keine Bearbeitung. Es sind die originalen Noten – nur eben für die Oboe zweckentfremdet. Sonst tritt Mayer ungewöhnlich kommunikationsfreudig und kollegial auf, gibt den Star zum Anfassen und stellt in Aussicht: „Ich signiere alles – außer Rechnungen.“ Bei unserer Bilanz des Abends hätten wir jetzt beinahe das allererste Stück vergessen, Samuel Barbers „Adagio For Strings“. Dabei fasst es John Fiore wie ein rohes Ei an und entwickelt die subtile Linienführung äußerst vorsichtig und nach dem Motto: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Ist es ein Indian Summer in Neuengland? Oder ist es doch schon wieder Spätherbst?


Mannheimer Morgen : Hans-Günter Fischer



Versonnener Chic - Mannheim: Akademie-Konzert mit Oboist Albrecht Mayer


VON SIGRID FEESER  Rheinpfalz, 06.03.2013


Richard Strauss’ „Sinfonia domestica“ als Finale, zum Einspielen Samuel Barbers Adagio und als solistische Filetstücke ein falsches Haydn-Konzert und ein echter Mozart: Die Mischung in der 5. Musikalischen Akademie des Nationaltheater-Orchesters im Mannheimer Rosengarten funktionierte dank des Dirigenten John Fiore und des Oboisten Albrecht Mayer tadellos und nicht ohne einen gewissen Chic. Albrecht Mayer ist ein Oboist, wie ihn sich die Orchester und die Musikliebhaber wünschen: Perfekt im Metier, auch für überraschende Ausflüge in populärere Mischungen immer gut. Dass das anspruchsvolle Konzertrepertoire für sein Instrument nicht so üppig ist wie etwa das für Pianisten,kontert er natürlich mit Bearbeitungen. Das ist erlaubt und nicht nur in der Barockmusik gängige Praxis. Mayer also mit dem Joseph Haydn einst zugeschriebenen, aber nicht von ihm stammenden Konzert in C  –  einem beliebten und rechtflott daherkommenden Stück, dass man über den Daumen gepeilt auf „um 1780“ datiert hat. Trotzdem kein Schielen nach einem Quäntchen historischer Aufführungspraxis, das Orchester begleitete sämig (und manchmal etwas robust), der Solist zeigte seine Künste und spielte so versonnen und locker-entspannt vor sich hin, als sei das alles rein gar nichts. Mehr an artifiziell gespanntem Feinschliff geht kaum. Durchtriebene Selbstverständlichkeit, die sich als Understatement tarnt auch bei Mozarts traumschön geblasenem Andante KV 315, das im Original für die Flöte ist und die weitaus bessere Musik. Etwas Bach als Zugabe, dann entschwand der Meister-Oboist. 


Samuel Barbers Streicher-Adagio ist das perfekte, in jedem Takt dankbare Einspielstück, gerade auch, weil da für routinierte Ensembles rein gar nichts schief gehen kann, Straussens eher selten auf den Konzertprogrammen stehende „häusliche Sinfonie“ eine immer passende Final-Kür. Dirigent und Orchester ließen sich nicht lumpen und präsentierten ihre Strauss-Kompetenz in cine mascopartiger Breite. Fiore kennt sich im manchmal etwas kruden Humor des Komponisten gut aus, aber er übertreibt es nicht. Wer es denn mochte, konnte die der Musik einbeschriebenen Schmankerln aus dem Familien-, Ehe und Liebesleben mithören oder es auch sein lassen und sich auf das Sinfonische und das einvernehmlich gepflegte Musizieren konzentrieren.


Man gab den vollen Strauss-Klang, hatte die Ruhezonen und die kapriziösen Interventionen der Instrumentalsoli gut austariert und überzeugte durch einen unbedingten, an den Vorgaben der Partitur orientierten Gestaltungswillen. Keine verqueren Tempi, keine musikalischen Überrumpelungsversuche, die Gewichte und Proportionen stimmten. Summa summarum ein runder Erfolg für alle Beteiligten.


 

Nach oben


3. Familienkonzert, 24.02.2013
„DA-DA-DA-DAAA!“
Musikalische Leitung: Josepf Trafton
Moderation: Juri Tetzlaff
Konzertdramaturgie: Anselm Dalferth

"Sie sind ein unzertrennliches Paar: Die Musik und die Fantasie haben sich wieder im Familienkonzert des Nationaltheaters eingenistet. Das Orchester auf der Bühne kann sich an dem Anblick eines prall gefüllten Opernhauses erfreuen. Und es erlebt das Schauspiel eines amüsierten Publikums, das allerlei Lockerungsübungen absolviert, kräftig an eine fiktive Pforte pocht oder richtig männlich die Muskeln spielen lässt. [...]


[...]Der unterhaltsame Moderator geht ganz entspannt mit dem "Lehrstoff" um, den er und Dramaturg Anselm Dalferth kinder- und elterngerecht verpacken. Was eine Sinfonie ist, erklären die Instrumentengruppen. Was eine Variation ist, lernen wir während des Spazierengehens im zweiten Satz: Wir nehmen uns Juri Tetzlaff als Beispiel und treten mal traurig oder mal fröhlich auf der Stelle. [...]


[...]Es entstehen eingängige Bilder, die sich eng an die grimmige und träumerische Musik anschmiegen und auch gut auf die mutwilligen Gefühlsausbrüche antworten. Dahinter steht die Aufmunterung: keine Scheu vor der klassischen Musik. [...]"   Mannheimer Morgen, 25. Februar 2013

Nach oben


Charity Konzert, 08.02.2013
Rotary Club Mannheim-Brücke
MIT SPECIAL GUESTS
Moderation: Thomas Siffling

Charity Konzert<br />08.02.2013<br />© Foto:Hans Jörg Michel
Charity Konzert08.02.2013© Foto:Hans Jörg Michel

„Das gute alte ‚Spiel ohne Grenzen‘ stand offensichtlich Pate, als Jazz-Trompeter Thomas Siffling für seine Freunde vom Rotary Club Mannheim-Brücke den Benefizabend ‚Special Guests I‘ im Mannheimer Nationaltheater (NTM) konzipierte. Auf jeden Fall gibt es im restlos ausverkauften Opernhause serienweise Brückenschläge über musikalische Genregrenzen – und das nicht nur, weil Sifflings hochkarätige Gäste theoretisch alle erdenklichen Stile von Oper, Klassik, Jazz, Soul, Blues, Gospel, Pop und Schlager abdecken. Praktisch flaniert dann jeder Künstler auch noch auf fremden Terrain – besser hätte man das Rotarier-Motto 2013 ‚Integration‘ zu Gunsten der multikulturellen Kinderprojekte Aufwind und Weltsprache Musik nicht auf die Bühne bringen können. […]

Aber schon der Auftritt von Janice Dixon, langjähriges Mitglied des NTM-Opernensembles sowie profilierte Jazz- und Blues-Interpretin, passt per se schon perfekt ins programmatische Profil. Sie interpretiert den Michel-Legrand-Standard ‚The Summer knows‘ zunächst im Stil des großen US-Gala-Entertainments, zeigt dann aber enorme Sensibilität, wenn ihre Stimme sich die Melodie zwar kraftvoll aneignet, sich aber auch warm, fast zärtlich, um sie schmiegt wie ein weicher Wintermantel, den die letzte Zeile nahelegt: ‚It’s time do dress for fall‘ (es ist Zeit, sich herbstlich zu kleiden). Ihr energetisches ‚Stormy Monday‘ kurz vor Schluss gehört zu den Glanzlichtern.

Auch Marc Marshall ist so ein Grenzgänger. Klassisch ausgebildet, rückt ihn allein der Name seines Vaters Tony Marshall in die Nähe des Schlagers – eine Gratwanderung, die er als Teil des Duos Marshall & Alexander höchst erfolgreich gemeistert hat. Mit den Kicks ‚n Sticks im Rücken agiert er bei seiner Belafonte-Hommage ‚A Song For Harry‘ mit opernhafter Intensität […] und enormem Körpereinsatz. Den steigert er noch bei der Eagles-Nummer ‚Take It To The Limit‘, mit der der Baden-Badener den Abend effektvoll beschließt.

Aber davor genießt das sachkundige Publikum noch enorme Virtuosität – zunächst beim eigens für den Klarinettisten Wolfgang Meyer komponierten Duett ‚Two Of A Wooden Kind‘ von Saxofonist Peter Lehel, bei dem das Duo beweist, welche Vielfalt in ihren beiden Holzblasinstrumenten steckt: von mozarteskem Tirilieren, elegantem Schlängeln bis zur Selbstbehauptung im James-Bond-tauglichen Thriller-Soundtrack, den die Big Band entgegensetzt. Viel Applaus.

Noch etwas mehr erhalten die NTM Protagonisten: zunächst Vorzeigesopranistin Cornelia Ptassek im schwarzen Flamenco-Kleid, die beim Brecht/Weill-Stück ‚Nanna’s Lied‘ auch Sprechgesangqualitäten demonstriert – begleitet wird sie auch bei ‚Youkali‘ vom Thomas Duis am Flügel, der den an der Hand verletzten GMD Dan Ettinger kongenial vertritt. Die erste Hälfte beenden sechs Tänzer des Kevin O’Day Balletts, mit drei eindrucksvollen Kostproben aus Dominique Dumais‘ Choreografie ‚Chansons‘. Zuvor hat ein gesundheitlich leicht angeschlagener Xavier Naidoo zwar ein Minütchen gebraucht, um in Chris Perschkes extrem reizvolles Big-Band-Arrangement seines Hits ‚Dieser Weg‘ zu finden, dann erlebt ihn das NTM-Publikum aber in seiner normalen Hochform. Auch seine Mannheim-Hymne ‚ich brauche dich‘ gewinnt, wenn sie swingt. Danach verabschiedet sich der Popstar Richtung Bett, und Thomas Siffling zeigt bei seinem anspruchsvollen Frühwerk ‚Soft Wind‘ eindrucksvoll, dass er nicht nur moderieren kann.

Das ist die Ouvertüre für den absoluten Höhepunkt: Mit unfassbarere Leichtigkeit, technischer Brillanz, dem nötigen Blues und viel Humor bringen die beiden ARD-Wettbewerbspreisträger Duis und Trompeter Reinhold Friedrich Gershwins ‚Rhapsody in Blue‘ zum Schweben und den Saal zum Toben. Wieder einmal hat ein Benefizabend die Leistungskraft der Musikstadt Mannheim ins Scheinwerferlicht gestellt – dieses Mal auch in all seiner Vielfalt. Bleibt zu hoffen, dass dem leisen Versprechen im Programmtitel ‚Special Guests I‘ möglichst bald Teil 2, 3 und so weiter folgen.“   Sonntag aktuell, 11.2.13



„‘Ein wundervoller Abend‘ – so schwärmte nicht allein die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kamp-Karrenbauer. […] ‚Ein wirklich sehr gutes Konzert‘, gab sie die Stimmung des mit rhythmischen Applaus endenden Abends ebenso gut wieder, wie der Erste Bürgermeister Christian Specht, der das ‚wirklich super Programm‘ lobte. ‚Es lockte auch viel Publikum an, das sonst nicht in Theater geht‘, fiel nicht nur ihm auf.

Von einem ‚ganz starken Signal, das von diesem ausverkauften Haus ausgeht‘ sprach der kommissarische Generalintendant Lutz Wengler. Er dankte besonders dem Jazzmusiker Thomas Siffling. Er hatte die Idee zu dem Benefizkonzert, er überzeugte seine Freunde beim Rotary Club Mannheim-Brücke, dem er angehört, es zu organisieren – und Siffling gewann die vielen namhaften Künstler (wir berichteten bereits in ‚Sonntag aktuell‘), deren Auftritte er äußerst charmant-galant und kundig moderierte. […]

‚Die große Resonanz zeugt vom guten Musikgeschmack und von der großen Bereitschaft der Menschen, zu helfen‘, freute sich Gerhard Stegmann, Präsident des Rotary Club Clubs Mannheim-Brücke, über die voll besetzten Reihen. Der Rotary Club wolle mit seinem sozialen Engagement ‚einen Beitrag leisten, die Welt freundlicher, friedvoller und schöner zu gestalten‘, so Stegmann.

Für diese ‚besondere Form des bürgerschaftlichen Engagements und der sozialen Verantwortung‘ bedankte sich Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz bei dem Club wie auch bei Initiator Siffling und den Musikern. Durch den in dieser Form bisher einzigartigen Abend werde die große musikalische Tradition Mannheims ‚auf wunderbare Weise lebendig‘. Zugleich diene er einem wichtigen Ziel – der sozialen Integration. Das von den ‚Söhnen Mannheims‘ initiierte Projekt ‚Aufwind‘ in der Neckarstadt-West helfe Kindern nicht nur mit Geld, sondern unterstütze auch bei Hausaufgaben und Freizeitgestaltung und damit ‚bei der gesellschaftlichen Teilhabe schlechthin‘. Dem diene ebenso das neue geplante Projekt ‚Weltsprache Musik‘ des Nationaltheaters. ‚Es zeigt, dass sich das Theater öffnet und Kindern dabei helfen will, sich kulturelle Werte anzueignen‘, lobte der Oberbürgermeister.“   Mannheimer Morgen, 11.2.13

Nach oben


4. Akademiekonzert 21./22. Januar 2013
Dirigent: Alain Altinoglu
Solist: Benjamin Schmid (Violine)

Frischer Franzose kann Brahms


Also das wirkt ja wie geplant, wirkt, als habe man vor langer Zeit schon daran gedacht, dass am 22. Januar 2013 die deutsch-französische Versöhnung und der Élysée-Vertrag ihren 50. Geburtstag feiern. Deswegen habe man einen jungen und frischen Franzosen als Dirigenten zum Akademiekonzert am 21. und 22. Januar eingeladen und ein Programm zusammengestellt, dass virtuose französische Raffinessen à la Paul Dukas genauso enthält wie den altdeutschen Romantikerschulgeist eines Johannes Brahms. Dazwischen: Erich Korngold, ein österreichisch-US-amerikanischer Tonsetzer, der zwischen Wagner und Berlioz (oder Debussy und Hollywood) so ziemlich alle Strömungen seiner Zeit auf geistreiche Weise anrührte. Zuerst aber der Franzose: Alain Altinoglu. 35 Jahre jung. Wie er dirigiert, ist durchaus schon bei Dukas’ Geniestreich „L’Apprenti sorcier“ (nach Goethes „Zauberlehrling“) bemerkenswert. Alles scheint er darstellen und mit seiner brillanten Technik nach französischer Schule schlagen zu wollen. Jeden Einsatz, jede Idee oder tektonische Klangverlagerung. Mitunter freilich wirkt sein Dirigat dadurch etwas übertrieben, bisweilen gar unfreiwillig komisch. Doch das Klangergebnis vor allem in dicht gedrängter, schneller Musik ist brillant und vom Nationaltheater-Orchester (NTO) gut umgesetzt.


Paganinis 24. Capriccio als Zugabe


Dass Korngold der Komponist ist, der einem durch Klang dann zum inneren Film verhilft, wenn es etwas zu erzählen gibt, wissen wir durch die Oper „Tote Stadt“. Im Violinkonzert D-Dur ist das alles anders, handelt es sich doch um absolute Musik, die aber aus Themen seiner Filmmusiken zusammengebastelt wurde. Der junge österreichische Geiger Benjamin Schmid lässt von Beginn an einen sehr intensiven Ton erkennen, der – auch durch hochkultivierte Bogenwechsel – in der Höhe glühende Poesie entfacht und in tieferen Registern auch beißt, knarzt und perkussive Begleitgeräusche bereithält (die er in der Zugabe, Paganinis 24. Capriccio, virtuos perfektioniert). Die eigenartig schwebende Musik aus dem Jahr 1945 bleibt einer erweiterten Tonalität verbunden. Korngolds Tonsatz hat ab und an etwas Verspieltes, ja, Effekthascherisches. Aber so, wie Schmid, das NTO und Altinoglu hier zusammen musizieren, entsteht die typische Korngoldstimmung zwischen süßer Innerlichkeit, Weltschmerz und filmischer Romanze auf überzeugende Weise – und Schmid ist der perfekte Virtuose für dieses Werk, in dem auch die NTO-Holz- und -Blechbläser auf ihre Kosten kommen. 


Die eigentliche klangliche Überraschung erleben wir dann mit Brahms’ Zweiter. Auch hier dirigiert Altinoglu viel. Im Adagio mit seiner schönen Horn-Fagott-Stelle muss man dringend die Augen schließen – zu unruhig und nervös wird man sonst. Aber in den beiden Allegros spricht ein Brahms zu uns, der vielleicht nicht die gewohnte altdeutsche Wärme und Wohligkeit hat, dafür aber funkelt und glitzert wie ein Edelstein. Da sind die vielen kammermusikalischen Passagen der Holzbläser, die plötzlich klingen, als säßen die Berliner Philharmoniker vor uns. Und da sind die Farbwechsel dieser etwas „pastoralen Naturmusik“, ohne die das Werk aus Mangel an Dramatik Gefahr liefe, an Spannung zu verlieren. Altinoglu ist ein Klangfetischist, der darauf bedacht ist, dem Geheimnis des perfekten Klangs auf die Schliche zu kommen. Und das NTO klingt – ganz besonders im Schlusssatz – ja: perfekt. Das ist also der Klang, den man der französischen Schule mit ihrer technischen Perfektion zuordnen kann. Dass Brahms gleichzeitig auch romantischer, ja, vergeistigter und „gefühliger“ klingen kann, darf nicht verschwiegen werden. Stimmungsübergänge, Grauzonen, die ja eben gerade nach einer Spur klanglicher Unerforschtheit verlangen und dann auch erst entstehen, kommen weniger vor. Aber alles ist eben auch mit Brahms nicht zu haben. Im Finale Allegro con spirito verausgabt sich der Dirigent ziemlich. Musikalisch reißt dieser straffe, bisweilen fast Beethoven’schen Revolutionsgeist atmende Satz ohnehin mit. Altinoglu und das NTO geben alles – und überwältigen das Auditorium, das am Ende sofort Bravo ruft. Wann hat es das schon gegeben! Ein schöner Feiertag. Für Frankreich. Für Deutschland. Für alle.


Mannheimer Morgen: Stefan M. Dettlinger



Vom Gesang der Streicher - Alain Altinoglu dirigiert das vierte Mannheimer Akademiekonzert im Rosengarten


VON GABOR HALASZ Rheinpfalz 23.01.2013


Ein überragender Dirigent, ein hoch virtuoser Solist und ein Orchester in


bester Verfassung. Mehr kann man sich kaum wünschen; die Konstellation des vierten Akademiekonzerts im Mannheimer Rosengarten – mit Werken von Paul Dukas, Erich Wolfgang Korngold und Johannes Brahms – war optimal.


Zuerst zum aufregendsten Ereignis des Abends: der Begegnung mit dem in Paris geborenen Alain Altinoglu, einem Senkrechtstarter der jungen Dirigentengeneration. Es fiel nicht schwer, seinen internationalen Erfolg an führenden Opernhäusern und an der Spitze renommierter Klangkörper zu verstehen. Altinoglu schaltete und waltete sehr gezielt, mit zündendem Temperament und exemplarisch klarer, plastischer Zeichengebung. Letztere bildete die beste Voraussetzung für akribisch gepflegtes orchestrales Zusammenspiel. Das Nationaltheater-Orchester ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Das Orchester reagierte auf die Signale vom Pult stets unmittelbar. Was man sah, hörte man auch. 


So geriet Dukas’ Orchesterscherzo „Der Zauberlehrling“ nach Goethes gleichnamiger Ballade diesmal zum facettenreich begeisternden sinfonischen Virtuosenstreich, indem sich die Tonereignisse in kaleidoskopischem Wechsel jagten. Altinoglu animierte unermüdlich – dabei gewaltige Klangenergien entfesselnd - den kompakt aufspielenden Orchesterapparat zu angespanntem, expressivem Musizieren. Höhepunkte steuerten dabei Dirigent und Orchester durchweg sehr entschlossen an, und die tönenden Stimmungsbilder des Stücks teilten sich suggestiv mit.


Nach der Pause folgte dann eine Aufführung von Brahms’ zweiter Sinfonie, die die Bezeichnung vorbildlich verdiente. Altinoglu disponierte die musikalischen Abläufe mit souveräner Übersicht über die kompositorische Architektur, wobei die durchweg fließenden, organischen Übergänge besonders überzeugten.


Er behandelte die Tempi sehr elastisch, mit feinen Modifikationen, präparierte aufmerksam Nebenstimmen heraus – ließ also viel von der Partitur hören - ,  gestaltete die Dynamik mit sensiblen Farbschattierungen und erreichte dabei oft exquisite Tonqualität. Vorzüglich gelang es ihm vor allem, die Streichergruppe zum Singen zu bringen. Unfehlbar ist allerdings niemand in dieser Welt. Über leichte Intonationstrübungen im Hornquartett zu Beginn konnte aber in einer Live-Wiedergabe hinweggehört werden. Dass im scherzoartigen dritten Satz im ersten Trio die Sechzehntel der Violinen und Bratschen untergingen, gehörte auch eher zu den lässlichen Sünden.


Zwischen Dukas und Brahmserfolgte der Besuch des Virtuosen: Benjamin Schmid spielte Korngolds plakativ effektvolles Violinkonzert ungemein brillant, mit traumschönen Ton und mobilisierte dabei das gesamte Repertoire instrumentaler Hexenmeisterei. Anschließend setzte er mit Paganinis Capriccio Nr. 24 in a-Moll elegant noch eins drauf.



 

Nach oben


3. Akademiekonzert 17./18. Dezember 2012
Dirigent: Dan Ettinger
Solist: Robert Lovasich





PRESSESTIMMEN :



Der Tanz im Wandel der Zeit


Tanz war schon immer. Der arme, in seinem Körper gefangene Mensch, immerzu auf der Suche nach Möglichkeiten, sich auszudrücken und auch nonverbal zu kommunizieren, wird durch Tanz zum Manager seiner eigenen Subjektivität, zum Manipulator seines Innenlebens. Und weil Tanz nun einmal körperlich ist, darf er auch im Konzert körperlich werden. Man sieht das an hüpfenden und tanzenden Dirigenten, bisweilen auf Rockkonzerten auch daran, dass der Zuhörer aufsteht, mitmacht, selbst Rhythmus wird und dem Drang nach Bewegung Lauf lässt. Ganz so weit – Gott bewahre – ging es zwar beim 3. Akademiekonzert des Nationaltheater-Orchesters (NTO) mit Tanzmusik aus drei Jahrhunderten nicht. Und doch darf als historischer Einschnitt gelten, dass sich Generalmusikdirektor (GMD) Dan Ettinger zumindest im Montagskonzert bei der Zugabe – es war Brahms’ populärster Ungarischer Tanz g-Moll – zum Publikum wandte und es aufforderte mitzuklatschen – was dieses bereitwillig tat.


Panakustikum von Tanzschritten


Ein interessantes Programm wurde zuvor aufgetischt. Zunächst war man skeptisch, ob der Bogen von Bachs eleganten Barocktänzen Rondeau, Sarabande oder Menuett zum ungarischen, russischen und amerikanischen Feuer von Brahms, Borodin und Bernstein funktionieren würde; und in der Tat gab es nach Bachs h-Moll-Suite, die Soloflötist Robert Lovasich sehr brillant, aber zu wenig exponiert darbot, einen Bruch hinüber zu Brahms (der Saal ist viel zu groß für diese Musik). Alles in allem aber darf der Abend als gelungenes und vom Publikum gefeiertes Panakustikum von Musikkunst gewordenen Tanzschritten gesehen werden. Tanzen bedeutet freilich auch Glückssuche, Berührung, Erotik und rituelle Selbstvergewisserung. In Bachs Suite, die eben auch nachdenkliche Moll-Nuancen enthält, sind solche Inhalte für den modernen Menschen nur schwer spürbar. Und das NTO ist hier auch kein prädestiniertes Ensemble – zu weich, zu wenig akzentuiert, zu gleichförmig klang, was GMD Ettinger vom Cembalo aus mit dem Orchester kreierte, und Lovasichs wunderbares Flötenspiel verlor sich im vollen Saal.


Ganz anders stellte sich das freilich bei Brahms dar. Mit großer Verve, mit fleischigem und sinnlichem Ton musizierte das NTO, haptisch sozusagen, bisweilen ging dabei das schwingende Tanzbein zwar auf Kosten der Transparenz (Einwürfe der Holzbläser explodierten mitunter im Klang, ohne dass man sie danach hätte weiterverfolgen können) – aber wenn der Geist stimmt, macht das wenig. Klanglicher und musikalischer Höhepunkt war aber die zweite Konzerthälfte. Hier, in Borodins „Polowetzer Tänzen“ (aus der Oper „Fürst Igor“) und danach in Bernsteins Sinfonischen Tänzen aus der „West Side Story“ zeigten das NTO und sein GMD, wie gut sie derzeit in Form sind. Nicht nur das große Ganze stimmte, also die gelungenen Tempo- und Stimmungswechsel sowie der getroffene Charakter. Auch im Einzelnen klang das Orchester absolut brillant. In Bernsteins „Somewhere“ trug das Solo-Streichquartett sinnlich viel Schmelz und Schmalz auf, im „Mambo“ klang das NTO wendig und kantig (die Musiker riefen dazu allesamt „Mambo“), im „Cha-Cha“ blitzten die Streicherpizzikati im Bund mit den Holzbläsern wie Edelsteinstaub, und nach einem prägnanten und virtuosen Drumset-Solo von Raphael Nick in „Cool Fugue“ entwickelte Bernsteins Musik sich zum wahren Thriller, der einem messerscharfe Akzente wie Pfeile unter die Haut schoss. Und hier war es dann: das Erlebnis, dass Musik einen anfasst wie eine Tanzpartnerin. Das Orchester wird dabei zu nichts anderem als einem gigantischen Überwältigungsapparat, dem man fassungs- und hilflos ausgeliefert ist, wenn man nicht zur Tat schreitet und dem Erlebten tanzend entgegenspringt (was im Mozartsaal dann nun glücklicherweise doch keiner tat). Ein denkwürdiger Abend also – auch insofern, als solch befreite Emotionalität wie Mitklatschen im Zyklus ehrwürdiger Akademiekonzerte doch sehr überraschte.


Mannheimer Morgen: Stefan M. Dettlinger




Showmaster am Pult - Mannheim: Dan Ettinger dirigiert Akademiekonzert


VON MARKUS PACHER – Rheinpfalz 19.12.2012


Da capo für Dan Ettinger: Seit seiner Ernennung zum Generalmusikdirektor des Nationaltheater-Orchesters avancierte der Dirigent in kürzester Zeit zum Mannheimer Publikumsliebling. Warum das so ist, erfuhren die Klassikfreunde einmal mehr beim 3.Akademiekonzert.


„There is no business like show business“ lautet sein Erfolgsrezept. Bei seinem Auftritt im Rosengarten begeisterte der Dirigent, Sänger und Pianist seine Fangemeinde mit einem Klassik-Ohrwurm nach dem anderen. Eigentlich bestand das Konzert sozusagen ausschließlich aus den beliebtesten Zugaben der Orchesterliteratur, darunter die Ungarischen Tänze von Brahms, die Polowetzer Tänze von Borodin und Bernsteins Dauerbrenner, die Symphonischen Tänze aus der „West Side Story“. Da wirkte der brave Auftakt mit der Ouverture II aus der Orchestersuite hMoll von Bach fast wie ein Fremdkörper. Dan Ettinger dirigiert vom Cembalo aus, Robert Lovasich, Erster Soloflötist des Nationaltheater-Orchesters, übernimmt den Solopart. Er wird vom Publikum dabei vor allem optisch wahrgenommen, leider weniger akustisch. Als sehr vielschichtig erweist sich bei Bach das Verhältnis zwischen Orchester und konzertierender Stimme. Letztere fiel in großen Teilen dem üppigen Tutti Klang zum Opfer. Was natürlich nicht für den als solistisches Bravourstück angelegten Finalsatz gilt. Hier schlugen Solist und Orchester sämtliche Geschwindigkeitsrekorde und entzündeten damit das besagte Feuerwerk an Klassik-Hits.


Ettinger ist der Mister 1000 Volt unter den Dirigenten. Es ist, als begebe man sich gemeinsam mit ihm auf ein Pulverfass. Sein Faible für irrwitzige Tempobeschleunigungen und starke dynamische Kontraste trägt fast schon parodistische Züge. Dass ihm bei aller Rastlosigkeit nichts aus dem Ruder läuft, ist die eigentliche Überraschung des Abends. 


Nach dem Bach’schen Streichersatz legt das in voller Besetzung aufspielende Nationaltheater-Orchester einen satten, vibratoreichen Sound auf. Musiziert wird – wie es sich beim den Ungarischen Tänzen von Brahms eben gehört –mit ganz viel Paprika im Blut. Zum explosiven Klangspektakel geraten die Polowetzer Tänze aus der Oper „Igor“ vonAlexander Borodin. Die Klangwucht des tiefen Blechs in Kombination mit kräftigen Paukenhieben erschüttern den ganzen Saal, der Bläserapparat überhaupt sitzt wie eine Eins und animiert zu einem mitreißenden orchestralen Parforce-Ritt. Dan Ettinger behält dabei trotz seiner ungestümen Temperamentsausbrüche die Zügel sicher im Griff.


Gleichsam aufhorchen lassen Bernsteins raffiniert instrumentierte Tonmalereien zur amerikanischen Adaption der „Romeo und Julia“-Geschichte. Im jugendlichen Bandenkrieg erweist sich der mannigfaltige Perkussions-Apparat als aggressiv anmutendes Moment. Dass die Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters auch gut singen und mit den Fingern schnalzen können, erfahren wir ganz nebenbei. Den Showmaster markiert Dan Ettinger dann mit der Wiederholung des Ungarischen Tanzes Nr. 5 von Brahms. Wie kein anderer beherrscht er das Spiel mit dem Publikum: Mit dem zum Dirigierstock umfunktionierten Blumenstrauß wendet er sich ihm zu und animiert zum Mitklatschen. 



 

Nach oben


2. Akademiekonzert 12./13. November 2012
Dirigent: Marc Piollet




PRESSESTIMMEN



Auf bewegter See


Eine respektable Ausfahrt. Auch wenn die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts nur bedingt einlösen konnte, was Claude Debussys „La Mer“ 1905 an revolutionären Abenteuern versprochen hatte. Schließlich landete der musikalische Aufbruch in die Moderne nicht selten dort, wo der Trend zum Extremen für jene Überraschungen sorgt, ohne die Kunst heutzutage wohl


kaum existieren kann. So gesehen, hätte man Debussys Versuch, durch die kompositorisch offenen Fenster auf den freien Himmel zu schauen, durchaus an den Anfang des zweiten Akademiekonzertes im Mannheimer Rosengarten stellen können. Denn von hier aus wären die weiteren Stationen: Boris Blachers „Orchestervariationen über ein Thema von Niccolò Paganini“, entstanden 1937, und Arnold Schönbergs mutiger orchestraler Zugriff auf Johannes Brahms und sein g-Moll-Klavierquartett op. 25 aus dem Jahr 1947 in der Abfolge vielleicht noch eine Spur plausibler erschienen. Auch wenn es sich um Bearbeitungen von Werken des 19. Jahrhunderts handelt, die nur eingeschränkt Auskunft darüber erteilen, was nach Debussy möglich geworden ist. Eben noch hatte der Dirigent Marc Piollet mit Akkuratesse und der kühlen Präzision eines Uhrwerkes durch die zahlreichen Klippen der rhythmisch heiklen Paganini-Variationen geführt und dem vorzüglich spielenden Orchester des Nationaltheaters zu einer brillanten Selbstdarstellung verholfen, da musste er auch schon hinaus auf die unruhig bewegte See und den verfließenden Konturen Debussys formale Haltepunkte bieten.


Verzicht auf Oberflächenpolitur


Piollet, das hört man sofort, hat sich die Partitur klug und gründlich erarbeitet. Er weiß um die Subtilität nuancenreicher Übergänge, um die Notwendigkeit herber Schraffuren, er kennt die drängenden Strebe-Tendenzen einer nicht allzu dynamischen Chromatik. Er verzichtet, wie dem durchgehend transparenten Klangbild des Orchesters unschwer zu entnehmen ist, auf jede Oberflächenpolitur, auf alles, was Debussys Musik dem Verdacht eleganter Parfümierung ausliefern könnte. Dennoch gibt es immer wieder Stellen, die seltsam uninspiriert wirken, in denen die bewusste Verknüpfung von Freiheit und Logik der Musik mehr ausgestellt als empfunden wirkt. Verständlich deshalb die fast überschwängliche Reaktion des Publikums nach der Brahms-Bearbeitung von Schönberg. Obwohl man nicht mit allem einverstanden sein muss, was der Zwölftöner der kompositorischen Vorlage an plakativen und gelegentlich bombastisch auftrumpfenden Entwicklungen zugemutet hat. Doch ungeachtet der oft blockartig verdichteten Instrumentalgruppen verströmt die Musik jetzt dank Piollet und dem erneut fabelhaft musizierenden Orchester eine milde Wärme, die als vitales Merkmal selbst dann erhalten bleibt, wenn sich die kraftvolle Tonsprache von Brahms mit drängendem Legato und bissiger Artikulation verbindet.


Mannheimer Morgen : Alfred Huber



Originalgenies - Marc Piollet beim Mannheimer Akademiekonzert


VON GABOR HALASZ : Rheinpfalz 14.11.2012


Großorchestralen Glanz bei imponierendem spielerischem Anspruch produzierte das Nationaltheater-Orchester unter dem überlegen waltenden Gastdirigenten Marc Piollet im zweiten Mannheimer Akademiekonzert. Einem Standardklassiker, „La Mer“ (Das Meer) von Debussy, standen zwei Seltenheiten gegenüber: Boris Blachers Paganini-Variationen und Schönbergs Orchesterfassung von Brahms g-Moll-Klavierquartett. 


Blachers Variationen über das Thema von Paganinis 24. Capriccio für Violine allein leben in erster Linie von der rhythmischen Spannung ständig wechselnder Metren und dem raffinierten Changieren der Farben. Beides erinnert an Strawinsky. Außerdem ist das Stück ein spektakulärer sinfonischer Virtuosenstreich, der dieses Mal problemlos bewältigt wurde: Piollet zeigte sich überaus sattelfest bei den kniffligen Taktwechseln, hatte den Klangkörper fest in der Hand. Der seinerseits folgte ihm willig, spielte bravourös und wartete mit feinen Solobeiträgen auf.


Die Blacherschen Farbspiele mochten andererseits auch einstimmen auf die Koloristik von Debussys „La Mer“. In der Wiedergabe durch Piollet und das Nationaltheater-Orchester teilten sich denn auch die atmosphärische Dichte, die Klangpoesie und -magie der „drei sinfonischen Skizzen“ beredt mit. Auch erfuhren Debussys Klang gewordene Naturbegeisterung, seine Tonvisionen, einleuchtende Umsetzung. Klarheit und Transparenz – bei rationaler Disposition des (stets gepflegten) Zusammenspiels – standen durchweg groß geschrieben an diesem Abend.


Was dem Schlussstück sehr zu gute kam. Brahms schrieb bekanntlich vier Sinfonien, was aber Arnold Schönberg offenbar nicht genügte. Auf Anregung des Uraufführungsdirigenten Otto Klemperer (1938 in Los Angeles) richtete er das erste Brahms'sche Klavierquartett in g-Moll für Orchester ein und bezeichnete im Scherz diese Gestalt des Werks als die fünfte Sinfonie ihres Schöpfers. Otto Klemperer seinerseits soll noch Jahrzehnte später gesagt haben, „man mag das Original gar nicht mehr hören, so schön klingt die Bearbeitung“. Dieser Ansicht muss freilich nicht unbedingt zugestimmt werden, aber das sinfonische Potenzial des Stücks weist die Schönbergsche Orchesterversion überzeugend nach. In Mannheim entstand im Konzert tatsächlich der Eindruck einer Sinfonie – die härter, düsterer, dramatischer klang als das Quartett. Ihre Aufführung beeindruckte durch sinfonische Kontinuität, nahtlose Übergänge, bewegliche Dynamik, kultivierte Spielweise bei stets präsentem Willen zur Differenzierung und Sensibilität. Überdies mobilisierte Marc Piollet bei Brahms-Schönberg auch beträchtliche Temperamentreserven. 



 

Nach oben


1. Akademiekonzert 08./09. Oktober 2012
Dirigent: Roberto Paternostro
Solist: Julien Heichelbech (Viola)
Solist: Dorothea Strasburger (Violoncello)



INTERVIEW : „Nur mit Wagner hat man das Problem“


Er hatte die verrückte Idee, mit seinem israelischen Kammerorchester nach Bayreuth zu fahren und Wagner zu spielen. Natürlich regte das auf. Natürlich sorgte das für größere Bekanntheit. Weniger natürlich ist aber, dass Roberto Paternostro bald den Echo Klassik erhält und kommende Woche am Pult des Nationaltheater-Orchesters die Akademiekonzert-Saison eröffnet. 


Wir telefonierten mit dem in Wien lebenden Dirigenten.



Herr Paternostro, was für ein Name! Gibt es Menschen, die Sie „Vater unser“ nennen?


Roberto Paternostro: In der Schule war das so. Aber es hat sich jetzt herumgesprochen, dass das mein echter Name ist. Mein Vater ist Italiener, der Namen ist sizilianisch. 



Es ist ein Name, der religiös klingt. Sind Sie ein religiöser Mensch?


Paternostro: Eigentlich nicht. Ich bin vielleicht religiös in meinem eigenen Sinne, aber nicht in einem allgemeinen. Und mein Name hat auch mit Religion eigentlich nichts zu tun. In Sizilien gibt eine Stadt, die so heißt. 



Mit Ihrem Orchester spielten Sie Wagner in Bayreuth, wofür Sie zuerst Prügel, dann den Echo Klassik zugesprochen bekommen haben. War das ein bewusster Tabu-Bruch oder Naivität, die Sie nicht ahnen ließ, wie man reagiert?


Paternostro: Beides. Schauen Sie, ich habe immer viel Wagner dirigiert. Diese Liebe geht einher mit meiner Liebe zu Israel. Ich habe dort viel Arbeit, Freunde und Familie. Ich wollte das zusammenbringen, und da hatte ich mit Katharina Wagner die Idee, dieses Konzert zu wagen. Ich habe das in Israel sehr behutsam vorbereitet, im Bewusstsein, dass dort noch Menschen leben, die den Holocaust überlebt haben und teilweise noch die Nummer von Auschwitz-Birkenau auf dem Arm tragen. Das war mir bewusst. Aber ich war so naiv zu denken, dass man tatsächlich eine Brücke schlagen und etwas bewirken kann. Und dann gab es diesen Aufruhr und ich wurde angegriffen.



Sie kommen doch selbst aus einer jüdischen Familie...


Paternostro: ...ja, und selbst in meiner Familie haben wir es diskutiert, etwa mit meiner Mutter, die den Holocaust glücklich überlebt hat. Die haben mich alle unterstützt. 



Bayreuth ist ja doch ein belasteter Ort, weil es als spirituelles Hauptquartier Hitlers gesehen werden kann. Und dann ist da der Antisemit Richard Wagner. Gibt es für jemanden mit ihrer Familiengeschichte keinen Weg an Wagner vorbei?


Paternostro: Das ist eine ganz schwierige Frage. Also die familiären Verstrickungen der Wagners zu Hitler sind sehr belastend. Aber ich glaube, dass mit Katharina Wagner jetzt ein neuer Wind weht. Aber der Wagner ist natürlich mit keinem Wort bezüglich seiner Weltanschauung zu verteidigen. Wenn man Cosimas Tagebücher liest, ihre und auch seine Ausführungen, wird einem übel. Aber (atmet tief): Die Musik ist großartig. Die Musik ist großartig, und deswegen will ich den Menschen vom Musiker trennen. Sie können ohne Wagner und den „Tristan“ auch die Moderne nicht begreifen.



Über Berlioz, Liszt, Debussy könnte man es zumindest versuchen...


Paternostro: ...wenn Sie „Tristan“ nicht spielen, verstehen Sie vieles von Mahler nicht, und Schönbergs „Verklärte Nacht“. Oder Bruckner. Also Ihre Fragen sind die entscheidenden, aber leider eben auch sehr schwer zu beantworten. Wissen Sie, wir fahren VW, Audi und Mercedes, fliegen mit der Lufthansa, halb Israel studiert in Berlin und ganz Israel schaut sich Deutschland an. Das ist wunderbar. Zum Glück. Nur mit Wagner hat man das Problem. 



Er wird in Teilen immer wieder als ideologischer Vorbereiter für den Wahn Adolf Hitlers gesehen...


Paternostro: ...Sie haben vollkommen Recht. Ich frage mich nur, wie weit diese Vorbereitung ging und inwiefern Hitler überhaupt das intellektuelle Niveau hatte, um Wagners Gedanken zu verstehen. Wahrscheinlicher ist, dass er vom üblen österreichisch-ungarischen Antisemitismus des damaligen Wiens beeinflusst wurde. Das ist fatal. Wir müssen eine neue Zeit beginnen.



Haben die Juden nicht das Recht, Wagner kollektiv zu verdammen?


Paternostro: Also das Recht kann ich ihnen nicht absprechen. Aus diesem Respekt heraus haben wir auch nie Wagner in Israel gespielt. Es soll ja auch niemand gezwungen werden, Proust oder Joyce zu lesen. 



Nun haben Sie den Echo Klassik zugesprochen bekommen. Welche Gefühle haben Sie dabei?


Paternostro: Den kriegt man nicht so oft im Leben. Das freut uns wahnsinnig. Ich glaube, wir sind das erste israelische Orchester mit einem Echo. Dass unser Einsatz für Wagner und die Völkerverständigung so honoriert würde, hätten wir nie gedacht.



Nun kommen Sie nach Mannheim und dirigieren in einer Stadt mit israelischem GMD. Wie kam der Kontakt zustande?


Paternostro: Ach Gott, wir kennen uns natürlich aus Israel. Dan Ettinger ist ein sehr geschätzter Kollege, und ich freue mich besonders auf das Konzert, da ich das Orchester auch durch Adam Fischer kenne und sehr schätze. Und wir haben ein anspruchsvolles Programm mit „Don Qixote“ und Beethovens „Pastorale“. 



Sehe ich da einen Schwerpunkt auf dem deutschen Repertoire?


Paternostro: Ja. Da sind wir wieder beim Anfang. Denn durch meinen italienischen Namen holten mich die Häuser zuerst immer für Verdi, Puccini und Bellini. Aber als ich dann mehr selbst bestimmen konnte, ging es so richtig los mit dem Wagner.


Mannheimer Morgen: Stefan M. Dettlinger




PRESSESTIMMEN :



Beethoven kommt mit Macht


„Jetzt erzähl’ doch mal etwas!“ – davon handelt dieser Abend. Er handelt davon, dass ein Mann seinen Verstand verliert, was verständlich ist, weil der Gute zu viel über Ritter gelesen hat. Er handelt aber auch davon, wie ein anderer Mann (keine Frau, nein!) durch die Landschaft spaziert und allerlei erlebt. Er spürt: heitere Empfindungen. Er hört: Nachtigall, Wachtel und Kuckuck. Er duscht: weil nach „Donner“ und „Sturm“ meist ein Platzregen folgt. Am Ende ist alles gut. Der eine Mann, Don Quixote mit Namen, kommt zur Besinnung und stirbt in Frieden, der andere Mann, Beethoven höchstselbst, dankt Gott und ist glücklich. Davon handelt, ja erzählt dieser Abend, der ja auch ein Konzert ist. Keine absolute Musik also steht auf dem Programm der Musikalischen Akademie mit Roberto Paternostro und dem Nationaltheater-Orchester (NTO). Es steht Musik mit Programm auf dem Programm, und die klingt so: Leicht und tänzerisch schwingen sich Flöten und Oboen in hellem D-Dur empor, galant gesellen sich die anderen Holz- und Blechbläser hinzu und formen ein fast wienerisch klingendes Tänzchen. Aber es handelt sich hier um Musik von Richard Strauss. So transparent und leicht bleiben seine fantastischen Variationen freilich nicht. Im Verlauf der zehn Variationen steigert sich der „Don Quixote“ zu einer thematischen und klanglichen Dichte, die teils an die Grenze der Tonalität geht – wenn etwa über dem zarten Irisieren der Bratschen Bläser eine blökende Hammelherde durch den Konzertsaal marschieren lassen. Eindrucksvoll klingt diese Musik vom NTO, das sich ja auf Strauss versteht – und doch bleiben Wünsche offen.



Kapellmeisterlicher Dirigent


Der Protagonist des Werks, das den Don Quixote verkörpernde Violoncello, sticht nämlich nicht exponiert aus dem Orchesterklang heraus. Im Forte geht es ganz unter, im Piano spielt Solocellistin Dorothea Strasburger vor allem gegen Ende wunderschön, mit viel Seele und zartestem Vibrato, aber trotzdem klingt das Instrument etwas zu dünn, um sich klanglich zu emanzipieren, zumal in der Version Paternostros und des NTO die anderen Soloinstrumente fast genauso wichtig erscheinen, die warm klingende Viola Julien Heichelbechs, die virtuos gespielte Violine von Konzertmeister Andrei Rosianu oder all die Holz- und Blechbläser, von Oboen und Fagotten bis hin zu Hörnern und Trompeten. Streng ist das Dirigat Paternostros, man könnte es auch „kapellmeisterlich“ nennen, und damit ist durchaus ein Lob verbunden. Allerdings gelingt ihm mit Strauss bei weitem nicht alles – mehr klangliche Raffinesse und – damit verbunden – vielleicht auch ein geschmeidigeres Metrum mit elastischeren Tempowechseln führten wohl zu einem besseren klanglichen Ergebnis. Für diese Einschränkung bei Strauss entlohnt nach der Pause ein Beethoven, wie wir ihn lange nicht gehört haben. Kompakt, perfekt und klanglich feinstens austariert – so klingt Beethovens hellste, positivste und an Spannung ärmste Sinfonie vom NTO unter Paternostro. Alles gelingt: die angenehme Weichheit im ersten Satz mit seinen plauderhaften Themen und Motiven, die in ein Fest der Natur münden; die leuchtenden Farben der Instrumentenkopplungen in der „Szene am Bach“ mit ihren vielen Soli (von Flötist Matthias Wollenweber, Oboistin Daniela Tessmann, Klarinettist Manfred Klein und Fagottistin Annette Klein bestens vorgetragen) und den luftigen Vogelrufen am Ende; und schließlich das mit dem Dreiklangsmotiv von Klarinette und Horn (Ulrike Hupka) eingeleitete große Finale, in dessen Verlauf Beethoven dann doch noch ein paar Septakkorde und Dissonanzen auffährt, um der Sinfonie einen gewissen dramatischen Bogen zu verleihen und die „mit Dank an die Gottheit verbundenen Gefühle“ größer erscheinen zu lassen. Bei all dem, also der Strenge des Schlags, den Paternostro unprätentiös und deutlich vorgibt, wirkt, was das NTO macht, auch noch sehr entspannt. Die Musiker lassen Beethoven kommen, und der kommt mit aller Macht, mit Logik und Geschlossenheit, die uns eines fast schon wieder vergessen lässt: Dieser Abend will ja etwas erzählen, er hat ein Programm. Doch die Musik selbst ist vielleicht immer noch das beste Programm und das auferlegte nur eine Krücke. Großer Jubel am Ende – das ist nach diesem ruhigen Werk nicht normal – was uns wiederum von einem gelungenen Abend erzählt.


Mannheimer Morgen: Stefan M. Dettlinger



Antiheld und Naturidylle


Roberto Paternostro dirigiert Mannheimer Akademiekonzert im Rosengarten


VON GABOR HALASZ : Rheinpfalz 10.10.2012


Mit Richard Strauss und Beethoven hat das Mannheimer Nationaltheater-Orchester die Reihe seiner Akademiekonzerte 2012/13 in ausgezeichneter Verfassung im Rosengarten eröffnet. Die musikalische Leitung hatte der Wiener Dirigent Roberto Paternostro, zwei Soloinstrumentalisten des Orchesters, Cellistin Dorothea Strasburger und Bratschist Julien Heichelbech, übernahmen die


Solopartien von Strauss’ sinfonischer Dichtung „Don Quixote“.


Mit jeweils zwei gewichtigen sinfonischen Werken – auf „Don Quixote“ folgte im zweiten Teil Beethovens sechste Sinfonie, die „Pastorale“ – gestaltete sich das Programm des Abends sehr kompakt. Und kompakt, geschlossen, mit beherztem Zugriff spielte auch das Nationaltheater-Orchester auf.


Unter Paternostros klarer, sattelfester Zeichengebung erfuhren Strauss’ „Fantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters “wirkungsvolle Aufführung, wurde ein beträchtliches Maß an spätromantischen sinfonischen Energien freigelegt und dabei auchvirtuoses Potential gezeigt.


Musikalisch ansprechende Momente glückten andererseits vor allem in der Piano-Sphäre.


Alles andere als problemlos blieb indes das sonore Gleichgewicht zwischen Orchester und Solocello. Dorothea Strasburgers brillante musikalische Darstellung des Ritters von der traurigen Gestalt klang nämlich wunderschön – wo sie zu hören war: in den unbegleiteten und den orchestral kleinbesetzten Passagen. Über weite Strecken ging aber ihr Part im vollen Orchestersatz unter. Weniger Orchesterstürmen sieht sich in Strauss’ Partitur die Soloviola (Sancho Pansas klingendes Alterego) gegenüber. Dementsprechend vermochte sich der überlegen, mit kostbarem Ton spielende Julien Heichelbech akustisch mühelos zu behaupten. Anerkennung gebührt übrigens auch dem heimlichen Solisten, Konzertmeister Andrei Rosianu, für seine eleganten Geigenpassagen. Sehr überzeugend geriet nach der Pause die Wiedergabe der Beethovenschen „Pastorale“. Deren tönende Genrebilder und Naturidyllen formte Paternostro – dessen Gestik hier beredter erschien als bei „Don Quixote“ – überaus differenziert, feinfühlig, im Detail stets plastisch. Für die Qualität der Aufführung sprachen Intensität der musikalischen Diktion, bewegliche, außerordentlich sensible Dynamik mit erlesenen Piano-Klängen und Feinheiten der Phrasierung, Farbgebung und Akzentuierung. Um doch nicht ganz ohne Nörgeln aufzuhören:


Vor lauter Schwung verschwammen gelegentlich kleine Notenwerte. 



 

Nach oben



Folge den Freunden auf facebook

Osteria Vineria bietet gehobene italienische Küche, stets saisonal und frisch, 2/3 gängiges Mittagsmenue oder nach dem Theater das Theatermenü (bitte reservieren).

HomeKontakteImpressumDatenschutz