Pressestimmen Akademiekonzerte Spielzeit 2014/2015


7. Akademiekonzert, 11.05.& 12.05.2015
Dirigent: Pietari Inkinen
Solistin: Yulianna Avdeeva
Komponist: Tomi Räisänen

Stefan M. Dettlinger
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 13.05.2015

„In jedem Stück, ob auf dem Theater oder im Konzert, steht einmal die Zeit still. Es ist ein magischer Moment. Wir hören in uns hinein, uns atmen, uns denken und fühlen, wir hören den Fluss des Blutes und Schlag des Herzens und fühlen: Zeit. Und Zeit. Nichts als Zeit. Und wenn dieser Moment des Zeitfühlens abrupt kommt, sich jäh aus einem Viel-zu-viel an Ereignissen herausschält, dann scheint alles plötzlich unendlich. Wir fühlen uns wie im schwarzen Kosmos. Oder in „Theia“, dem Werk des Finnen Tomi Räisänen, das jetzt im Akademiekonzert uraufgeführt wurde. Drei Minuten lang herrscht in seiner Mitte geordnetes Chaos. Mannheimer Raketen schießen nach oben, kosmische Staublawinen purzeln durch den Raum, kolossale und regelmäßige Donnerschläge von Tam-Tam und Großer Trommel verkünden ohrenbetäubend kollidierende Katastrophen. Es ist ein Wuchten und Wummern, ein Stemmen und Stauchen. Alles ist in Aufruhr, bis ja, bis sich durch das Funkeln und Glitzern des Glockenspiels Erlösung andeutet: Plötzlich, exakt nach 16 Minuten oder 441 Takten titanischer Klanglichkeit herrscht schiere Ruhe. Der leere Raum breitet sich aus, eine hohle Quinte (g-d) der Streichergruppe beschreibt die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Ein magischer Moment, der unter die Haut geht. Beeindruckende, bisweilen wild spukende 25 Minuten spielt das Nationaltheaterorchester (NTO) da. Sie gehören mit zum Modernsten, was in der Reihe der Uraufführungen der Akademie in den vergangenen zehn Jahren erklang, und das Kunststück, das dem Komponisten gelungen ist, lautet: Mit einem gewaltigen, vor dominierender Dissonanz nicht zurückschreckenden Tonsatz gelingt es Räisänen, die Mittel der Moderne mit denen der tabulosen Postmoderne so zu fusionieren, dass in deren Dekonstruktion das Naturereignis der Kollision von Erde und Theia vor 4,5 Millionen Jahren genauso spürbar wird wie das Wissen davon, dass wir vor solchen Ereignissen nur Staub, Atome sind. Das Publikum ist angetan.“

„Yulianna Avdeeva, die 29-jährige russische Pianistin, die nicht zuletzt mit ihrer glasklar und rasant gespielten Zugabe, Chopins Walzer As-Dur op. 42, begeistert. Davor spielt sie aber noch jenes Werk, das von Plattenfirmen immer noch oft mit Schumanns Klavierkonzert auf ein Album gepackt wird: das von Edvard Grieg in a-Moll.
Wie Avdeeva das nimmt (vor allem im zweiten und gegen Ende des dritten Satzes), zum einen ausladend, hochvirtuos und manchmal martialisch, dann aber wieder mit kristalliner Klarheit (in einigen Akkordpassagen knochentrocken ohne Pedal fast an Prokofjew erinnernd) das 1869 uraufgeführte Opus erscheint uns ein bisschen wie der kleine, noch pathetischere Bruder der Werke Rachmaninows. Auf der anderen Seite lässt Avdeeva im Piano wunderschön lyrische Farben irisieren, besonders ab der Mittellage aufwärts, wo sie zart wie eine Rose klingt. Und wie schon bei Räisänen läuft das Orchester unter der Leitung des Finnen Pietari Inkinen hier weitgehend rund ... Die Soli (Romanze Avdeeva mit Hornist Stefan Berrang oder das Flötensolo Robert Lovasichs) insgesamt gelingen aber gut.

Dass Inkinen ein sehr konzentrierter Dirigent ist, ruhig und klug, hört man genauso wie man sieht, dass er auch energisch werden kann. Besonders in Jean Sibelius' schwerem Brocken, der vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs entstandenen 5. Sinfonie, sieht man, wie er schafft, wie er in einem langen Konzert (Ende: 22.20 Uhr) alles tut, um dieses Werk möglichst positiv zu präsentieren. Es gelingt obwohl die Zeit hier nie stehenbleibt, sondern stets mit sehr, sehr viel Klang gefüllt wird.“

© Rhein-Neckar-Zeitung, Freitag, 15.05.2015  von Rainer Köhl
„Die berühmte „Mannheimer Rakete“ wird von den Komponisten immer fleißig bemüht, wenn sie Auftragswerke für die Musikalische Akademie Mannheim schreiben. Sie wird wohl auch Tomi Räisänen vorgeschwebt sein, als er sein Orchesterwerk „Theia“ konzipierte, das nun beim 7. Akademiekonzert uraufgeführt wurde. Und doch ging es dem 1976 geborenen finnischen Komponisten keineswegs um gestalterische Prinzipien der guten alten Mannheimer Schule sondern vielmehr um elementare Energien. Rhythmisch kraftvoll anstürmende Blechbläser und Schlagzeug gaben zu Beginn schon einen Eindruck von dem Ereignis. Kühne Klangschichtungen hörte man dabei, gleißende Klänge und starke Reibekräfte. Daneben bestach das neue Werk mit aparten Farben und ebensolchen Harmonien, mit gespannten Klangkonstellationen und sonor ausschwingenden Melismen, die an nordische
Runenmelodik erinnerten. Die griechische Mythologie tönte bei alldem mit beredter Kraft. Große Klarheit brachte das Nationaltheater-Orchester unter der Leitung des finnischen Dirigenten Pietari Inkien in die Uraufführung – in den exquisiten Klängen ebenso wie in den großen Ballungen. Ein starkes und effektvolles Werk, das in manchen Momenten an Aribert Reimann erinnerte.

Yulianna Avdeeva war danach die Solistin im Klavierkonzert a-Moll von Edvard Grieg. Die 29-jährige russische Pianistin, die den Warschauer Chopin-Wettbewerb 2010 gewann, ist eine sehr strenge Musikerin. Hart und unnachgiebig in Ton und Gestaltung musizierte sie. Eine gute Ader für Lyrik hat sie dennoch. Dass man einen Chopin-Walzer als Zugabe so uncharmant herunterpoltern muss, das vergessen wir besser.

Sehr viel Wärme gewann Pietari Inkien dem Orchester ab, bei Grieg und nicht minder bei der 5. Sinfonie von Sibelius. Schöne Naturstimmungen kamen hier zum Tönen. Delikate Farbprismen öffnete der Dirigent, und sehr modern waren die Dissonanzen, welche die lieblichen Folklorismen des zweiten Satzes begleiteten. Das hymnisch wogende Hörnerthema des Finales war begeisternd.“


 

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6. AKADEMIEKONZERT, 09.03.& 10.03.2015
Dirigent: Christoph Altstaedt
Solist: Ilya Gringolts (Violine)

6. AKADEMIEKONZERT<br />© Foto:
6. AKADEMIEKONZERT© Foto:

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 11.03.2015, Hans-Günter Fischer
Eine ausgeprägte Fürsorge dem Komponisten Robert Schumann gegenüber gab es immer schon in der Familie. Zu den Vorfahren Aribert Reimanns zählte schließlich auch der Arzt, der Schumanns letzte Jahre in der Nervenheilanstalt Bonn-Endenich begleitete. Die Krankenakten wurden sorgsam aufbewahrt, am Schluss sogar veröffentlicht.
Das ist noch nicht einmal zehn Jahre her. Zuvor schon hatte Reimann seine Interpretation des Falles als Orchesterstück herausgebracht: „Sieben Fragmente in memoriam Robert Schumann“. Diese können als ein nachgereichtes Bulletin zum Zustand einer Psyche, die in Auflösung begriffen ist, gehört werden. Als Niederschrift eines Persönlichkeitsverlusts in Noten. Jedenfalls beim sechsten
Mannheimer Akademiekonzert im Mozartsaal des Rosengartens.
Christoph Altstaedt steht am Pult. Ein junger Dirigent, der zwar schon einige Erfahrung aufweist. Aber träfe man ihn, ohne ihn zu kennen, im Foyer einer Musikhochschule an, man würde ihn wohl für einen Studenten halten. Jedes „Posing“, jedes Pultheroentum und jede Maestrohaftigkeit sind Altstaedt unbekannt. Er dirigiert nicht „charismatisch“, sondern sorgfältig. Die Psyche Schumanns, wie sie Reimann sieht und in gemäßigt zeitgenössische Musik verwandelt, wird dadurch gerade auch in ihren Leerstellen und blinden Flecken anschaulich. Und dann gibt es die raren, kostbaren Momente, die den kranken Komponisten noch einmal von sommermildem Hörnerklang und deutschen Wäldern träumen lassen. Richtig heimelig wird‘s freilich nie.
Aber auch Schumanns Violinkonzert, eines der letzten großen Werke vor dem psychischen Zusammenbruch, war lange Zeit ein Fremdkörper im klassischen Konzertbetrieb. Das ändert sich erst jetzt, und Ilya Gringolts‘ Aufführung im Rosengarten mag sogar ein klitzekleines bisschen dazu beitragen. Den Geiger aus Sankt Petersburg darf man zum „Schumannianer“ stempeln. Er kennt auch die Violinsonaten, Streichquartette und Klaviertrios des syphilitischen Romantikers aus nächster Nähe.
„Glänzen“ kann man als Solist fast nie, im Violinkonzert verbleibt die Geige oft im tieferen Register, und ein Pointenfeuerwerk wie beim Kollegen Mendelssohn bleibt im Finale aus. Den Mittelsatz indessen phrasiert Gringolts derart überirdisch schön, dass man schon hier an jene Engelsstimmen glauben könnte, die der kranke Schumann später hörte. Und es gibt auch eine gleichgestimmte Seele im Orchester: die Cellistin Dorothea Strasburger. Die Kniffligkeiten im Finale schließlich meistert Gringolts anstandslos; aber sie sind nicht für die Galerie gemacht. Im Gegensatz zur Zugabe, der 16. Caprice von Paganini, einem Presto-Stück mit Springbogeneffekten. Ausgesucht, damit es restlos klar wird: Virtuose „Körner“, manuelle Kraftreserven, technische Bravour hat dieser Geiger eben auch.
Und Felix Mendelssohn Bartholdy hat in der dritten Sinfonie a-Moll op. 56, der „Schottischen“, auch jene Kunst der „Landschaftsmalerei“ gepflegt, die Wagner kritisiert, doch insgeheim bewundert (und gewiss kopiert) hat. Christoph Altstaedt weiß mit (Klang-)Räumen und Farben umzugehen, nebelgraue Orgelpunkte einzuflechten, manchmal sogar Panoramaschwenks zu dirigieren. Nörgeln muss man selten: Das berühmte, dudelsackartige Klarinettenthema aus dem Scherzo könnte man vielleicht noch kecker, burschikoser blasen, als es Manfred Klein in Mannheim tut. Doch dafür glückt demselben Musiker im Schlusssatz ein verzaubernder Moment des Innehaltens, ehe sich das Panorama durch hinzutretende Hörner wieder weitet.
All das wird von Christoph Altstaedt und den Nationaltheater-Musikern im Ganzen treffend ausgestaltet. Und der aushilfsweise tätige Konzertmeister vom Staatstheater Mainz, Nayoya Nishimura, macht auch keinen schlechten Eindruck. Sondern bringt vom ersten Geigenpult aus Deutlichkeit in die Phrasierungen. Trotz des gewollt verhangenen Charakters mancher Stelle.

© Die Rheinpfalz, Mittwoch, 11.03.2015, Rebekka Sambale
Ilya Gringolts hat eine angenehm natürliche Art, auf seinem Instrument zu spielen. Vor allem die tiefen Töne bringt er zu wohlig vollem Klang, hält sich in den höheren Lagen vollkommen ungekünstelt. Bei Robert Schumanns Violinkonzert in d-Moll versinkt der russische Künstler mit geschlossenen Augen ganz in seinen Melodielinien. Allerdings taucht er dabei manchmal so weit hinab, dass das Zusammenspiel mit dem Nationaltheater- Orchester doch deutlich leidet.
Mehrere Male sind die Einsätze der beiden musikalischen Partner nicht exakt getaktet, Christoph Altstaedt hält das große Ganze am Pult zusammen. Dafür geht auch Energie des Orchesters drauf, das nicht immer mit voller Überzeugung spielt. Der zweite Satz gerät schleppend. Nicht ganz unschuldig ist daran Robert Schumann selbst – schließlich fehlt seiner Komposition ein überzeugend belebter Teil zwischen „In kräftigem, nicht zu schnellen Tempo“ (Satz eins) und „Lebhaft, doch nicht zu schnell“ (Satz drei). Umso flotter ist dafür die Zugabe von Gringolts: Die Caprice Nr. 16 von Niccolo Paganini lässt er in höchster Geschwindigkeit aus den Saiten gleiten. Das Publikum ist angetan.
Bevor es an diesem Abend den Schumann gab, gab’s die Anlehnung an selbigen. Am Anfang ist es ein
scheinbares Durcheinander, bis sich aus dem ungeordneten Klang-Knäuel nach und nach einzelne Fäden lösen. Aribert Reimann verarbeitet in seinem Werk „Sieben Fragmente für Orchester
in memoriam Robert Schumann“ Themen aus den Geistervariationen Mendelssohn und Schumann bei Akademiekonzert des romantischen Komponisten. Dieses Klavierwerk schuf Schumann, als
er bereits schwer krank war und unter Verfolgungswahn und allerlei anderen psychischen Beschwerden litt. Ein großer Künstler am Boden.
Reimann unternimmt mit seiner Komposition immer wieder kurze Ausflüge ins Konsonante. Hier scheint ein wenig Klarheit in die Klänge zu kommen, dort ein Fetzen wunderschöner Melodie.  Doch das alles darf ja nicht zu lange andauern. Vielleicht ist es ein wenig wie in Robert Schumanns Kopf, wo sich in den linearen Lebensalltag immer wieder  bedrückende und verletzende Symptome drängten. Auch wenn Reimanns Stück für den Zuhörer schwer greifbar ist: Schön mitzuerleben sind ungewöhnliche Klangkombinationen wie schreiende Geigen im Flageolett über melodischem Horn- Gesang. Das Nationaltheater-Orchester musiziert hier genau und durchdacht.

Mit der Sinfonie Nr. 3 a-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy, nach ihrem Kompositionsort auch „Die Schottische“ genannt, steigert sich das Orchester bis in den letzten Satz zu starker Präsenz und prägnanter Phrasierung. Christoph Altstaedt dirigiert wohldosiert. Nach vorne lehnend kommt er dem Ensemble entgegen und lässt es anschließend im vollen Klang, nach hinten tretend, auf sich zuströmen. Da bei Mendelssohn alle Sätze ohne Pause ineinander übergehen, schafft er ein einziges großes Gebilde ohne Brüche. Die Musiker im Rosengarten passen sich diesem stetigen An- und Abschwellen im ersten Satz und den fröhlichen Melodien in den späteren Passagen gleichsam aerodynamisch an. Die Oboe trumpft mit flockig- leichter Spielweise auf, die hohen Streicher zeigen fest-entschlossenen Zugriff bis zum Ende.

© Rhein-Neckar-Zeitung, 14./15.03.2015, Rainer Köhl
Seine „Sieben Fragmente für Orchester in memoriam Robert Schumann“ schrieb Aribert Reimann im Bewusstsein des seelischen Leidens, das den Romantiker in seinen letzten Lebensjahren befiel. Mit der Krankenakte des Psychiatriepatienten setzte er sich auseinander, ließ dessen psychischen Zustand der letzten Jahre ebenso durch die Partitur wehen wie Fragmente aus Schumanns letzter Komposition, den „Geistervariationen“ für Klavier. Die Auflösungserscheinungen, das Fragmenthafte dieser Variationen spielte auch in Reimanns Komposition von 1988 hinein.
Das Werk gab es zu Beginn des 6. Mannheimer Akademiekonzerts im Rosengarten. Mit energiereicher Vehemenz ertönten gespannte Dissonanzen und hochexpressive Kontrapunkte. Es wurde eine Atmosphäre beschworen, die an Reimanns Oper „Lear“ erinnerte. Geisterhafte Klangszenarien erstanden dabei in fahlen Flageoletts und gellenden Signalen. Wie ein Choral wehten Zitate aus den „Geistervariationen“ herein, wurden übermalt von sphärischen Dissonanzen und Signalen der Bläser. Das wirkte so wie die Engelsgesänge, die Schumann in dieser Zeit hörte. Unter der Leitung von Christoph Altstaedt  musizierte das Nationaltheater-Orchester die vielschichtige Partitur mit konzentriertem Elan.
Schumanns Violinkonzert, eines der letzten großen Werke vor seinem psychischen Zusammenbruch komponiert, ist immer noch ein rarer Gast im klassischen Konzertbetrieb. Nur wenige Virtuosen nehmen sich dieser Musik an. Ilya Gringolts, der russische Schule ebenso genossen hat wie eine Ausbildung bei Itzhak Perlman, hatte bestes Gespür für den Nerv dieser Musik. Mit herbem Ton durchzeichnete er das Zerklüftete seines Parts, das er beredsam und in freier Rhapsodik ausfüllte. Schönste Lockerheit brachte er ins Finale, genussvoll den volksmusikantischen Gestus und das Rustikale aktivierend. Dabei musizierte er herzhaft, saftig lustvoll. Gleiches galt fürs Nationaltheater-Orchester. Flammend, lodernd spielte Gringolts noch eine Paganini-Caprice als Zugabe. Mendelssohns „Schottische Sinfonie“ gab es am Ende. Die Eindrücke seiner Schottlandreise hat der deutsche Romantiker darin verarbeitet, die raue, herb-wilde Natur, die ländliche Urwüchsigkeit,
die Begegnung mit singenden, feiernden, betrunkenen Highlandern. Raue Stürme bliesen von den Highlands, rauschende Lebensfreude rief zum Fest. Das war orchestral klangkräftig und beherzt umgesetzt.

VORSCHAU: 7. AKADEMIEKONZERT MIT WELTPREMIERE
11.& 12.05.2015, 20.00 Uhr, Rosengarten
Das Programm: Uraufführung eines neuen Orchesterwerks des finnischen Komponisten Tomi Räisänen, Klavierkonzert a-Moll op. 16 von Edvard Grieg, 5. Sinfonie Es-Dur op. 82 von Jean Sibelius.
Die Besetzung: Solistin am Klavier ist Yulianna Avdeeva, es spielt das Nationaltheaterorchester unter der Leitung von Pietari Inkinen.
Info und Karten (zu 13-43 Euro): 0621/2 60 44.


 

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5. AKADEMIEKONZERT, 09.02.& 10.02.2015
Dirigent: Dan Ettinger
Martin Muehle (Tenor)
Edna Prochnik (Mezzosopran)

5. AKADEMIEKONZERT<br />© Foto:
5. AKADEMIEKONZERT© Foto:

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 11.02.2015, Stefan M. Dettlinger
Ein fulminanter Aufschrei jubelnder Freude: Hörner rufen mit Signalen, Bratschen und Holzbläser spritzen wild nach oben, es entwickelt sich eine Motivik äußerster Verrücktheit. Das Ganze steigert sich in chromatische Trunkenheit in kleinen Figuren, mit rauschenden Harfenkaskaden und wilden Rhythmusüberlagerungen. (...) auch wenn in diesem a-Moll-Anfang schon die Träne dieser später folgenden einen Zeile glitzert: „Dunkel ist das Leben, ist der Tod.“
Dan Ettinger und die fast 110 Musizierenden des Nationaltheaterorchesters (NTO) spielen das im Rosengarten fulminant, trunken vor allem von einem üppigen Klang, der uns direkt auf den Mund küsst. Der Generalmusikdirektor ist bei sich. Er will, so scheint es, mit Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ nicht weniger, als die Welt aus den Angeln heben. Brillant ist das. Packend. Und laut.

(...) Martin Muehle, der in diesen Klang mit den Worten „Schon winkt der Wein im goldnen Pokale“ einsteigen muss, ist absolut chancenlos – und wer die Stimme des Deutsch-Brasilianers kennt, diesen frei strahlenden und gesunden Spinto-Tenor, der kann sich das fast nicht vorstellen. Er singt zwar „mit voller Kraft“, wie Mahler vorschreibt, und geht doch eher als Farbe im Gesamtklang des Klangkörpers auf. Kein Wort ist zu verstehen. Kein Konsonant wahrzunehmen. Und das NTO spielt munter weiter, als säße es irgendwo tief im Orchestergraben oder hätte eine Sinfonie auf dem Pult liegen.
Aber das ist ja Ettingers Ansatz: Er dirigiert das Werk wie eine Sinfonie, sucht das Große und Weite, lässt Fortissimo spielen, wo Mahler das hineinschrieb, geht ins Piano, wo es in der Partitur steht. Das ist zwar sklavische und – um ein besonders schönes Wort zu benutzen – werktreue Interpretation. Aber übertreiben wir jetzt? Sänger kann man mit diesem Werk im Konzert doch so nicht begleiten.
Sogar Mezzosopranistin Edna Prochnik hat Probleme, weniger freilich, schon allein, weil ihr erstes Lied „Der Einsame im Herbst“ mit den gedämpften Streicherketten und dem nostalgischen Oboensolo (beseelt: Daniela Tessmann) weniger Dezibel erzeugen als das eröffnende „Trinklied“. Doch Prochnik, die wir als brillante Fricka und starke Carmen mit Kalkül kennen, hat auch kaum die Freiheit zu charakterisieren. Schade ist das, weil die sechs Lieder das brauchen. Zeilen wie „Man meint, ein Künstler habe Staub von Jade / Über die feinen Blüten ausgestreut“ müssen zärtlich gesungen werden, brauchen Luft – beides geht, wenn das Orchester auch im Pianissimo begleitet.
„Das Lied von der Erde“ ist hochpoetisch. Die Nachdichtungen chinesischer Poèmes durch Hans Bethge haben impressionistische Farben, die Mahler 1907 bisweilen auch genau so musikalisiert hat. Im „Abschied“ mit seinem mystischen Werden, den leisen tiefen Schlägen der Streicher mit Tamtam, Harfen, Hörnern und darüber liegenden Arabesken und dem aufkeimenden Walzer gelingt das zunächst am besten. Die Musik ist dünn gesetzt. Prochnik kann ihren warm timbrierten Mezzo/Alt mit der ausgeprägten Tiefe entspannt fließen lassen. Über die Dauer des fast 30-minütigen Lieds geht ihr aber, während Ettinger mit dem NTO wieder zu Hochform aufläuft, genau diese Lockerheit verloren. Was dazu führt, dass sie bisweilen etwas angestrengt und monochrom klingt, was nicht zuletzt auch beim finalen „Ewig… ewig…“ hörbar wird.

Ist Mahlers „Lied von der Erde“ tiefgründig und -sinnig, so bestimmten zwei eher hellere und heiterere Werke den ersten Teil des Abends. Zum einen eine Gelegenheitsarbeit Dmitri Schostakowitschs, die festliche Ouvertüre, die Ettinger mit dem NTO streng und stringent umsetzte; absolut überzeugend. Und dann das große Kuriosum Serge Prokofjews namens „Symphonie classique“.
Klang hier der erste Satz noch etwas schwerfällig (und in den Streichern auch unsauber), so staunen wir im Larghetto über die perfekt schnurrenden Pizzikati, im dritten über die spielerische Eleganz und im Finale über die Leichtigkeit (und auch die Flötensoli Robert Lovasichs). Natürlich bleibt am Ende hier immer noch ein Konzert, über das man sich freut (zumal dieser Mahler selten live zu hören ist). Und klar gibt es am Ende Blumen und Beifall – immerhin sechs Minuten lang.

© Rhein-Neckar-Zeitung, Donnerstag, 12.02.2015, Rainer Köhl
Die Sinfonien Gustav Mahlers sind immer ein besonderer Prüfstein in der Interpretationskunst eines Dirigenten. In Mannheim hat man in den letzten Jahren Glück gehabt mit großen Mahler-Interpreten,
und auch GMD Dan Ettinger ist auf gutem Wege, die Tradition fortzusetzen. Seine Interpretation des „Lieds von der Erde“ hatte große Momente, alle Charaktere, Stimmungen wurden vom Nationaltheaterorchester höchst eingebungsvoll umgesetzt.
Den Kopfsatz mit seinem großen orchestralen Überschwang, seiner Emphase und Hochstimmung, packte der Dirigent gleich richtig beim Schopf, entwickelte in diesem „Trinklied vom Jammer der Erde“ ebenso ein ausgeprägtes Gefühl für das Sinnliche, Narkotisierende, das er in weiten Rubati großzügig ausschwingen ließ. Schön ausgekostete Lyrik hörte man im zweiten Satz „Der Einsame im Herbst“, und gleichzeitig wurde die reiche Kontrapunktik der Instrumentalstimmen mit großer Expression aufgeladen.
Dass der dritte Satz „Von der Jugend“ das Scherzo dieser Sinfonie ist, ließ diese Interpretation trefflich deutlich werden: die Holzbläser waren in Hochform, verbreiteten kecke Laune und Humor. Heitere Szenerien wurden im vierten Lied „Von der Schönheit“ entworfen, erlangten die Exotismen und Chinoiserien sehr viel Liebreiz, kontrastiert von der Burleske des rasant dahin galoppierenden Mittelteils.
All die Gesten und Charaktere verstand Ettinger treffsicher und gab ihnen reiche Plastizität. Ganz zauberisches Waldweben wie in Wagners „Siegfried“ hörte man in „Der Trunkene im Frühling“, eine stimmungsvolle Idyllik mit Vogelzwitschern und einer wunderbaren Solovioline.
Für die Besetzung der Gesangspartien wagte Ettinger viel, zur Hälfte ging seine Wahl mit Ensemblemitgliedern des Nationaltheaters glücklich auf. Die Tenorpartie mit einem Belcanto-Tenor zu besetzen, ist mutig, glückte indes wunderbar. Man braucht keinen heldentenoral gestählten Brüller, um gegen die emphatisch brandenden Orchesterwogen des Beginns zu bestehen. Martin Muehle war mit seinem schlanken Tenor auch gut hörbar, auch wenn er nie outrierte. Vollkommen unforciert entwickelte der Sänger natürlich klingende heldische Farbe und geschmeidigste Belcantokultur, welche den schwärmenden Gesängen ungeahnt reiche Valeurs beigab. Die Leichtigkeit seines Gesangs war beste Grundlage für eine blühende Lyrik und Farbigkeit in seinem Vortrag. Strahlende Diskanttöne beglückten daneben vollkommen.
Leider gar nicht glücklich wurde man mit Edna Prochnik, die kaum hineinfand in die Partie. Der Sängerin fehlte es durchweg an Ruhe und Schlichtheit. Sie fiel ständig in Operngesten, in übersteigertes Singen und reiches Gestikulieren. Dabei fiel sie in Rollenklischees, die sehr an Wagners Kundry und deren Leidensgestik denken ließen. Das klang zudem durchweg sehr kehlig, und es gab unschöne Töne.
Begonnen wurde der Abend mit russischem Programm: der „Fest-Ouvertüre von Schostakowitsch, großen vaterländischen Triumphgesten, gefolgt von Prokofjews „Symphonie classique“. Durchaus markant, formte Ettinger Ecken und Kanten aus den Ecksätzen, genüsslich tönten die Mittelsätze.


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4. AKADEMIEKONZERT, 19.01.& 20.01.2015
Dirigent: Bertrand de Billy
Solist: Pascal Rogé (Klavier)

Pascal Rogé und Bertrand de Billy<br />4. AKADEMIEKONZERT<br />© Foto: MA<br />
Pascal Rogé und Bertrand de Billy4. AKADEMIEKONZERT© Foto: MA

© Mannheimer Morgen, 21.01.2015, Stefan M. Dettlinger
(...) Also: Wir reden hier über Bruckner. Die Sechste. Sie kommt nämlich in der zweiten Hälfte des Akademiekonzerts zur Aufführung. Sie ist kein Bruckner-Hit wie die Vierte "Romantische", die Achte "Apokalyptische" oder auch die unvollendete Neunte. Aber die Sechste enthält doch den ganzen Bruckner'schen Kosmos, die teils starre Klangarchitektur, die unvermittelten, schroff nebeneinandergestellten Themen und Motive, das manchmal bis zur Abstraktion führende Irrlichtern irgendwelcher Gedanken, die wie eisige Monde um bewohnte Planeten kreisen. Dies alles enthält auch die Sechste – nur in komprimierterer Form, dauert sie doch nicht einmal eine ganze Stunde.
Bertrand de Billy lässt gleich zu Beginn des Maestoso die nervösen triolischen Streicherbewegungen fein irisieren, fast eine Spur zu entspannt, möchte man meinen. Aber das Werk ist ja noch lang. Mysteriös erheben sich darunter die Motive von Bässen, Celli und Hörnern wie die Ahnung eines schwarzen Lochs, das alles in sich aufsaugen will. Schnell wird deutlich, dass de Billy das Spezifische an diesem Werk sucht und ihm nicht etwas überstülpen will. Er nähert sich als Diener und animiert seine Musiker vor allem dazu, sich gegenseitig zuzuhören. Bisweilen knistert es da, so trocken und kalt und konzentriert spricht Bruckner zu uns. Alles könnte geschehen, aber es ereignet sich nur diese eine logische Anordnung.
Kulinarisch ist Bruckner (gerade bei de Billy) selten, nur im Adagio weicht wenigstens das Große, Kühle und Logische dem menschlichen Gefühl, ja, einer schieren Gefühlsseligkeit, die, ähnlich wie Gustav Mahlers langsame Sätze, mit Nostalgienote jäh zu Tränen rühren kann. Die Streicher des NTO spielen das einfühlsam und wattig und dringen damit zum Kern dieser Musik vor, es scheint, dass der ehemalige Geiger und Bratscher de Billy ein Händchen für die 63 NTO-Streicher hat, die nur augenblicksweise mal, etwa die Violinen in den schwierigen Des-Dur und b-Moll-Skalen des Scherzos, intonatorische Schwierigkeiten haben. Hier, im dritten Satz, darf indes nicht unerwähnt bleiben, wie gut die Holzbläser agieren, wie kompakt und virtuos auf den Punkt und mit der Blechbläsergruppe harmonierend und ein vielschichtiges Geflecht aus Vorder- und Hintergründen bauend. Der affirmative Finalsatz bestätigt nicht nur die Fähigkeiten dieses Orchesters (wenn es in Form ist), sondern führt auch zur erlösenden Synthese des bislang Klangerzählten.

Mit dem 2. Klavierkonzert g-Moll des „französischen Mozart“ Camille Saint-Saëns steht ein echter Gegenpol zu Bruckner auf dem Programm: hier das Erhabene, Göttliche, Kosmische – das Prosaische, Menschliche, Irdische dort. Pascal Rogé ist ein Prachtbeispiel der französischen Virtuosenschule. Fein, filigran und flink spielt er die Tasten, auch die schnellsten Figuren des hochvirtuosen Konzerts gelingen beeindruckend transparent. Saint-Saëns, selbst einer der Supervirtuosen, würde sich freuen.
Mitunter wirkt das Werk aber wie ein Sammelsurium virtuoser Spielarten und Ideen von Schumann, Chopin und Liszt. Nichts wirklich Zwingendes wirft uns der begabte Franzose vor, da kann Rogé noch so schnell, perfekt und schön spielen und sich – mit de Billy – um ein fast immer perfektes  Zusammenspiel mühen (...) Was von dem zugegebenen Edelstein „Gnossienne Nr. 5“ Eric Saties nicht zu sagen ist: Das ist Konzentration pur, in der Rogé seine fein ziselierte Anschlagskultur auspackt. Insgesamt ein Abend vor leider längst nicht ausverkauftem Haus ...


© Die Rheinpfalz, 21.01.2015, Rebekka Sambale
Ein technisch engagierter Pascal Rogé am Klavier, das Nationaltheater-Orchester mit abwechslungsreichem Spiel und als Höhepunkt: Bertrand de Billy am Pult. Beim vierten Akademiekonzert im Rosengarten Mannheim war das Dirigat des Franzosen inspirierend und wunderbar anzusehen. Das Programm mit Bruckner und Saint-Saëns forderte unterdessen Höchstes von allen Interpreten.

Bei Anton Bruckners Sinfonien musste sich das Orchester in ständige plötzliche Klangwechsel hineindenken, beim Klavierkonzert Nr. 2 von Camille Saint-Saëns wurde dem Solisten große technische Virtuosität abverlangt. Fürs Publikum gab es unterdessen Konfetti. Über Reihe 15, Parkett Mitte regnete – wohl unbeabsichtigt – der eine oder andere einzelne Glitzer-Schnipsel von der Decke herunter. Doch von diesem vor-fasnachtlichen kuriosen Detail bekamen die überzeugend spielenden Musiker auf der Bühne nichts mit.
Pianist Pascal Rogé gestaltete die Solo-Partie bei Saint-Saëns mit variablem Anschlag, spielte im wahrsten Sinne des Wortes nah am Instrument. In gebückter Haltung, den Blick tief und fest in die Tasten geheftet, ging er eine konzentrierte Verbindung mit dem Flügel ein. Es schien, als würde er jeden Ton auf der Klaviatur suchen – wusste aber natürlich nach über 40-jähriger Bühnenerfahrung sehr genau, was er tat.
Sein inniger Kontakt mit dem Instrument kam zwar den Details einiger besonders komplizierter Passagen zugute, zeigte sich im Zusammenspiel mit dem Orchester aber nicht nur positiv. Vielleicht fehlte an einigen Stellen der direkte Blickkontakt mit Bertrand de Billy am Pult – jedenfalls wirkten die tänzerischen Abschnitte im zweiten Satz nicht gänzlich leicht und präzise auf das Orchester abgestimmt. In den freien Solo-Teilen hätte Rogé hingegen das Spiel sogar noch etwas eigenwilliger gestalten und freier auskosten können. Trotzdem, und wegen des überzeugenden Gesamteindrucks, zeigte sich das Publikum beeindruckt von dem hohen technischen Können des Franzosen.

Sein Landsmann am Dirigentenpult machte Bruckners 6. Sinfonie auch zu einem Seh-Genuss. Mit de Billy haben die Konzertveranstalter einen Glücksgriff getan. Bekannt wurde er vor allem durch seine Zeit als Chefdirigent des Radio-Symphonieorchesters Wien (2002-2010). Ihm beim Dirigieren zuzusehen, hat etwas beinahe Meditatives. Hätte der Mann noch längere Arme, würde er wohl das gesamte Orchester umfassen – so geschmeidig und groß sind die Bögen, die er in die Luft zeichnet.
Anton Bruckner ist der ewig Zweifelnde, der all seine Sinfonien mehrfach revidierte, einige zu Lebzeiten nicht mehr selbst hörte. Bei seinen Orchesterwerken weiß man nie, was hinter der nächsten Ecke, zwei Takte weiter, wartet. Die Kunst des Dirigenten ist es, Übergänge zu gestalten, die es in der Partitur gar nicht gibt, weil bei Bruckner alles abrupt daher kommt.
Im zweiten Satz der Sechsten feuerte de Billy das Blech an. Das schmetterte und blieb dennoch klangschön. Die Musiker reagierten stets gern und genau auf seine Anweisungen. So auch die Streicher, als sie wunderbar die langsamen Anstiege zu den musikalischen Höhepunkten umsetzten. Im Adagio spielten sie mit spannungsgeladener Allmählichkeit, holten immer wieder noch einmal aus, um sich dann weiter zu steigern. So klingen ein Orchester und Dirigent in gelungener Verbindung. Daher: Auch aus den Musikerreihen Applaus für den Maestro.


RHEIN-NECKAR-ZEITUNG, 22.01.2015
© Rhein-Neckar-Zeitung, Donnerstag, 22.01.2015

Zügige Tempi bei Bruckner
Akademiekonzert unter Gastdirigent Bertrand de Billy im Mannheimer Rosengarten
Von Nike Luber

„Camille und Anton“ hieß das jüngste Akademiekonzert des Nationaltheater- Orchesters Mannheim. Ein neues Klavierduo? Eine bisher unbekannte Oper? Man kommt nicht unbedingt sofort auf den Gedanken, dass es sich um die Komponisten Saint-Saëns und Bruckner handelt, Camille und Anton mit Vornamen.
Aber wer käme schon auf die Idee, die Größen der Musikgeschichte posthum zu duzen? Glücklicherweise zeigte sich das Nationaltheater-Orchester so vertraut mit dem Klavierkonzert Nr. 2 und der Symphonie Nr. 6 der beiden, dass man mit der Musik von Camille und Anton viel Freude hatte.
Als Solisten für das Klavierkonzert hatte das Orchester den französischen Pianisten Pascal Rogé eingeladen. Ein Glücksgriff, denn der noch von der Musiklegende Nadia Boulanger ausgebildete Rogé gab den anspruchsvollen Solopart mit gelassener Souveränität. Schon in der allein vom Solisten bestrittenen Einleitung des Kopfsatzes gelang es Pascal Rogé, melancholische Nachdenklichkeit und virtuos perlende Läufe zu verbinden. Das Orchester nahm sich, bis auf die gekonnt gesetzten dramatischen Akzente, sehr zurück.
Leicht und pointiert musizierte der Pianist den Mittelsatz. Das Orchester des Mannheimer Nationaltheaters griff den vom Solisten vorgegeben Tonfall auf, so dass der Satz insgesamt einen mitreißenden tänzerischen Schwung erhielt. Im abschließenden Presto ließ Pascal Rogé seinem pianistischen Temperament freien Lauf und verlieh dem virtuosen Solopart in beachtlichem Tempo strahlende Brillanz. Saint-Saëns‘ zweites Klavierkonzert mag nicht das tiefgründigste Werk seiner Gattung sein, aber es sollte ruhig öfter gespielt werden.
Anton Bruckner verbindet mit Camille Saint-Saëns eigentlich nichts, außer dass beide in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Komponisten Karriere machten. Saint-Saëns früher und schneller als Bruckner, dafür hat sich Bruckners Musik besser gehalten. Unter dem Gastdirigenten Bertrand de Billy entfaltete das NTO die ganze orchestrale Wucht des Maestoso-Kopfsatzes von Bruckners sechster Symphonie. Mit schlanker Tongebung wurden auch die Nuancen dieses Satzes ausgeleuchtet.
Schön gesanglich und ausdrucksvoll erklang das Adagio, in dem das Orchester sich das Schwelgen im eigenen Wohlklang gönnte. Dem Scherzo verliehen de Billy und das NTO treffend eine nervös vibrierende Unruhe. Im ruhigeren Trio kamen die intonationssicheren Hörner hervorragend zur Geltung. Auch die Wiedergabe des Finalsatzes bestach durch ihre differenzierte Gestaltung. Bertrand de Billy wählte für Bruckners Sechste, in der bei allen Sätzen steht, sie seien „langsam“, auf jeden Fall aber „nicht zu schnell“ zu spielen, zügige Tempi, was dem ausladenden Werk gut bekam.
Das nächste Doppelkonzert der Musikalischen Akademie Mannheim mit dem Nationaltheater-Orchester könnte „Gustav und Sergei“ heißen: Am 9. und 10. Februar steht Mahlers „Lied von der Erde“ neben Prokofjews Symphonie Nr. 1 auf dem Programm.


 

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3. Akademiekonzert, 15.12.& 16.12.2014
Dirigent: Dan Ettinger
Solist: Thomas Hampson (Bariton)

3. AKADEMIEKONZERT<br />© Foto:
3. AKADEMIEKONZERT© Foto:

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 17.12.2014, Stefan M Dettlinger
Am Ende, wenn alle Zugaben gespielt sind und aller Beifall bekundet, wenn alle Energie raus ist und die vielen festlichen Polyphonien des Finales mit heftigen Pauken- und Trompetenattacken verklungen sind – dann kommt bei diesem Generalmusikdirektor die Geste der Bescheidenheit. Er nimmt die Partitur vom Pult, hält sie in die Höhe und zeigt sie uns. Das haben andere schon getan. Auch bei Dan Ettinger wirkt das sympathisch. „Mozart – Sinfonie in C“ steht dort Weiß auf Blau geschrieben. Und wenn die Augen nicht täuschen, ist es von Bärenreiter die Urtext-Ausgabe der „Jupiter-Sinfonie“ – eine gute Vorlage, in der steht, was Mozart schrieb. Nicht mehr. Nicht weniger.

Das Mehr kommt dann vom Interpreten. Und Ettinger lässt gleich nach den mächtigen Anrollern des Vivace-Beginns keinen Zweifel daran, dass er das Werk in die Hand nehmen wird. Wie (der reife) Nikolaus Harnoncourt auf seiner jüngsten Aufnahme verzögert er mit dem Nationaltheaterorchester das Tempo für das zart aufsteigende Streichermotiv danach. Die Spannung steigt. Die Zeit bleibt stehen. Ist das noch Mozart? Er ist es. Aber es ist der Opernkomponist Mozart (der, der in der „Zauberflöte“ zwischen die anfänglichen Es-Dur und c-Moll-Akkorde Fermaten setzt und dadurch einen großen Freimaurer-Vorhang öffnet). Immer wieder sind es solche agogischen Mittel, mit denen Ettinger uns überrascht und gegen Hörgewohnheit verstößt. Da sind fast schon an Tempo rubato erinnernde Dehnungen und Stauchungen des Metrums in Holzbläsersätzen genauso dabei wie sehr tänzerische Momente im Menuett, das fast daherkommt wie ein Vorbote des Wiener Walzers der  Strauß-Dynastie.

Das kann man so machen. Mozart als sehr expressiver Klassiker. Bisweilen klingt das, als seien Haydn, Schiller, Beethoven, Goethe und Kleist längst tot gewesen, als er das Werk 1788 komponierte. Zumal Ettinger wieder den für ihn typischen Sound pflegt: üppige 50erStreicherbesetzung, voller Klang, weiche Artikulation und Phrasierung sowie eine eher emotionale Art, mit Übergängen umzugehen. Und das führt dann insgesamt zu einem eher unkonkreten und – ja – romantischen Klangbild (das man ja mag, wenn man mit Karajan, Bernstein & Co. aufgewachsen ist).

Anders stellt sich das vor der Pause in den Liedern und einer „Idomeneo“-Bearbeitung von Richard Strauss dar. Strauss liegt Ettinger wie Wagner oder Puccini. Wenn die Musik fließt, strömt und glüht, wenn sie sich quasi metamorph bewegt, dann laufen Ettinger und sein Orchester zu emphatischer Hochform auf. Und weil der Solist hier Thomas Hampson heißt und auch der gewissermaßen ein Spezialist in romantischer und neoromantischer Liedkunst ist, sind die Erwartungen besonders hoch. Vollkommen erfüllt werden sie allerdings erst in Hampsons zweiter Zugabe. In „Morgen“ (op. 27,4) begeistert der 59-jährige US-Amerikaner vollauf, hier vereinen sich seine charakteristische Textdurchdringung, die Beseeltheit und Ernsthaftigkeit mit dem, was der Pianist Artur Rubinstein paradox so nannte: „Es gibt keine Grenze zwischen Süße und Sentimentalität, aber man darf sie nicht überschreiten.“

Eben jene Süße, die Hampsons lyrischer Bariton verstrahlt, verzückt uns vollkommen. Weil sie auch im leisesten Pianissimo der „sonnenatmenden Erde“ bis in die letzten Winkel des Mozartsaals eine Ahnung jenes Gefühls schickt, von dem das Strauss-Lied (nach John Henry Mackay) handelt: „Und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen…“ 

Leider gibt es auch weniger Gutes zu berichten über den großen eindrucksvollen Charismatiker (der in Heidelberg ja Honorarprofessor ist). Denn in Strauss‘ „Hymnus“, „Notturno“ und „Pilgers Morgenlied“ gibt es – neben vielem Schönen – immer wieder auch Momente, in denen Hampsons Anspruch, die totale Interpretation zu liefern, eine Deutung also, in der sich Inhalt, Klang und Stimme zu so etwas wie Wahrheit vereinen, dass dies zu einer Künstlichkeit führt, die nicht mehr lebt und pulsiert und die uns dann auch nicht mehr ganz im Innern anrührt.

Alle Einwände auf höchstem Niveau – und klar sind wir am Ende trotzdem über viele Momente in diesem Konzert glücklich, so sehr, dass Ettinger dann, wenn alles vorbei ist, als Ultima Ratio des Ruhestiftens die Partitur hochhalten muss.


© Die Rheinpfalz, Mittwoch, 17.12.2014, Karl Georg Berg
Es war eine würdige Hommage an Richard Strauss zum Ende des Gedenkjahres zu seinem 150. Geburtstag, mit stimmigem Programm und einprägsamen Wiedergaben.

Strauss war bekanntlich ein großer Mozart-Verehrer – und um ein Werk des Salzburger Meisters hat er sich besonders verdient gemacht: um den „Idomeneo“, den er 1930 zu einer Zeit, da das Werk kaum bekannt war, in einer eigenen Bearbeitung auf die Bühne der Wiener Staatsoper brachte.
Diese Version ist für uns heute zwar mehr Strauss als Mozart, war aber als Ehrenrettung des Werks gedacht. Generalmusikdirektor Dan Ettinger stellte an den Beginn des Konzerts mit dem blendend disponierten NationaltheaterOrchester sinnfällig die „Idomeneo“-Ouvertüre und das frei komponierte Zwischenspiel von Strauss zum zweiten „Idomeneo“-Akt.
Ettingers Mozart war sehr spritzig und schillernd, sein Strauss sehr voll im Klang und expressiv im Charakter.

Der Übergang zu drei Liedern von Strauss war geschaffen. Die werden ja besonders gerne von Sopranistinnen gesungen, die hier im Wohllaut ihrer strahlenden Stimmen – so sie welche besitzen – und in weit ausschwingenden Linien schwelgen können. Beim Konzert in Mannheim sang nun allerdings ein Bariton, der US-amerikanische Gesangsstar Thomas Hampson.

Vor drei Tagen hielt er in Baden-Baden die Laudatio auf die Wiener Philharmoniker vor deren sensationeller Wiedergabe der „Alpensinfonie“, nun war er selbst ein Strauss-Interpret von tief bewegender Kraft. Natürlich ist auch eine Baritonstimme schön, erst recht die von Thomas Hampson,
aber Liedsänger von Gnaden wie er geben einem Lied mindestens ebenso viel Wirkung durch eine klare und ausgefeilte Textausdeutung. So waren „Hymnus“ und „Pilgers Mondlied“ aus op. 33 sowie das „Notturno“ aus op. 44 mit einer seltenen Textverständlichkeit und Differenzierung im Detail zu hören. Ganz streng und konsequent war Thomas Hampson auf die Vermittlung von Sinn und Ausdruck einer jeden Silbe konzentriert. Er setzte dabei seine außerordentliche Gesangs- und Gestaltungskunst mit hohem Verstand und zwingender Intensität ein. Besonders das viertelstündige „Notturno“ nach Richard Dehmels Text, bei dem Konzertmeister Andrei Rosianu das Violinsolo in sublimer Weise spielte, war von ergreifender Tiefe der Empfindung.

Großer Beifall des angerührten Publikums – und als Dank zwei Zugaben mit den wohl populärsten Liedern des Garmischer Meisters: „Zueignung“ und „Morgen“, letzteres wieder mit Violinsolo. Der „Zueignung“ gab Hampson eine ganz ungewohnte Fülle an Stimmfarben und Nuancen. Jede Strophe, immer mit den Worten „Habe Dank“ endend, hatte eine eigene Stimmung – und das bei einem Lied, das keine zwei Minuten dauert. „Morgen“ nach John Henry Mackays Versen war in ganz ruhigem Tempo und zartestem Piano ein zum Weinen schönes Liebeslied. Dan Ettinger war in all diesen Liedern mit dem erlesenen spielenden Orchester ein einfühlsamer Begleiter.

Zurück zu Mozart ging es nach der Pause mit der „Jupiter “-Sinfonie KV 551. In großer  Orchesterbesetzung sorgte Ettinger für eine klangprächtige und munter bewegte, ja gelegentlich sportive Wiedergabe. In der vielgestaltigen und variantenreichen Dynamik mit einigen aparten Temporückungen – etwa im Kopfsatz oder im ersten Teil des Trios im Menuett – zeigte der Dirigent eine durchdachte und detailgenaue Lesart der Partitur. Glanz und Feuer der C-Dur-Sinfonie kamen in seiner Deutung ebenso zur Geltung wie die superbe Klanglichkeit im Andante cantabile und der kunstvolle Kontrapunkt im Finale.


 

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2. AKADEMIEKONZERT, 17.11. & 18.11.2014
Dirigent: Nikolai Alexeev
Saxofon: Koryun Asatryan

2. AKADEMIEKONZERT
2. AKADEMIEKONZERT

Mannheimer Morgen, 19.11.2014, Eckhard Britsch
Wer hat schon von Jean-Marie Londeix gehört, einem 1932 geborenen, französischen Großmeister des Saxofons? Die Besucher des Akademiekonzerts dürfen stolz sein, ihn musikalisch kennengelernt zu haben, denn als der Solist des Abends, Koryun Asatryan, seine Zugabe abgefeuert hatte, war nur noch Staunen im Saal: Weil das Virtuosenstück "Dschungel" von Londeix (in manchen Schreibweisen auch "Londaix") den üblichen Maßstab des Spielbaren sprengt. Extreme Techniken werden dem Instrumentalisten abverlangt, und ein rasendes Laufwerk befeuert diese Charakter-Etüde. Bei Koryun Asatryan, dem 29-jährigen, vielfach mit Preisen bedachten Armenier, aber wirkt das wie eine locker herausgesprudelte Finger-und Lippenübung, die er lustvoll absolviert.

Zuvor hatte der Saxofon-Hexer ein Spätwerk von Alexander Glasunow, das Konzert für Altsaxophon und Streicher in Es-Dur, gemeinsam mit dem Nationaltheater-Orchester unter Leitung des Gastdirigenten Nikolai Alexeev flüssig und süffig, mit gefühlvoller Kantilene, perfektem Legato-Spiel und quirliger Kadenz vorgestellt. Ein feines Genrestück, das der vom Alkoholismus gezeichnete Glasunow kurz vor seinem Tod in Paris für Sigurd Raschèr geschrieben hatte und das selten den Weg in den Konzertsaal findet. Möglicherweise, weil es nur wenige Saxofonisten von der Qualität dieses Solisten gibt. Ein wirklich im besten Sinne unterhaltendes Stück von einer Viertelstunde Spieldauer, das dem Instrument Tauglichkeit für "Klassik" zuweist, was auch immer unter diesem Begriff zu verstehen ist.

Nikolai Alexeev ist Leiter der St. Petersburger Philharmoniker, also eine erste Adresse. Klar, dass man an einem russischen Abend von einem russischen Dirigenten das Besondere erwartet. Und das "Poème de l'Extase" von Alexander Skrjabin bietet ja genügend Gelegenheit, ein Orchester aufblühen zu lassen, es zu fordern und ihm die immanente Klangkultur zu entlocken.

Bei Alexeev fällt hier ein ruhiges Grundtempo auf, er badet im Stück und lässt baden. Dafür aber wölbt er wollüstig eine Sehnsuchtsmusik auf, die den Begriff Liebesverzückung über die unendliche Suche nach einem Tonika-Akkord verklärt.

Skrjabin, theosophischem Gedankengut bis hin zu esoterisch-spiritistischen Kreisen verhaftet, will die Hoffnung auf Erlösung im finalen Liebesakt münden lassen, so scheint es musikalisch. Das Nationaltheaterorchester untermauerte die chromatische Ekstase mit hoher Konzentration und Gespür für die Valeurs bis hin zu grellen Belichtungen. Jahrhundertwendemusik auf einer Spur, die der Ratio konsequent die Idee von totaler Überhöhung des Gefühls entgegensetzt. Für heutige Ohren gelegentlich etwas qualmig, oder lag's tatsächlich an der Tempovorgabe durch den Dirigenten?

Sie steht im Schatten der nächsten drei Sinfonien, die "Dritte" von Peter Tschaikowski. Nicht weil sie nichts zu sagen hätte, vielleicht aber deshalb, weil die vierte, fünfte und sechste der Sinfonien noch attraktiver für die Ohren daherkommen.

Möglicherweise sind sie kompositorisch tatsächlich auch ausgereifter. Doch die in D-Dur (op. 29) hat ihre Qualitäten. Bei Alexeev hat der Hörer das Gefühl, dass ihm die Faktur des Ganzen immer wichtig ist, dass er diese Sinfonie weniger als Apotheose des Tanzes, wie im Programmheft definiert, präsentieren will, sondern eben doch als permanenten Ausdruck des Gefühls, nennen wir es einfach plakativ: der "russischen Seele".

Da wirkt der Gesamtklang wichtiger als ein differenziertes Dialogisieren der Instrumentengruppen, auch könnte man sich für den Satz "Alla tedesca. Allegro moderato" ein Quantum mehr an transparenter Eleganz vorstellen. Doch andererseits wird "deutsch" nicht unbedingt mit solchen Attributen assoziiert. Auch der Stolz des Finales wirkt mehr geradlinig als raffiniert. Aber der Gesamteindruck einschließlich der Orchesterqualität ist stark.

„Ein sehr schönes Konzert“ hören wir auf dem Heimweg ältere Herrschaften durch den leichten Nieselregen murmeln. Dem ist nichts hinzuzufügen.
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 19.11.2014


DIE RHEINPFALZ, 19.11.2014, Rebekka Sanbale
Kein Jazz, kein Pop und trotzdem ein Saxofon. Beim zweiten Akademiekonzert im Mannheimer Rosengarten zeigte Solist Koryun Asatryan, wie gut das metallene Holzblasinstrument auch im klassischen Kontext wirkt. Außerdem überzeugte das Orchester des Nationaltheaters Mannheim unter Nikolai Alexeev mit einer klaren Tschaikowsky-Interpretation.

Ja, es ist tatsächlich ein Saxofon, das hier als sinfonischer Solist gleichermaßen im Bühnenlicht und auch musikalisch glänzt. Es ist kein Klavier und auch keine Violine. Alexander Glasunows Konzert für Altsaxofon und Streicher Es-Dur op. 109 hat Seltenheitswert. Überhaupt versteckt sich das goldene Holzblasinstrument bei seinen wenigen Einsätzen in der sogenannten klassischen Musik meist im großen Orchester-Tutti. Mal tritt es in einer Puccini-Oper hervor, dann bringt es Jazz-Farben in die Werke von Maurice Ravel. Wie wunderbar das Instrument ganz alleine als Protagonist auf ausladendem Streichergrund taugt, stellte Koryun Asatryan im Mannheimer Rosengarten unter Beweis. Der armenische Saxofonist passte sein Spiel der Dynamik und Klangfarbe der begleitenden Streicher an. Er ließ es melodisch singen oder exotische Kapriolen schlagen. Wer denkt, der Komponist Glasunow experimentiert in seinem 1934 komponierten Stück mit wilder Harmonik, mit einem Durcheinander an Formlosigkeit, der wird überrascht. Ganz traditionell spielt das Solo-Instrument eine Kadenz. An anderer Stelle gibt es als Fuge eine hüpfende Melodie vor, eine Streichergruppe nach der anderen folgt ganz symmetrisch. Was Asatryan da auf der Bühne präsentiert, klingt einfach schön. Oft muss er nach kurzen Spielpausen mit Spitzentönen einsteigen, bewältigt das aber intonatorisch bestens. Ansonsten ist sein Spiel geprägt von weichen Linien, die er auf der Bühne mit seinem ganzen Körper begleitet. Die Streicher des Nationaltheater-Orchesters zeigen einen einheitlichen Klang, nehmen sich bei den Solostellen ansprechend zurück.

Das gesamte Orchester kann sich dann bei Peter Tschaikowskys dritter Sinfonie ausleben. Wie bereits beim Eröffnungsstück des Abends („Le Poème de l’Extase“ von Alexander Skrjabin) spielen die Musiker nicht alle Einsätze exakt, verwackelt der eine oder andere Schlag unter dem Dirigat von Nikolai Alexeev. Dennoch führt er das Ensemble zu einem sehr durchsichtigen, pointierten Klang. Da verschwimmt nichts, was die Sinfonie weniger romantisch dafür angenehm klar wirken lässt.
Höhepunkt ist der dritte Satz, das Andante elegiaco, das der Bezeichnung nach also elegisch gespielt werden soll. Fagott und Horn lassen sich bei ihren Solo-Melodien dann auch ausreichend Zeit für jeden Ton. Der anschließende Streichereinsatz ist ein Genuss. Nikolai Alexeev gibt mit seinem Dirigat zu anschwellender Dynamik auch gleich den passenden Schwung bei.
© Die Rheinpfalz - Ludwigshafener Rundschau - Nr. 268, Mittwoch, 19.11.2014


Rhein Neckar Zeitung, 21.11.2014, Rainer Köhl
Eine Vertonung seines gleichnamigen großen Gedichts hat Skrjabinmit „Le poème de l’extase“ vorgenommen, einer Vermengung aus Nietzsches und Schopenhauers Philosophien mit eigenen mystisch-symbolistischen Gedanken. Mag das Gedicht noch so verquast sein, die Tondichtung selber ist eindrucksvoll. Beim zweiten Mannheimer Akademiekonzert im Rosengarten ließ Gastdirigent Nikolai Alexeev die Lyrik weiträumig und ruhevoll ausschwingen, gestaltete schmiegsame Übergänge zwischen dem Fiebrigen, Brennenden und Ruhevollen. Klanglich rund und sehr organisch tönte das, schillerten impressionistische Flächen mit erlesenem Flimmern und Flirren, das Finale klangsatt wogend in rauschhafter Emphase.

Intimer wurde es danach mit Alexander Glasunows Konzert für Altsaxophon und Streicher Es-dur. Farbenreich blühende Töne, elastisch phrasierte Melodiebögen: In geschmeidiger Virtuosität ließ Koryun Asatryan seine Läufe fließen. Inspiriert und intensiv musizierend, kostete der armenische Solist den Wohlklang seines Parts genüsslich aus, führte seine Linien in einen wirbelnden Sog.
Mit „Jungle“ des 1932 geborenen Jean Marie Londeix spielte Asatryan eine hochvirtuose Zugabe, die alle zeitgenössischen Techniken wie in einem Kompendium vereint: ein wirbelndes Perpetuum mobile mit flirrenden Tönen, dynamisch reich anschwellend vom Sublimen in glühende Passagen, perkussiven Effekten und jagenden Mehrfachklängen, viel davon mit Zirkularatmung fesselnd musiziert.

In dem rein russischen Programm durfte auch eine Tschaikowsky-Sinfonie nicht fehlen. Die selten gespielte Dritte in D-dur gab es: ganz bezaubernde Musik, die man gerne öfters hören möchte. Dabei ist hier der ganze Tschaikowsky schon da, auch wenn er ganz ohne tragische Töne auskommt. Die typischen melodischen Wendungen, inspirierte ariose Inspiration, die seiner Oper „Eugen Onegin“ nahestehen, das hatte hier ebenso Eingang wie das hedonistisch Marschierende und Paradierende. Triumphale Gesten, die auch in dieser Wiedergabe so prachtvoll wirkten wie Zarengold. Die Tanzlust erhielt Nahrung im „Alle tedesca“, einem charmant und voller Liebreiz einherwalzernden Stück, gar nicht humorlos und doch freilich eher russisch als deutsch eingefärbt.

Sehr viel Seele trug Nikolai Alexeev, Chefdirigent der St. Petersburger Philharmoniker, in das Andante elegiaco“, einem typischen Tschaikowski mit glühendem Sehnen und Begehren, in warmen Streicherklang gehüllt. Alexeev versteht das klangliche Geheimnis seines Landsmannes vortrefflich umzusetzen. Hinreißender Charme kam ins Scherzo, und das Finale hatte gleichfalls nichts Martialisches, war eher heiter gestimmt mit seinen Fugatos. Finale Prachtentfaltung und Triumphgesten schlussendlich eingeschlossen. © Rhein Neckar Zeitung, Freitag, 21.11.2014


 

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1. AKADEMIEKONZERT, 06.10. & 07.10.2014
Dirigent: Radoslaw Szulc
Violine: Radoslaw Szulc

I. AKADEMIEKONZERT
I. AKADEMIEKONZERT

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 08.10.2014, Alfred Huber
Alles bestens. Schließlich ergänzen sich Wetter und Stimmung im Mannheimer Rosengarten beim ersten Akademiekonzert der Saison geradezu ideal. Zum einen ist alles vorhanden, was der empirisch geschulte Mensch meteorologisch von den unterschiedlichen Jahreszeiten erwarten darf, zum anderen erobert sich der Dirigent Radoslaw Szulc mit seinen ins Mikrofon gehauchten Erläuterungen, denen er tönende Kostproben folgen lässt, rasch die Sympathien des Publikums.
Auf diese Weise lernt man in Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten" zwischen bellenden und schläfrigen Hunden zu unterscheiden, darf beglückt den vielstimmig jubilierenden Vogelstimmen lauschen oder kann sich im Mozartsaal vor der winterlich klirrenden Kälte angemessen geborgen fühlen. Selbst der sonst oft martialisch inszenierte Streicher-Sturm wird hier zum gezähmten furiosen Spaß.
Doch Radoslaw Szulc erweist sich nicht nur als angenehmer Moderator, sondern bringt auch seine Dirigier-Qualitäten vorteilhaft zur Geltung, indem er das prächtig musizierende Orchester grundsolide und zügig durch die witterungsbedingten Kontraste führt und dabei zugleich sein außergewöhnliches Können als Geiger demonstriert.
Ein wenig verliebt ist er in die langsamen Teile, die er häufig so ausgiebig zelebriert, dass er den konzertanten Charakter der Concerto-grosso-Form leicht vernachlässigt. Dass Szulc über bemerkenswerte spieltechnische Möglichkeiten verfügt und die "Teufelsfidel" virtuos beherrscht, verrät seine Zugabe, ein Stück des bulgarischen Komponisten Radoslav Lazarov.
Nach Vivaldis köstlichen Tonmalereien, die den äußeren Erscheinungen der Natur gewidmet sind, ist es natürlich spannend, an der Seite Antonin Dvoráks einen Blick auf die innere Natur des Menschen zu werfen. Jedenfalls hat er an dramatischen Ausbrüchen in seiner siebten Sinfonie nicht gespart. Forciert man diese Eruptionen allerdings derart komplex wie Szulc im ersten Satz, könnte man fast vermuten, dass Bruckner und nicht Brahms den Komponisten-Kollegen gefördert und beeinflusst hat. In solch seltenen Momenten fehlt der Aufführung, zumal in den Ecksätzen, trotz genauer und einfühlsamer Klang-Modellierung das drängend Grundierende einer zielstrebigen Fortbewegung, aus der all die schönen Einzelheiten entstehen und zu der sie als Teile einer durchgehenden Erzählhaltung auch wieder zurückehren.
Das Orchester spielt famos, bewältigt das Scherzo eben nicht nur "musikantisch", sondern lässt es im Rhythmus weit und differenziert ausschwingen, damit die melancholischen Eintrübungen hörbar werden, ohne das Ganze zu dominieren. Auf federnde sehnige Nervosität hat Dvorák hier verzichtet. Eher droht die Gefahr einer melodischen Süße, die facettenreich Folkloristisches ins Spiel bringt. Szulc entgeht ihr, weil er inmitten scharfer Akzente und lebendiger Phrasierungen immer wieder selbstbewusst dem hellen Licht der Holzbläser und dem breiten Ausdrucksspektrum dieser Musik vertraut.

© Die Rheinpfalz, Mittwoch, 08.10.2014, Frank Pommer    
Vorsicht, Naserümpfen ist angesagt! Zumindest bei den unbelehrbaren Hohepriestern und Puristen einer Musik, die alles sein darf, jedoch nur nicht zu schön und vor allem nicht unterhaltsam. Gerade Komponisten wie Vivaldi und Dvorák werden dann schon einmal – obwohl 200 Jahre zwischen ihnen
liegen – unter Kulinarik-General-Mannheim: Radoslaw Szulc dirigiert das erste Akademiekonzert mit Werken von Vivaldi und Dvorák verdacht gestellt. Da tanzen dann die Klischees fröhliche Ringelreihen und erzählen etwas von zu viel Gefälligkeit und Effekt und von zu wenig Struktur und Substanz.
Das ist natürlich völliger Mumpitz. Aber ein kleiner Rest Skepsis scheint auch bei Radoslaw Szulc vorhanden. Jedenfalls meinte der aus einer polnischen Geigerfamilie stammende Dirigent, er müsse die Zuhörer im Mannheimer Rosengarten erst einmal an die Hand nehmen und in die Welt von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ einführen. Vor jedem der vier Konzerte lernten wir dann, wie plastisch und naturalistisch Vivaldi Vögel zwitschern, Hunde bellen, Insekten summen, Gewitter grollen oder Betrunkene torkeln lassen konnte. Szulc präsentierte Vivaldi damit quasi als frühen Meister der Programmmusik, reduzierte aber den Meister aus Venedig in gewisser Hinsicht auf illustrative Klangmalereien.
Die Art und Weise, wie die Streicher des Nationaltheaterorchesters dann zusammen mit dem Solisten Szulc Vivaldi interpretierten, rückte mögliche Missverständnisse jedoch schnell wieder gerade. Dank des bisweilen kantigen, scharf akzentuierten, längere verbundene Phrasen vermeidenden Spiels des Musiker und der mutigen, mitunter auch in ihrer enthusiastischen
Hingabe kleinere Unsauberkeiten in Kauf nehmenden Leistung des Solisten entstand ein hoch spannender Vivaldi-Klang voller Dramatik, der piepsende Distelfinke und surrende Schnaken allenfalls als schmückendes Beiwerk nötig hatte. Und mit Radoslav Lazarovs „Teufelsfiedel“ bot
Szulc dann als Zugabe noch ein virtuoses Kabinettstückchen.
Nach der Pause dann Dvoráks siebte Sinfonie in d-Moll. Quasi die letzte Komposition vor den beiden späten sinfonischen Meisterwerken. Eine Sinfonie, in der es zwar immer noch hin und wieder nach Böhmerwald klingt, nach jenen typisch eingängigen Dvorák-Melodien, die aber auch fast schon biografisch deutbar ist als Ringen um die sinfonische Form, um den Durchbruch als Meister in der Königsgattung der Instrumentalmusik. Szulc und das Nationaltheaterorchester schwelgten einerseits in den wunderbaren Kantilenen, sie tänzelten auch geradezu durch das Scherzo, steuerten zugleich aber auch jeden emphatisch-heroischen Höhepunkt der Partitur mit mitreisendem Spiel an. Der Böhmerwald jedenfalls wirkte dadurch unvermittelt ganz und gar nicht mehr wie der Ort einer folkloristischen Idylle.

© Rhein-Neckar-Zeitung, Donnerstag, 09.10.2014, Simon Scherer
Manchmal mag es sich stimmungsvoll in den Beginn eines Konzertes einfügen, wenn Dirigent oder Solist ein paar Worte dem Werk voranstellen. Diese sollten jedoch vor dem Einsetzen der Musik beendet sein, um die Bühne ganz der tönenden Kunst zu überlassen.
Geiger und Dirigent Radoslaw Szulc hatte für das 1. Akademiekonzert des Mannheimer Nationaltheaterorchesters im Rosengarten ein anderes Konzept: Nach jedem Concerto von Vivaldis „Quattro Stagioni“ wurde das Spiel unterbrochen und die zugrunde liegenden Sonette rezitiert. Leider hatte er sich hier auch in der Altersgruppe verschätzt, da sein schelmisches Auftreten eher in ein Kinderkonzert gepasst hätte.
Vor lauter Schauspielerei gelang es ihm dann auch nicht, die entsprechende Ruhe und Konzentration für seine Soloparts zu finden: Viel zu zügig trieb er alles voran. Er verfügt zwar über einen gleichmäßig-geschliffenen Geigenklang, der aber jede Individualität vermissen lässt und allzu oft mechanisch anmutet.
Welch anderes Bild lieferte Szulc dann nach der Pause, als er sich ganz dem Dirigat von Dvoráks 7. Sinfonie verschrieb. Schon seine furchteinflößende Einleitungsthematik traf direkt in den für alles Düstere empfänglichen Teil der Seele, was durch verzögerte Blecheinsätze noch mehr ins Unheimliche hinabgezogen wurde. Durchaus waghalsig zeigte sich Szulc bei solchen Tempoverschleifungen, schaffte es aber gerade dadurch, einen verschleierten Schwebezustand zu kreieren, der die Musik bildhaft vor Augen treten ließ.
Mit diesem Vermeiden jeglicher Direktheit und Grobheit erreichte die Dvorák-Melancholie eine unglaubliche Wirkungskraft, da sie ganz ihrem Naturell einer wehmütig baumelnden Seele treu blieb. Großes Lob für den Streichapparat, der diese versonnene Gemütslage hervorragend in Töne einzukleiden wusste, während Horn und Soloklarinette unkoordiniert hereinplatzten.

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