Pressestimmen Akademiekonzerte Spielzeit 2015/2016


04. & 05.07.2016, Rosengarten
8. AKADEMIEKONZERT
Dirigent: Dan Ettinger
Klavier: Fazil Say

Abschiedsnehmen in der Rosengartenlounge ©Foto: CL
Abschiedsnehmen in der Rosengartenlounge ©Foto: CL

Gerhard Hoffmann ©2016 Online Merker, O-Ton
„Nach sieben Jahren Amtszeit verlässt nun auch GMD Dan Ettinger nach dem allgemeinen Intendanten-Wechsel und Kehraus das NT und somit auch seine Chefposition bei der Musikalischen Akademie des Nationaltheater-Orchesters MA.“
„Zum letzten Abo-Doppel-Konzert der Saison war der türkische Pianist und Komponist Fazil Say Gast und brachte sein Werk „Water für Piano und Orchester“ zu Gehör. Die drei Sätze dieser interessanten Komposition beinhalten die Bezeichnungen Blue Water, Black Water, Green Water.
Blue Water, die unendliche Weite des Meeres charakterisierend, verstärkt illusorisch-akustische Impressionen von Meereswogen, Ebbe und Flut, also musikalischen Bewegungen im piano und forte. Klangfarben dominieren in schier gläsener Transparenz erhebt Fazil Say seinen Klavierpart, erzeugt in rhythmischen Akkorden musikalische Dichte und Flexibilität gleich einem Regentropfen-Prelude. Einflüsse und Ähnlichkeiten nordamerikanischer Komponenten spiegeln sich orchestral wider, Zimbal- und Holzschlaginstrumente erweitern atmosphärisch die orientalisch gefärbten Klangdimensionen.
Black Water bezeichnet Say den Mittelteil des Konzertstücks, ruhige nächtliche Szenen am See charakterisierend, spukhaft zum Tanz der Elfen geben bizarre Klänge von Daxophon und Waterphon zusammen mit dem Piano eine irreale Szenerie. Klangliche Raffinesse, nonchalantes Farbenspiel zeichnen die Interpretation Fazil Says aus, einem höchst eigenwilligen Pianisten charismatischer Emanation. In schillernden Instrumental-Couleurs begleitet das prächtig aufspielende Orchester unter Dan Ettinger.
Dem unendlichen Strömen eines Flusses in Green Water widmet der Komponist und Solist den Finalsatz seiner Wassermusik. Schwingende Töne vibrierender Instrumente suggerieren das unendliche Fließen des Stroms, orchestral vortrefflich illustriert u.a. Geräusche wie im Tropenwald.
In lautstarker Begeisterung honorierte das Publikum die exzellente Interpretation und wurde mit einem hinreißend elegisch musizierten Satz aus der „Sonate KV 333“ (Mozart) bedankt. Die Bravos wollten kein Ende nehmen und Fazil Say beschenkte die jubelnden Zuhörer mit der brillant gespielten Variation „Summertime“ (Say/Gershwin).“
„Nach der Pause verabschiedete sich Dan Ettinger von seiner Konzert-Fan-Gemeinde mit der Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ (Richard Strauss). Gewaltig mit Orgelklang eröffnet die Introduktion mit der Trompetenfanfare die Ansprache an die aufgehende Sonne zu Nietzsches esoterischem Epos. Raunend formieren sich die tiefen Celli und Instrumente zum Motiv Von den Hinterweltlern, welche hinter dem Diesseits ein besseres Jenseits suchen.
Prächtig steigert Ettinger die orchestrale Mollsphäre der gezupften Streicherbässe zum emporstrebenden Thema der Sehnsucht, führt die Hörner mit der Orgel zum Credo des sich steigernden Glaubensgesangs. In Ettingers altbekannter Detail-Verliebheit zu Laut- und Leisekonstellationen klang die Partitur zuweilen auch merkwürdig seziert – sorry ich kenne es anders.
Von der großen Sehnsucht konfrontiert, dem Natur-Signal in einer sich heftigen Steigerung der Bässe leiten schließlich in sehr ausdrucksvollem Gesang die Oboen und Violinen zum Gesang von den Freuden und Leidenschaften. In gedämpfter Atmosphäre erhebt sich das Grablied, an Liszts-Faust-Thema erinnernd, ausufernd in blühender Violinenseligkeit erklingen die Themen Von der Wissenschaft. Das reine C-Dur-Motiv bietet in Der Genesende der Natur Einhalt. Samtig rund strömt der Sound aus dem NT Orchester, Ettinger mischt die vielfältigen Klangfarben umsichtig, leise sehr leise Kontraste irritieren doch dann lässt es der scheidende GMD  zuweilen gehörig krachen. Herrlich korrespondieren die Streichbässe mit den Posaunenakkorden zur tonalen schwerelosen Ebene im Tanzlied, zur ätherischen Höhe im Nachtwandlerlied und schließlich dem langsamen ambivalenten Ausklang in symbolischer Synthese.
Jubel erlebte man vor der Pause, jetzt klang der Applaus mehr oder weniger nach resignierender Abschiedsdemo.“


© Stefan M. Dettlinger, Mannheimer Morgen, 06.07.2016, O-Ton
„Besser kann das Abschlusskonzert eines Dirigenten nicht ausfallen. Mannheims scheidender Generalmusikdirektor Dan Ettinger hat für die zweite Hälfte des Akademiekonzerts im Mannheimer Rosengarten Richard Strauss' berühmte Tondichtung "Also sprach Zarathustra" nach Friedrich Nietzsche gewählt. Es ist sein Stück. Er schafft es, das riesige Orchester (über 110 Musiker) in diesem lichtdurchfluteten Kampf zweier Ur-Kräfte, Natur und Mensch, auf den Punkt musizieren zu lassen. Weitgehende klangliche Perfektion gibt ergreifenden Musikmomenten die Hand. Sehr gut. Zuvor spielte Fazil Say zuerst sein dreisätziges Klavierkonzert "Water" mit Wasserrauschen, vielen anderen Klangeffekten und multikultureller Farbigkeit, dann noch eine ulkige Version des Adagios aus Mozarts KV 332 und Gershwins "Summertime". Say weiß, was die Leute lieben. Er spielt mit viel Effekt und Gestik. Locker. Hochvirtuos. Ein überaus gelungener Abschied.“
Zeit für eine Bilanz
„Bei seinem letzten Akademiekonzert als Mannheimer Generalmusikdirektor (GMD) stehen die Menschen am Ende noch einmal auf. Es ist ein feierlicher Moment. Gerade hat Dan Ettinger mit "Also sprach Zarathustra" noch einmal die letzten Kämpfe ausgetragen, hat die Tonart des Geistes, also H-Dur, in den Flöten und hohen Streichern leuchten und vibrieren lassen - bevor er doch der Natur den Vorrang ließ: Sie schlug zu. Mit einem so nüchternen wie unschuldigen C, dem tiefen Zupfen in Bässen und Celli. Es dauert einen Moment, bis die heilige Spannung am Ende fällt. Doch dann ist es vorbei, das Abschiedskonzert von Dan Ettinger. Es war packend, perfekt und plausibel. Eine überzeugende Gesamtleistung zum Finale mit Pianist Fazil Say. Die Menschen applaudieren lang anhaltend.“
„Ist es eine Ära, die hier zu Ende geht, also eine Zeit, die das Musikleben Mannheims nachhaltig geprägt oder gar verändert hat? Jein!
Zum einen war zwar kein GMD seit Hans Wallat (1970-1980) so lang im Opernhaus am Goetheplatz im Amt. Und nach dem im Streit gen Frankreich fliehenden Frédéric Chaslin und den beiden - sehr guten - Interimslösungen Axel Kober und Friedemann Layer kam mit Ettinger immerhin eine große Konstante ans Haus, die sich anfangs noch sehr bekannt hat zu Mannheim: "Ich werde alle Zeit, die ich in Deutschland bin, in Mannheim sein. Wenn ich einen Moment daran gezweifelt hätte, hätte ich diese Position niemals angenommen." Es gehe ihm auch nicht um einen erfolgreichen Abend, sagte er damals, vielmehr müsse er sich um das Ensemble kümmern - auch wenn er nicht selbst dirigiere.
Anfangs war das auch so. Doch dann kam die Salamitaktik der Vertragsverlängerung. Ettinger verlängerte um ein Jahr von 2012 auf 2013. Dann um ein Jahr bis 2014. Dann um ein Jahr bis 2015. Dann um ein Jahr bis 2016. Jeder noch so naive Theatergänger ahnte: Der Mann will weg, kriegt aber nicht den ersehnten Posten. 2013 änderte sich das. Es wurde bekannt, dass er, zusätzlich zu seinen Posten in Tel Aviv, Tokio und Mannheim, Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker werden sollte.
All das wirkte nicht sonderlich bescheiden - und im NTM schien mehr und mehr ein anderer am Pult zu stehen: Alois Seidlmeier, der so viel und dafür erstaunlich gut dirigierte, dass er als heimlicher GMD gelten durfte. Es war ein Abschied auf Raten, den Ettinger viele übelnehmen.
Dabei hat er große Qualitäten, ja, hat in Mannheim sogar eine sensationelle Entwicklung hingelegt (eine Dame sagt am Ende des Akademiekonzerts sogar: "Jetzt, wo er's kann, geht er!"). Nach dem exakten, aber etwas pastoralen Akribiker Layer sorgte Ettinger für emotionale Entladung im Orchester, ja: Es ist sein großes Verdienst, Entfesselung und Spielfreude entfacht zu haben. Stilistisch hat er das Nationaltheaterorchester bei Mozart auf ein anderes Gleis gesetzt. Nach Adam Fischers ruppiger, groovender und historisch informierter Herangehensweise führte Ettinger wieder so etwas wie ein luxuriöses Mozartverständnis ein, in dem das Kantable und üppig Schwärmerische im Zentrum standen, was Mozart bisweilen wundersam singen, bisweilen aber auch träge erscheinen ließ.
Ettinger selbst spricht ja von horizontalem Dirigieren, sprich: fühlen, aufspüren, was zwischen den Noten steht, all die Stimmungen und Aussagen, die im Fluss der Zeit erst entstehen können. Wenn er also etwas geprägt hat in seiner NTM-Zeit, dann dieses Fluten, Glühen, Brennen, das emphatische Drängen des Klangs, das wir wahrnehmen, wenn wir heute den "Ring" mit Ettinger hören.“
„Anfangs ging das immer wieder mal auf Kosten der Präzision. Ettingers Schlagtechnik war nicht ganz ausgereift. Auf sensationelle Abende folgten immer auch durchschnittliche, genialen Höhepunkten wie "Turandot" steht auch eine katastrophale "Rheingold"-Premiere gegenüber. Die Amplituden waren groß. Doch der Mann, der längst regelmäßig an den Opernhäusern von New York, London oder München gastiert, lernt schnell, vom nur noch charismatischen Abenddirigenten hat er sich etwas entfernt. Solidität ist dazugekommen. Heute hat Ettinger die Balance gefunden zwischen horizontalem Heraufbeschwören und strikter vertikaler Ordnung, heute schlägt er mal einfach nur den Takt, wenn es sein muss. Strauss' "Zarathustra" im letzten Akademiekonzert war im Prinzip perfekt - ein Höhepunkt seiner Mannheimer Zeit.
Und der Mensch? Wir erinnern uns gern an Ettinger, den erfrischenden Menschen und Entertainer, der uns nicht nur im persönlichen Gespräch, sondern auch vor versammelter Pressemannschaft mit seinem berühmten "Denglisch" zum Lachen brachte und überaus sympathisch rüberkam. Mit seiner charakteristischen Neo-Punk-Frisur wirkte er erquickend anders und konnte allein mit seiner Präsenz einen Saal in Atem halten. Bisweilen aber verstärkten sich auch so etwas wie divenhafte Züge. Ettinger zeigte sich sehr empfindlich Kritik gegenüber. Der mittlerweile doch sehr erfolgreiche Dirigent gab sich dünnhäutig und nachtragend. Dass diese Zeitung nach dem Beginn des "Rings" einen - überwiegend negativen - Pressespiegel veröffentlichte und immer wieder mehr Präsenz in der Stadt forderte, hat er bis heute nicht verziehen. Dazu passt, dass Ettinger für ein abschließendes Interview "keine Zeit" hat.
Trotzdem: Ettinger ist ein netter Typ, ein überaus begabter Dirigent, der Mannheim dann doch viel gegeben hat. Eine kleine Ära hat er also schon begründet, wenn er geht.“


Simon Scherer © Rhein-Neckar-Zeitung, 07.07.2016, O-Ton
„Ein Finale war dieser Abend gleich in doppelter Hinsicht. Im letzten Akademiekonzert dieser Saison stand nämlich auch Dan Ettinger ein letztes Mal als GMD vor dem Mannheimer Nationaltheaterorchester. Einen Abschied auf Raten wollte er jedoch nicht; schließlich dirigiert er am 28. Juli noch Wagners "Götterdämmerung". So wurde im Rosengarten auch auf Abschiedszeremonien verzichtet und die Bühne stattdessen ganz der Musik überlassen.
Als Solisten hatte man einen alten Stammgast dieser Konzertreihe gewonnen, den türkischen Star-Pianisten Fazil Say. Während er sich sonst seine Eigenkompositionen meist für die Zugaben aufspart, bestritt er nun mit seinem "Water für Piano and Orchestra" die komplette erste Hälfte, was unüberhörbar an Filmmusik erinnerte.
Kaum hatte er am Flügel Platz genommen, plätscherte auch schon das Wasser los, ganz ungezwungen und nebensächlich, wie ein Schnappschuss eines Naturschauspiels. Unmerklich gesellte sich das Orchester hinzu und ließ in hervorragender klanglicher Adaption den Bach rasch zum Fluss anschwellen. Hinten aus der Schlagwerk-Ecke sorgten quietschende Enten-Rufe für die authentische Atmosphäre solch einer landschaftlichen Momentaufnahme. Say bewies hier unglaubliche Beweglichkeit in den Fingergelenken, wo seine Tonketten wunderbar ineinander verschmolzen. Beinahe hingehaucht war sein Anschlag im flüchtigen Pianissimo.
Nach "Blue Water" wurde es in "Black Water" zunehmend märchenhafter, wozu auch die vielen experimentierfreudigen Klangerzeugnisse unter den Orchestermusikern beitrugen. Dan Ettinger leitete dieses ganze Szenario äußerst souverän mit absolutem Überblick über das vielfältige Geschehen. Seine große pianistische Klasse hat Fey aber vor allem in den Zugaben bewiesen: ein himmlisch-verliebtes Adagio aus Haydns C-Dur-Sonate Nr. 35 mit größter Liebe zum Detail, danach "Summertime" in fabelhafter stilistischer Bandbreite.
Mit Strauss und "Also sprach Zarathustra" war dann die Stunde Dan Ettingers gekommen, wo er gleich in der Einleitung so manche Hörgewohnheiten deutlich überraschte. So reizte er im anfänglichen dumpfen Brodeln nicht nur das Tempo gehörig aus, sondern nahm auch das folgende Ohrwurm-Motiv total auseinander: Anstatt breitflächigen Dröhnens erschienen hier äußerst schlanke Klangsäulen, jede streng von der nächsten abgetrennt.
Dieser statische Charakter wurde dann auch weiterhin beibehalten. Bei aller Üppigkeit und Wucht behielt Ettinger immer die höchste Kontrolle, jede dynamische Stufe war wohl kalkuliert und wäre niemals auch nur einen Zentimeter über die Ufer hinaus getreten. Die Orchestermusiker gehorchten ihrem scheidenden Chef aufs Wort, klebten gleichsam an seinem Taktstock, der den romantischen Melodien mit großer Emphase auf streng vorgegeben Bahnen den Weg wies.
Alles passierte hier mit viel Nachdruck, wenn Ettinger den kompletten Orchesterklang erst einmal fest in seinen Händen bewahrte, bevor er ihn pfeilschnell und zielgenau hervorschießen ließ. Bei solch strenger Observation der dynamischen Verhältnisse bot sich auch ein differenziertes Bild in der Klangschichtung, wo gewaltige Fortissimi bewusst erst später aufgefahren wurden.
Um Dan Ettinger weiterhin zu hören, muss man übrigens gar nicht so weit fahren, da er bereits seit dieser Spielzeit als Chefdirigent der Stuttgarter Philharmoniker wirkt.“


 

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Abschiedsnehmen in der Rosengartenlounge ©Foto: CL
Abschiedsnehmen in der Rosengartenlounge ©Foto: CL
Abschiedsnehmen in der Rosengartenlounge ©Foto: CL
Abschiedsnehmen in der Rosengartenlounge ©Foto: CL

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09.&10.05.2016, 20.00 Uhr, Rosengarten
7. AKADEMIEKONZERT
„Ganz klassisch!“
Dirigent: Jean-Christophe Spinosi
Solist: Ramón Quero (Oboe)

Dirigent: Jean-Christophe Spinosi
Dirigent: Jean-Christophe Spinosi
Solist: Ramón Quero Ortega
Solist: Ramón Quero Ortega

„... Aber die Nationaltheatermusiker klingen unter korsischer Führung, dirigiert also vom jungen und agilen Jean-Christophe Spinosi, vollkommen anders und fast, als sei Ex-GMD Adam Fischer zufällig gerade in der Nähe gewesen und hätte sich mal ans Pult gestellt.
Ob Haydn, Mozart oder Beethoven - alle (übrigens im Zeitraum von 1777 bis 1799 in Wien entstandenen und in C-Dur gehaltenen) Werke dieses rasanten Abends klingen schon einmal äußerst straff, kompakt, fein artikuliert und tänzerisch. Die Streicher spielen fast durchweg ohne oder nur dort mit wenig Vibrato, wo es sich als Ausdrucksmittel aufzwingt. Und zusammen mit den historisch besetzten (und ventillosen) Naturhörnern, Naturtrompeten und historischen Pauken braut sich ein echter und sehr beweglicher Wiener Sound zusammen, der das Zeug zum Süchtigmachen hat.
Und dann liegt da auch noch eine Note Leichtigkeit und Humor in der Luft, ja, der Mozartsaal des Rosengartens entwickelt überraschend fast so etwas wie ausgelassene Stimmung. Als etwa das Publikum am Finalende der "Bären"-Sinfonie Joseph Haydns mit seinen vielen Haltestellen am vermeintlichen Ende zu früh klatscht, weil Spinosi vielleicht eine Spur zu lange wartet und die Spannung vor der Wiederholung fällt, dreht der Dirigent sich schelmisch um und wiederholt das beim wirklichen Ende. Das kommt nicht nur sehr sympathisch rüber. Es ist schlichtweg auch lustig und tut gut im ernsten Gewerbe ernster Musik.
Neben dem knackig-witzigen Haydn fällt die Orchesterleistung beim Oboenkonzert Mozarts (KV 314) etwas ab. Das liegt ... daran, dass man Rücksicht nimmt auf den Oboisten Ramón Ortega Quero, der nicht nur eine formidable Technik, sondern auch wundersame Klangfarben von schmetternder Trompete bis samtener Klarinette aus seiner Oboe herauskitzelt. Trotzdem fallen Höhepunkte auf. Dazu gehören etwa die schnurrend-schmetternden Jagdhörner-Rufe im Rondo. Mozart bleibt Mozart, klar, und deswegen dürfte er auch vom Orchester etwas frecher daherkommen. Quero hingegen muss noch eine Zugabe spielen: die Bourrée anglaise BWV 1013, ein klangschönes und poetisches Stück Barock, das er mit so feinem wie virtuosem Einsatz agogischer Mittel zum Sprechen bringt.
Wenn Musik Revolution ausrufen soll, sind wir bei Beethoven meist richtig. Gleich seine 1. Sinfonie beginnt mit einem Dominantseptakkord, streckt uns und damit der Konvention die Zunge heraus. Auch hier spielt das NTO bestens. Vor allem vertikal klingt hier alles perfekt zusammen, was sicherlich auch daran liegt, das Spinosi sich aufs Vertikale fokussiert. Bisweilen ist dieser Beethoven stilistisch aber so fein, leicht und luftig, dass wir fast gewillt sind, unser Bild von Beethoven korrigieren zu wollen und dem grimmigen Mann, der uns ein Leben lang angesehen hat, ein Lächeln ins Gesicht zu malen. Trotzdem: Das klingt exzellent. Diese Musik tut dem NTO gut - und der Saal steht Kopf dabei.“
Mannheimer Morgen, 11.05.2016, Stefan M. Dettlinger

„Zwei anregende Begegnungen ermöglichte das jüngste Mannheimer Akademiekonzert mit dem französischen Dirigenten Jean-Christophe Spinosi und dem jungen spanischen Oboisten Ramón Ortega Quero. Ortega Quero, 2007 Sieger im Münchner ARD Wettbewerb, ist außerdem Solo-Oboist des Bayerischen Rundfunk-Sinfonieorchesters. Beide Gäste setzten unüberhörbare musikalische Akzente.
Eine „ganz klassische“ Werkfolge hatte das Programmheft angekündigt. Kein Einspruch: Mit jeweils einer Sinfonie von Haydn und Beethoven und einem Mozart-Konzert dazwischen war die große Trias der Wiener Klassik vollständig vertreten. Zudem stand das gesamte Programm in C-Dur. Auf jeden Fall ausgeprägtes Profil zeigten die Aufführungen.
Spinosi, ein dynamischer Orchesterleiter mit gestalterischer Fantasie und eloquenter Zeichengebung, sorgte sowohl bei Haydn als auch bei Beethoven mit Nachdruck für Konturenschärfe und straffe Abläufe, bei vorwärts drängender Energie. Das ihm willig folgende (und den Dirigenten zum Schluss des Konzerts enthusiastisch feiernde) Nationaltheaterorchester spielte geschlossen, energisch, mit entschlossenem Zugriff. Dass das Zusammenspiel reibungslos klappte, bedeutete freilich nichts Außergewöhnliches bei diesem Programm. Der überaus lebendige Duktus, die prägnanten Akzentuierungen, Detailfeinheiten der Phrasierung und die zwingende Ausformung der musikalischen Charaktere in Haydns Sinfonie Nr. 82 („Der Bär“) bewegten sich indes eindeutig jenseits der gängigen Konzertroutine. Auch präsentierte Spinosi im Finale mit Esprit Haydns musikalischen Schalk und Überraschungen.
Mit hinreißend vitalem Elan, kontrastfreudig, farbenfroh und zugleich differenziert kam dann nach der Pause Beethovens erste Sinfonie daher. Besonders bestachen dabei die vollkommen nahtlosen, höchst reaktionsschnellen dynamischen Wechsel und die exquisite Piano-Lyrik des zweiten Satzes. Ein Kapitel für sich bildete schließlich Ramón Ortega Queros großartige Aufführung von Mozarts Oboenkonzert (KV 314). Der Solist profilierte sich als äußerst überlegener, unfehlbarer Virtuose seines Instruments und hoch sensibler Mozart-Stilist von ganz außergewöhnlicher Musikalität. Der langsame Satz kam in seiner Wiedergabe einer Offenbarung gleich.
Um schließlich doch noch etwas Kritik anzubringen: Bei Beethoven verschwammen regelmäßig die kleinen Notenwerte, und die Horn-Passagen klangen vor allem bei Haydn, aber auch Mozart eher schwerfällig.“
© Rheinpfalz, 11.05.2016, Gabor Halasz


 

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Die MUSIKALISCHE AKADEMIE stellt das Programm 2016/17 vor.

Die 16 Akademiekonzerte im Rosengarten und das Stamitz-Sonderkonzert im Opernhaus

1. Akademiekonzert: 10. und 11. Oktober Beethoven (3. Leonoren-Ouvertüre), Adès ("Asyla"), Strauss ("Ein Heldenleben"). Alexander Soddys Mannheimer Debüt als Generalmusikdirektor.

2. Akademiekonzert: 21. und 22. November Debussy (Prélude à l'après-midi d'un faune), Chopin (Klavierkonzert f-Moll), Strawinsky ("Le chant du rossignol"), Prokofjew ("Romeo und Julia" Suite 2). David Kadouch (Klavier), Maxime Pascal (Dirigent).

3. Akademiekonzert: 19. und 20. Dezember Rossini ("Wilhelm Tell"-Ouvertüre), Mozart (Konzert für Flöte und Harfe), Beethoven (Sinfonie 7). Matthias Wollenweber (Flöte), Eva Wombacher (Harfe), Alexander Soddy.

4. Akademiekonzert: 9. und 10. Januar 2017 Wagner (Vorspiel "Tristan", Wesendonck-Lieder), Bruckner (Sinfonie 3). Marina Prudenskaja (Mezzo), Marek Janowski.

5. Akademiekonzert: 6. und 7. März 2017 Mahler (Sinfonie 9). Bertrand de Billy.

6. Akademiekonzert: 3. und 4. April 2017 Berg (Violinkonzert), Bruckner (Sinfonie 4). Antje Weithaas (Vio), Alexander Soddy.

7. Akademiekonzert: 19. und 20. Juni 2017 Brahms (Tragische Ouvertüre), Brahms/Glanert (Choralvorspiele orchestriert von Glanert), UA in Kooperation mit Philadelphia Orchestra, Schumann (Die Rheinische). Alexander Soddy

8. Akademiekonzert: 10. und 11. Juli 2017 Haydn (aus: die Schöpfung "Die Vorstellung des Chaos"), Beethoven (Klavierkonzert Nr. 3), Dvorák (Sinfonie 8). Alexander Melnikov (Klavier), Sebastian Tewinkel.

Sonderkonzert am 29. Mai 2017 300 Jahre Johann Stamitz (Sinfonie op. 3,2; Klarinettenkonzert), P. E. Bach (Sinfonie Es-Dur), J. C. Bach ("Lucio Silla"-Ouv.), Mozart (Violinkonzert KV 216). Alina Pogostkina (Vio.), Martin Spangenberg (Klar.), Stephan Mai.

Info/Karten: 0621/260 44 (für Abo sofort; Einzelkarten ab 1.7.).

Ein Bericht hierzu von Stefan M. Dettlinger, Mannheimer Morgen 03.05.2016

„Achtung, liebe Fans der Mannheimer Akademiekonzerte: Nicht erschrecken, das neue Programm ist ornamental und grünschwarz - und das ist jetzt selbstverständlich nicht politisch gemeint. Nein, die Corporate Identity der Musikalischen Akademie ändert sich mit der kommenden und ersten Spielzeit des neuen Mannheimer Generalmusikdirektors Alexander Soddy, was schon deswegen wenig verwundert, weil der Vorsitzende, Ulrich Grau, neu und ein junger Bursche ist. Tatsächlich hebt sich das Heft ziemlich auffällig vom Mainstream ab, hat eine Retro-Optik und wirkt wie eine Fusion aus Mut und Konvention.

Gestern jedenfalls wurde nicht nur das druckfrische, von einer Berliner Grafikerin entworfene und schon 238. Jahresprogramm mit den traditionellen acht Doppelkonzerten (Übersicht hier nebenan) vorgestellt, sondern auch Neuerungen.

Und das sind nicht wenige. Die große und gute Nachricht als erstes: Nach einigen Verwirrungen und finanziellen Auseinandersetzungen hat das Nationaltheaterorchester (NTO) zusammen mit der m.con den Spielbetrieb für die kommenden fünf Jahre, also bis 2021, gesichert. Das ist nicht nur aus Sicht der Akademie eine Good News, sondern auch für alle Klassikliebhaber, denn der Umzug ins Opernhaus hätte zwangsläufig zu Image- und Besucherverlust geführt. Trotzdem wird das NTO kommende Saison im Opernhaus konzertieren, womit wir bei der nächsten Innovation sind: die Kammerakademie. Mit ihr will sich das Orchester laut Grau der eigenen Vergangenheit widmen - der Mannheimer Schule. Auftakt ist ein Konzert zu Ehren Johann Stamitz', der 2017 vor 300 Jahren geboren wurde. "Das ist aber ein längerfristiges Projekt", so Grau, der auch andeutet, dass man sich, ähnlich wie das Orchester der Zürcher Oper, in kleiner Besetzung einer anderen Spielkultur widmen wolle.
Außerdem dürfe man das Auftreten der Akademie im Opernhaus ruhig als Zeichen dafür sehen, dass sich die Zusammenarbeit von Orchester und neuer Opernintendanz sehr harmonisch angehe.

Ab 10. Oktober wird es nun auch um 19.15 Uhr Einführungen zu den Konzerten geben. Sie werden bestritten von Opernintendant Puhlmann sowie von Grau selbst und den Operndramaturgen. Dass die Abonnementkultur insgesamt rückläufig ist und Menschen heute spontaner ins Konzert gehen - dem trägt auch das neue kleine Abo mit nur vier statt acht Konzerten Rechnung.

Die Jugend bis 16 hat übrigens generell freien Eintritt. Wo gibt es das? Ein im Januar 2017 beginnender Bruckner-Zyklus ganz umsonst!“

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14.&15.03.2016, 20.00 Uhr, Rosengarten
6. AKADEMIEKONZERT
(BEZIEHUNGEN)2
Dirigent: David Philip Hefti
Solistin: Viviane Hagner

6. AKADEMIEKONZERT, 14.&15.03.2016, 20.00 Uhr, Rosengarten
6. AKADEMIEKONZERT, 14.&15.03.2016, 20.00 Uhr, Rosengarten

„Im Anfang ist der Knall. Er ist laut, schmerzt und macht - Zack. Kastagnetten und Holz schlagen ohrenbetäubend aufeinander, und als sei der Tinnitus hier gleich inklusive gebucht worden, folgt ein leises Fiepen. Die Sache wiederholt sich noch zweimal leicht verändert. Zack. Zack. Die Leute im Auditorium fahren zusammen, es rumort ein bisschen, und erst jetzt setzt sich eine Entwicklung in Gang, die Potenzial hat zu Größerem, zu so etwas wie einem musikalischen Bogen.
So hat es auch Bach gemacht. So hat es auch Mozart gemacht. So haben es viele gemacht, die sich auskannten mit dem, wie der Mensch tickt, wie er Zeit empfindet und auf Wiederholungen reagiert. Auch dieser Komponist kennt den Menschen: David Philip Hefti.
Das Werk mit dem Zack zu Beginn heißt "Arioso" und ist vom Nationaltheaterorchester bestellt worden. Es fungiert, so Hefti, als Bindeglied zwischen Brahms' Violinkonzert und dem Adagio von Mahlers 10. Sinfonie. Hefti sagt, er zitiere vieles aus diesen beiden Werken, ohne dass dies bemerkbar wäre. Nach der Uraufführung beim 6. Akademiekonzert im Mannheimer Rosengarten stellen wir fest: Vor allem im zweiten Teil des 18-Minüters bricht sich die typische Mahler'sche Weltschmerz- und Endzeitstimmung Bahn. Heftis Motive, seine Klangrede und -verdichtung werden immer emotionaler und, ja, fassbarer, und wenn inmitten des letzten Viertels dann die martialische Rhythmik des Streicherapparats einsetzt, biegt unverhohlen Strawinsky um die Ecke und hat seinen "Sacre du Printemps" im Gepäck. Es kann nicht sein, dass Hefti das unabsichtlich in seine Partitur geschrieben hat.
Das Nationaltheaterorchester unter der Leitung des Komponisten spielt das gut und mit herausragenden solistischen Leistungen (etwa von Konzertmeisterin Olga Pogorelova). Der Klang ist beweglich, er überrascht und hat alle Facetten, die zeitgenössische Musik für großes Orchester braucht. Sichtlich und hörbar mehr Spaß haben die Musiker aber im zweiten Teil des Werks, wenn weniger experimentelle Spielarten (etwa Flageolett- oder Fingernagel-Glissandi) vorkommen und ein insgesamt weniger moderner Klangfluss entsteht. Das ist klug gemacht. Hefti rührt eine stilistische und strukturelle Mixtur an, die Modernitätsanspruch hat und nie in irgendwelche neoromantische Welten abrutscht - und doch für ein "normales" sinfonisches Publikum fassbar bleibt. Schon das allein ist eine Kunst.“

„Als Dirigent ist Hefti eher kurios. In Brahms' Violinkonzert bleibt er (und mit ihm der Klang) vollkommen gehemmt und macht aus dem 1879 uraufgeführten Evergreen fast ein Werk Haydnscher Klassizität. Starres Metrum. Kaum Rubato. Schlanker Klang. Kein Nachdruck. Mit der Verve, dem Feuer, der Virtuosität und Emotionalität von Solistin Viviane Hagner kann das Orchester unter Hefti nicht mithalten. Frappierend ist das allein zu Beginn des dritten Satzes (Allegro giocoso), bei dem Hagner durch feinste agogische Dehnungen die Spannung im schmissigen Eröffnungsmotiv der ersten acht Takte steigert und das Orchester ab Takt neun dann spannungsarm und blass nachzieht. Hefti zeigt sich mit kleinen Bewegungen eher als Organisator, der aber stets auf den Schlag dirigiert und wenig antizipiert. Das macht einen gradlinigen Brahms, der Luft hat nach oben und für Gedanken.
Dafür hat Hagner keine Mühe durchzudringen. Ihr Ton ist kraftvoll und klangschön, ihr Spiel von tiefem Ernst so geprägt wie von Gefühlsauthentizität. Bei aller Virtuosität phrasiert sie doch elastisch, atmend, weich und fließend. Ihr Atem, ihre Spannungsbögen fesseln - was sie nicht nur mit Brahms' von Doppelgriffen und (sauber gespielten) Oktaven und Akkorden gespicktem Werk beweist, sondern auch im feinsinnig und zart zugegebenen Adagio aus Johann Sebastian Bachs g-Moll-Sonate (BWV 1001). Das ist groß.“
 
„Was bei Heftis Brahms etwas ratlos macht, ändert sich bei Mahler. Diese heftige Musik seelischer Zerstörung im Adagio der Zehnten, die die Grenzen zwischen Himmel und Erde, zwischen Fantastik und Realität, zwischen Hoffnung und Verzweiflung auslotet, liegt dem Schweizer wesentlich mehr. Plötzlich haben wir das Gefühl, als gestalte hier ein Dirigent konsequent, als fühle er vor den NTO-Musikern schon mal vor, was da kommen werde und wie dieses Etwas zu behandeln sei. Das Ergebnis ist sehr gut bis ergreifend. Womit am Ende ein unter dem Strich faszinierendes Konzert endet - mit verdientem Applaus samt Bravi.“
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 16.03.2016, Stefan M. Dettlinger

„Wie Brahms, Mahler und eine Komposition Jahrgang 2015 zusammenpassen? Bestens, wenn so kombiniert wie beim Akademiekonzert im Mannheimer Rosengarten. „Giocoso“ bedeutet in etwa verspielt oder spielerisch und ist Vortragsbezeichnung im dritten Satz von Johannes Brahms’ Violinkonzert. Viviane Hagner macht daraus eher ein „pensoso“ – ein nachdenkliches, ernsthaftes Stück. Aber das macht sie überzeugend, konsequent, klanglich glaubwürdig. „Glaubwürdig“ ist überhaupt ein gutes Wort, um ihre Interpretation zu beschreiben. Sie spielt immer nahe am Orchester und am Dirigenten orientiert, dreht sich für das Oboensolo im zweiten Satz Richtung Musikerin; ist eine, die nicht mit Hier-bin-ich-Attitüde auftritt, was wiederum zu Brahms’ Werk passt. Diesem warfen Zeitgenossen-Musikerkollegen bereits vor, eher eine Sinfonie mit Violine als ein wahres Solokonzert geschrieben zu haben. Dennoch ist die Violinstimme ein sehr, sehr schwieriger Part. Intervallsprünge in hohe Lagen klingen bei Hagner nicht nur exakt, sondern geradeaus, bewusst. Zur Zugabe dann – wie sie selbst sagt – noch „etwas Bach“, der ihr gleichermaßen gefühlvoll wie intensiv in den aufsteigenden Läufen gelingt. Während so manch anderes Konzertprogramm eher gleichgültig zusammengewürfelt erscheint, greift beim 6. Akademiekonzert ein Haken in den anderen, zu einem festen Konzept. Das geht so: Eine in Mannheim lehrende Violinistin und ein in Mannheim wohnender Dirigent stehen zusammen auf der Bühne, wobei der Dirigent gleichzeitig auch der Komponist des Auftragswerks für das Mannheimer Nationaltheaterorchester ist, das wiederum auch spielt. Dieses erstmals erklingende Werk baut zudem eine musikalische Brücke zwischen dem Brahms in Konzerthälfte eins und Mahler nach der Pause, weil es speziell für diesen Abend Komponiert wurde. David Philip Heftis „Arioso“ – italienisch für gesanglich, liedhaft – gelingt bei der Uraufführung sein musikalisches Brückendasein. Hefti packt Mahler-Tragik in die tiefen Streicher, aber auch das sphärisch Flirrende, Schwirrende, das sich durch das gesamte Stück zieht. Vor allem aber zeichnen Heftis Werk die Klangkombinationen aus. Sein Steckenpferd ist dabei die Perkussion: etwa weiche Schläge auf Holz zur Streicherfläche oder aber ein abrupter Schlag mit Bläser-Nachdruck. Dass der 40-Jährige gleichzeitig Komponist und Dirigent ist, verbindet ihn mit Mahler, dessen unvollendete 10. Sinfonie Hefti leitete. Das, was vielleicht bei Brahms an diesem Abend manches Mal etwas zu träge, zu langsam wirkte, war bei Mahler genau passend. Hefti schien eine Transparenz zu suchen, die die Zehnte in jedem Ton verständlich macht; verzichtete aber nicht auf die große Linie, so dass sich über das ganze Werk hinweg – nun gut, es sind eben nur 25 Minuten – ein Spannungsbogen zog.“
© Die Rheinpfalz, Mittwoch, 16.03.2016, Rebekka Sambale

„In der Spielzeit 20011/12 war der aus St. Gallen stammende David Philip Hefti, Jahrgang 1975, „Komponist für Heidelberg“. Der hiesige Aufenthalt war in mehrfacher Weise schicksalhaft für den Tonsetzer und Dirigenten, denn er verliebte sich in eine Musikerin und blieb so der Region verbunden. Heute lebt er in Mannheim und Zürich. Der Schüler von Rudolf Kelterborn, Wolfgang Rihm und Christóbal Halffter schrieb nun ein Stück für das Nationaltheater-Orchester und leitete zugleich das Akademiekonzert im Rosengarten, wo das neue Werk uraufgeführt wurde. Die Doppelnatur Komponist-Dirigent ist nicht so ungewöhnlich, man denke nur an Mahler und Boulez. Aber sie ist doch prägend: Hefti räumt ein, dass es ihn inspiriere, für Musiker zu schreiben, die er kennt und andererseits genau zu wissen, wie eine bestimmte Stelle der Partitur zu realisieren sei. Dennoch trennt er die Phasen des Komponierens und Dirigierens strikt, wie er kürzlich bei einem Podiumsgespräch im Heidelberger Theater bekannte. Das jetzt unter seiner Leitung uraufgeführte ca. 18-minütige „Arioso“ für großes Orchester zeugt von seiner Orchestererfahrung. Es ist delikat instrumentiert und klanglich transparent auch an Stellen, an denen es wuchtig wird. Melodien wandern fast unmerklich von einem Instrument zum anderen, aber es braucht lange, bis sich tatsächlich ein Arioso der Solovioline herausschält. Formal scheint eine Klammer zu fehlen, die alles zusammenhält, und ein instrumental kaschiertes „Sacre“-Zitat am Ende wirkt fast ein bisschen populistisch. Doch der Zusammenhang wird vielleicht erst später deutlich: „Arioso“ soll den Kopfsatz einer viersätzigen Sinfonie bilden, die – wie eine Oper – noch in Arbeit ist. Die Mannheimer Uraufführung wurde mit großem Wohlwollen aufgenommen, wohl auch, weil das Werk letztlich recht handzahm geraten ist und die Zeit der großen Schreckgespenster auch in der Neuen Musik längst vorüber ist.

Vorweg gab es Brahms’ Violinkonzert mit der Seelenmusikerin Viviane Hagner als Solistin. Seit 2014 Professorin an der Hochschule in Mannheim, brillierte sie mit schlankem Ton und differenziertem Ausdruck, der vor allem im langsamen Mittelsatz starke Intensität entwickelte. Dirigent Hefti entschied sich bei der Begleitung des Orchesters für die „Solokonzert“-These dieses Werkes, das viele Kenner auch als verkappte Sinfonie deuten. Das Nationaltheater-Orchester jedenfalls breitete den Teppich für die Solistin aus, wurde aber selbst kaum als ihr gleichberechtigter Partner aktiv. Die Geigerin bedankte sich mit Bachs Adagio aus der g-Moll-Sonata für den reichen Beifall.

David Philip Heftis dirigentische Kompetenz wurde zum Schluss deutlich bei Mahlers Adagio aus der 10. Sinfonie. Nie wurden tiefste Traurigkeit über das irdische Dasein und zugleich die bitterste Wehmut über dessen Verlust eindringlicher in Klang gefasst als in diesem Weltabschiedswerk: Hier zeigte sich der Klangzauberer Hefti am überzeugendsten, und das Orchester des Nationaltheaters folgte ihm ebenso aufmerksam ins feinste Pianissimo wie ins emphatischste Forte. Nur die Piccoloflöte im Schlussakkord war etwas zu laut.“
© Rhein-Neckar-Zeitung, Mittwoch, 16.03.2016, Matthias Roth

„Rhapsodie in School“ 
Viviane Hagner besucht die 4. Klasse der Diesterwegschule,
Peter W. Ragge begleitet sie und berichtet im Mannheimer Morgen


„Nur selten bewegt sich ein Kopf, vielleicht mal ein paar Finger. Sonst: Stille, faszinierend regungslose Stille. Gebannt lauschen die Schüler der Klasse 4a der Diesterwegschule der ganz besonderen Lehrerin, die sie an diesem Morgen unterrichtet: Viviane Hagner, die international renommiere Geigerin und bei dem Violinkonzert von Brahms Solistin an den beiden Abenden des Akademiekonzerts, bringt den Kindern ihren Beruf und klassische Musik auf beeindruckende Weise nahe. "Ihr seid eine Spitzen-Klasse, das habt Ihr toll gemacht, richtig gut zugehört", lobt die Musikerin die Kinder. "Ganz toll", schließt sich Musiklehrerin Sandra Wellemeyer nach den fast zwei Schulstunden an, ehe die Kinder mit einem lautstarken "Dankeschön" im Chor den besonderen Gast verabschieden.

"Rhapsody in School" nennt sich das bundesweite Programm mit Probenbesuchen von Schulklassen sowie Auftritten von Musikern im Unterricht, an dem sich die Musikalische Akademie des Nationaltheaterorchesters seit 2012 immer mal wieder beteiligt. "Ich denke, junge Menschen möglichst unmittelbar und persönlich in Kontakt mit klassischer Musik zu bringen, ist der beste Weg, sie später auch im Konzertpublikum wiederzufinden", begründet das Ulrich Grau, Vorsitzender der Musikalischen Akademie.

Dass sich eine Solistin, die zu den international gefragten Geigenvirtuosen ihrer Generation gehört, daran beteiligt, ist etwas Besonderes. Aber Hagner macht das gerne, geht spürbar gut auf die Kinder ein. "Es ist mein erstes mal in Mannheim, aber anderswo war ich schon öfter in Schulen", sagt sie.
Freilich hat sie mit der Schule und der Klasse enormes Glück. "Habt Ihr schon einmal eine Geige gehört?" "Habt Ihr schon einmal jemand gesehen, der Geige spielt?" "Wart Ihr schon einmal auf einem klassischen Konzert?" Auf alle ihre Eingangsfragen schallt ihr ein lautes "Jaaaa" im Chor entgegen, was bei Neun- oder Zehnjährigen sonst sicher eher nicht selbstverständlich ist, solange sie nicht gerade auf dem Lindenhof leben. Aus den Mädchen und Jungen hier sprudelt es gerade so heraus, wenn sie erzählen, dass sie schon bei einem Kinderkonzert im Rosengarten waren. Mozart, Beethoven, Vivaldi - erkennbar sind diese Namen den Grundschülern nicht völlig fremd. Da habe sie in Schulen in sozialen Brennpunkten anderer Städte völlig andere Erfahrungen gemacht, berichtet Viviane Hagner später: "Die konnten nicht stillsitzen, gar nicht zuhören."
Anders hier, wenn sie ein Präludium von Bach anstimmt oder jene traurigen Klänge, die er nach dem Tod seiner Frau komponierte. Doch da taucht die Frage auf, ob Bach danach wieder geheiratet hat - da muss die Musikerin doch passen.
Natürlich wird Viviane Hagner auch gefragt, was sie verdient, und sie antwortet diplomatisch. "So viel, dass ich morgens Brötchen auf dem Tisch habe - also es reicht!" Das, so eine Schülerfrage, "Herumgezappel" von Dirigenten sei "manchmal leicht und manchmal schwer" zu verstehen, räumt sie ein. Und dass sie wegen ihrer kleinen Tochter, nicht einmal ein Jahr alt, nicht mehr ganz so oft unterwegs ist wie früher, als sie pro Jahr 70 bis 90 Konzerte auf der ganzen Welt spielte. Aber als sie erzählt, dass sie schon in Amerika, Asien, Australien gespielt hat, da staunen die Kinder schon.
Einmal schockiert Viviane Hagner die Klasse aber auch. Nachdem sie verrät, dass Saiten aus Naturdarm hergestellt werden, "Bäääähhhh", schallt ihr da entgegen. Aber als die Violinistin wieder spielt, sind alle sofort still. Sie verwendet ja gerade Kunststoffsaiten.“
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 16.03.2016, Peter W. Ragge


 

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Ein Interview mit David Philip Hefti
Komponist der Uraufführung „Arioso“ und Dirigent des 6. Akademiekonzerts (14.&15.03.2016), die Fragen stellte Redaktionsmitglied Stefan M. Dettlinger, Mannheimer Morgen 09.03.2016 - Originalton -

„Winter im Jungbusch. ... Da sitzt er also. Entspannt und gut gelaunt. David Philip Hefti ist Komponist. Wie einst Beethoven schreibt er per Hand Noten auf Papier, die dann von anderen gespielt werden. Am Montag wird er ein Werk in Mannheim uraufführen - darüber sprechen wir.

Herr Hefti, Sie sind Komponist und wollen sicherlich etwas Bleibendes schaffen. Wie fühlt sich das an in einer Gesellschaft, die immer schneller und kurzlebiger wird?
David Philip Hefti: Ich fühle mich oft wie im Auge eines Sturms. Mein Arbeitsrhythmus ist extrem langsam, da ich nur drei bis vier Werke pro Jahr schreibe - und draußen zieht die Welt in Windeseile an mir vorbei. Ich genieße diese Ruhe und bin auch bei vollem Terminkalender nur selten gestresst. Ich entziehe mich gern und fast immer erfolgreich der Hektik unserer Zeit. Allerdings: Ich habe noch nie darüber nachgedacht, was mit meinem Werk geschieht, wenn ich einmal nicht mehr bin. Ich lebe intensiv im Hier und Jetzt und überlasse die Entscheidung der Nachwelt.

Stellen Sie sich denn die Frage, was Sie der Gesellschaft nützen, welche Relevanz Ihr Dasein hat?
Hefti: Ständig, ich verfolge ja auch das tagesaktuelle Geschehen in der Welt. Komponisten sind Seismographen einer Gesellschaft und haben die Möglichkeit des musikalischen Kommentars - ob nun vordergründig oder subtil. Musik hat nicht die Macht, die Welt zu ändern. Aber sie kann Menschen zum Nachdenken bringen, gar inspirieren. Sie trägt also zur Weiterentwicklung einer Gesellschaft bei.

"Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen", meinte der auch komponierende Philosoph Friedrich Nietzsche. Seine Zeitgenossen hießen Wagner, Verdi, Brahms oder Mahler. Wie fühlen Sie sich mit dem Spruch in der Welt von Heute?
Hefti: Es ist in meinen Augen die Pflicht eines Künstlers, den Menschen den Spiegel vorzuhalten, sie anzuregen oder gar wachzurütteln. Die tägliche Arbeit an meinen Partituren ist aber auch meine persönliche Flucht in eine andere Welt. Die Musik hilft mir also tatsächlich, "nicht an der Wahrheit zugrunde zu gehen"! Nicht zuletzt hat sie eine im besten Sinn unterhaltende Komponente: Wir gehen ins Konzert und lassen uns während zwei Stunden in andere Gefilde entführen...

Ihr "Arioso" entwickelt sich aus einem Knall heraus zum komplexen sinfonischen Satz, der vielleicht postmodern zu nennen ist. "Arioso" ist ja etwas Gesungenes, Melodiöses, Fassbares. Welche Rolle spielt für Sie Verständlichkeit der Musik?
Hefti: Viel wichtiger ist mir die "Fasslichkeit" meiner Musik im Sinne Weberns: Ein Werk darf niemals beliebig klingen! Bereits beim ersten Hören sollen - bei aller Komplexität - einige Eckpfeiler im Gedächtnis haften bleiben. Das erreiche ich in "Arioso" durch eine stringente Dramaturgie, durch einen transparenten, farbigen und abwechslungsreichen Orchestersatz sowie durch musikalische Gesten wie Melodiefragmente. "Arioso" entstand während der Arbeit an meiner ersten Oper "Annas Maske" und ist daher eine Hommage an die Kunst des Singens und an das Nationaltheaterorchester, das sich mehrheitlich Opernaufführungen widmet.

Es geht auch um Verstehen. Die Leute sagen doch gern: Ich verstehe nichts von klassischer Musik...
Hefti: Kunst ist nicht dazu da, um verstanden zu werden - im Gegenteil: Sie soll uns emotional berühren und Fragen aufwerfen. Insofern ist es für einen Konzertbesucher sogar ideal, nichts von klassischer Musik zu verstehen. Die einzigen Voraussetzungen für ein intensives Konzerterlebnis sind Neugier und Offenheit.

Ist das Ihr Ernst?
Hefti: Absolut! Es wäre mein Traum, ganz ohne Fachwissen in ein Konzert gehen zu können. Das analytische Gehör läuft aber im Hintergrund immer mit. Leider. Aus diesem Grund sind Kinder oft die besten Zuhörer, da sie eine enorme Begeisterungsfähigkeit mitbringen, und ihre Ohren noch nicht verdorben sind. Natürlich gibt mir ein Konzert auch die intellektuelle Stimulation, ohne die ich nicht leben kann. Es ist äußerst reizvoll, das Gehörte in den Kontext der Musikgeschichte zu stellen und die Zusammenhänge zu entdecken.

Brauchen Sie einen Kippschalter?
Hefti: Ja, das wäre großartig! Und wenn wir schon dabei sind: Auch Ohrenlider hätte ich gerne.

Um die Welt draußen mit den hässlichen Geräuschen auszublenden?
Hefti: Das klingt mir zu pessimistisch, da ich auf keinen Fall die wundervollen Geräusche dieser Welt missen möchte. Es wäre aber fantastisch, wenn man mit Ohrenlidern selektiv etwa die Musikdauerberieselung in Aufzügen, Restaurants und öffentlichen Räumen ausblenden könnte. Auch bei gewissen Gesprächen könnte das hilfreich sein... (lacht)

Sie meinen Gespräche wir unseres?
Hefti: Die Frage war nach meiner Steilvorlage zu erwarten! (lacht) Ich fand unser Gespräch sehr erfrischend, vielen Dank dafür!“


 

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15.&16.02.2016, 20.00 Uhr, Rosengarten
5. AKADEMIEKONZERT
„RAPSODIE ESPAGNOLE“
Dirigent: Pablo González
Solist: Jacques Zoon

5. AKADEMIEKONZERT, 15.&16.02.2016, 20.00 Uhr Rosengarten,
5. AKADEMIEKONZERT, 15.&16.02.2016, 20.00 Uhr Rosengarten,
5. AKADEMIEKONZERT, 15.&16.02.2016, Rosengarten ©Foto: CL
5. AKADEMIEKONZERT, 15.&16.02.2016, Rosengarten ©Foto: CL

„ ... Die Komponisten heißen Debussy, Ravel, Ibert ... im vollen Mozartsaal des Rosengartens. Aber auf dem Dirigentenpult steht einer, der in dieser Hinsicht Orientierung geben und als orchestraler Sprachcoach dienen kann: Pablo González (Bild), ein gebürtiger Asturier ... Auf Ravels „Rapsodie espagnole“ ... folgt Jacques Iberts Konzert für Flöte aus dem Jahre 1934, dem bis dato letzten Klassiker in einer Gattung, die mit solchen Meisterwerken ohnehin nicht allzu sehr gesegnet ist. Ibert, nicht unbedingt ein Mann des radikalen Fortschrittsstrebens, gibt dem Soloinstrument, was dessen "Ausdrucksmöglichkeiten respektiert", wie er erklärt hat. Und im Rosengarten steht ein Mann, der diese Ausdrucksmöglichkeiten nutzt: Jacques Zoon. Der Niederländer spielte Flöte beim Concertgebouworkest in Amsterdam, später in Boston, unter Dirigenten wie Chailly, Ozawa und Abbado. Er ist auch als Flötenkonstrukteur bekannt. Dem Spielwitz des Ibert-Konzerts bleibt er nichts schuldig, wie ein Kolibri schwirrt er durch den Eröffnungssatz (und die Frequenz der Triller kommt dem Flügelschlag des Bonsai-Vogels wirklich schon recht nahe). Neben atemlos bewältigten Stakkato-Strecken kann Zoon freilich lange, mit Vibrato hauchfein ausgekleidete Legato-Linien ausbreiten. Und im Finale beides zur Synthese führen. Dass die Zugabe, Bachs Allemande aus dessen erster Cello-Suite in G-Dur, noch ein bisschen mehr Phrasierungskunst vertragen hätte, schmälert die Brillanz des Vortrags kaum. Und das Orchester, das schon in Iberts Konzert das musikalische Geschehen kräftig angeschoben hatte und aktiver, munterer geworden war, erwacht bei Debussys "Ibéria", dem zentralen Stück der drei "Images", noch mehr aus dem Dornröschenschlaf. Pablo González' Gesten werden fordernder und größer, und auch die Musik legt an Volumen und Aroma zu. Im Mittelteil, der sich dem Duft der Nacht hingibt, herrscht eine süße, schwere, fast laszive Schwüle. Eine schöne Trägheit macht sich breit - paradigmatischer Impressionismus. Nur der Schlussabschnitt wirkt wieder leicht zerfahren. Der Applaus kommt mit Verzögerung, als ob das Publikum sich einen Augenblick lang fragen würde, ob das wirklich alles war. Beim letzten Stück fällt dieser Beifall länger, lauter und spontaner aus: Ravels "La Valse" bewährt sich wieder mal als Rausschmeißer. Auch wer mit dieser Walzer-Travestie nicht restlos warm wird, muss - auch in der Aufführung in Mannheim - die schon fast perfide Raffinesse anerkennen: Wie ein etwas unartiger, sehr verwöhnter Junge nimmt der Komponist das Johann Strauß'sche Vorbild auseinander. Ehrensache, dass er es anschließend wieder (falsch) zusammensetzt.“
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 17.02.2016, Hans-Günter Fischer

„Viva España! Es lebe Spanien und es lebe Pablo Gonzáles: Unter dem Motto „Rapsodie Espanole“ brachten bei den beiden Akademiekonzerten am Montag und Dienstag der spanische Pultstar und das Nationaltheater-Orchester Mannheim im Rosengarten die Luft zum Vibrieren. Die Begeisterung für spanische Heißblütigkeit, für flirrende Exotik und Erotik, für Kastagnetten- und Gitarrenklänge, für Flamencos, Habaneras und Malagueñas, scheint ungebrochen. In der Musikgeschichte wimmelt es nur so von so genannten Españalodas. Einige davon haben es bis in die Top Ten der Klassikhits gebracht. Nomen est omen: Mit Ravels berühmter „Rapsodie espanole“ gelang dem Nationaltheater-Orchester ein grandioser Einstieg in die farbenfrohen Klangwelten der iberischen Halbinsel. Großen Respekt für das Nationaltheater-Orchester und seinen Gastdirigenten: Da sitzt jede Geste, jede Phrase, jeder Ton. Mit einer ungeheuren Plastizität arbeitet Gonzáles die Farbdetails aus der lebendigen Partitur heraus, und es ist, als könne man dabei den Duft des Südens förmlich riechen. Bei aller Perfektion: Und doch vermittelt das Orchester den Eindruck von Leichtigkeit – als spiele sich die Rhapsodie wie von selbst. Ihre würdige Fortsetzung findet die orchestrale Tour de Force in der gleichfalls mitreißenden Interpretation des bekanntesten Bildes „Ibéria“ aus Debussys „Images pour Orchestre“. Olé! Jetzt verstehen wir, warum im Zusammenhang mit Debussy immer von Impressionismus die Rede ist. Unter den Händen von Gonzáles verwandelt sich der Taktstock in einen feinen Pinsel. Mit zartem Strich entstehen geheimnisvoll verschwommene Bilder – keine knallig bunten spanischen Straßenszenen, sondern pastellartige, duftig leichte Klanggemälde. Zuvor packt mit Jacques Zoon einer der ganz Großen seiner Zunft die Flöte aus. Es ist eine Riesenshow, die der Holländer mit Jacques Iberts Flötenkonzert an der Seite des Nationaltheater-Orchesters zelebriert. Ist das typisch französisch oder geht mit ihm das spanische Temperament durch? Wie eine Rakete schießt er los. Mit einer kaum zu überbietenden Rasanz jagt er die Tonleiter rauf und runter, dazwischen halsbrecherische Sprünge und allerlei Spezialeffekte à la Flatterzunge und Co. Selbst zum Schluss bleibt trotz gehetzter Läufe noch genügend Atem für die schwere Schlusskadenz. Hut ab vor Jacques Zoon, der bei aller Musikalität außerdem mit der Lunge eines Hochleistungssportlers gesegnet zu sein scheint. Wo gehobelt wird, da fallen Späne: Als Reparaturstück für sein überstrapaziertes Organ dient ihm schließlich ein allseits bekanntes Repertoirestück von Bach in Gestalt einer Bearbeitung der Allemande aus der Cello-Suite Nr. 2. Aber das Beste kommt zum Schluss: Ravels berühmte sinfonische Dichtung „La Valse“ in einer explosiv mitreißenden Interpretation, die keinerlei Wünsche, dafür umso mehr Gänsehaut hinterließ. Was Pablo Gonzáles aus dem Orchester herauskitzelt, ist ungeachtet klangschöner geigerischer Süffisanz und Wiener Schmelz mehr als eine opulent-wirbelnde Hommage an Johann Strauß und den beliebten Wiener Walzer. Sondern vielmehr eine schonungslose, sich zwischen Walzerseligkeit und Horrortrip bewegende Darstellung des Untergangs des Abendlandes im Vorfeld des Ersten Weltkriegs. Ein Tanz auf dem Pulverfass, der Strawinsky näher ist als Strauß. Adrenalin pur!“
© Die Rheinpfalz, 17.02.2016, Markus Pacher, ungekürzt


 

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18.&19.01.2016, 20.00 Uhr, Rosengarten

4. AKADEMIEKONZERT

„LIED DER NACHT“

Dirigent: Sefan Blunier

Gustav Mahler – Symphonie Nr. 7

4. Akademiekonzert
4. Akademiekonzert
4. Akademiekonzert
4. Akademiekonzert

„... Hinter jedem göttlichen Vogelgezwitscher wartet ein schwarzer Rabe, ein Sensenmann hinter jeder lustig über Felder und Bäche springenden Maid. Mahler erzählt uns davon. In seiner "Siebten", die im Mannheimer Rosengarten jetzt in einer konzentrierten und kompakten Version vom Nationaltheaterorchester unter Mannheims beliebtem Ex-Kapellmeister Stefan Blunier gespielt wurde. Im Scherzo etwa. Hier geistert es ja von Beginn an. Anfangs schattenhaft bedrohlich, dann unverhohlen höllisch dämonisch werden die soeben noch vorsichtig durch den Raum schwebenden Duftmarken der Nacht weggeputzt, als seien sie oberflächlicher Tand. Ähnlich wie in Paul Dukas' "Zauberlehrling" setzt sich eine mächtige Maschinerie voller kleiner Rädchen in Gang, die kaum aufzuhalten ist. Ein Wüten im Dreivierteltakt, das immer wieder mit Scheinidyllen aufwartet, die rasch von dunklen Mächten unterlaufen werden. ... Stefan Blunier und das NTO, die im sehr gut gefüllten Saal am Ende gefeiert werden, machen das wirklich gut mit dem komplexen Werk in der Riesenbesetzung von 118 Musikern (in der zweiten Nachtmusik "Andante amoroso" fährt Mahler sogar noch die Sinfonik-Besonderheit von Gitarre und Mandoline auf). ... Nach und nach entwickelt sich ein pochender Groove, der sich auch durch die exzellent gespielten Soli von Olga Pogorelova (Violine), Julien Heichelbech (Viola), Eberhard Steinbrecher (Fagott) und der anderen Holzbläsersolisten im D-Dur-Trio zieht - obwohl alles hier ziemlich zerrissen ist. ... Besonders im Finalsatz, in den Blunier das Orchester quasi hineinstürzt - ohne die Fermate und das Ersterben im F-Dur-Akkord von Gitarre, Harfe und Klarinetten am Ende der zweiten Nachtmusik wirklich zu respektieren und Ruhe abzuwarten. Blunier will weiter. Er will es majestätisch krachen und Pauken und Hörner sprechen, jubeln und zur Jagd blasen lassen. Im Finalsatz fährt das NTO nochmals alles auf: großartig leuchtende Blechbläsersätze besonders auch der Trompeten und Hörner, agile und bestechend homogene Streicher, virtuoses Holz und sicher zupackendes Schlagwerk - all das in guter Organisation. Mahler rückt hier die Zerrissenheit, Zersplitterung und Heterogenität seiner Tonkunst in eine größere Dimension, mitunter scheint es, als höre man mit den gewaltigen harmonischen Gesteinsverschiebungen Fetzen der intergalaktischen Kopiervorlage von John Williams' "Star Wars"-Musiken. Alles klingt gut und in schierer Perfektion. Besonders bei diesem Werk mit seinen 80 Minuten Dauer und gefühlten eine Million Tönen. Und dass die Besucher nach dieser Intensivbeschallung begeistert sind, spricht dafür, dass so ein Mahler auch kein Abendfüllstück braucht - und klassische Musik insgesamt keine Animation.“
© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 20.01.2016, Stefan M. Dettlinger

„... „Nachtmusik“. Gleich zwei Sätze seiner siebten Sinfonie hat Gustav Mahler mit diesem Titel versehen. Als wenn es nicht schon Nacht genug wäre in diesem spätromantischen Lebenswerk, das sich in einem ewigen Trauermarsch der Untergangslust ergibt. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ ist ja eben nicht nur Mahlers vielleicht berühmtestes Lied. Es ist Programm. Und nun also zwei dezidierte Nachtmusiken, eine gar mit Gitarre und Mandoline. Die ergänzen einen riesigen Klangapparat, dessen schiere Dimension beängstigend wirkt. Eingerahmt werden diese von zwei breit angelegten Ecksätzen. Sie selbst nehmen ein Scherzo in die Mitte, das mit gespenstisch nur unzureichend beschrieben ist. Und dann dieses Finale, auf das alles zusteuert, ja irgendwann regelrecht zustürzt. Beethovens Formel „Durch Nacht zum Licht“, wie wir sie aus der Fünften kennen, scheint hier ins Gigantische ausgewachsen zu sein. So viel Jubel jedenfalls ist selten. Die Bläser des Nationaltheaterorchesters ergehen sich in einer Endlosfanfare. Und alles, alles wird doch noch gut. Am Ende einer langen Nacht. Stefan Blunier lässt sich am Pult des Orchesters nicht einschüchtern. Weder vom Pathos dieser Musik noch von ihren gigantischen Ausmaßen. Er bleibt souverän, gelassen, auch wenn Klangmassen auf ihn niederprasseln. Sicher, konsequent steuert dieser sinfonische Verlauf auf den beschriebenen Höhepunkt im Finale zu. Wohin auch sonst? Selten war der Begriff von der Finalsinfonie zutreffender als hier. Aber man hat das Gefühl, dass eine gewisse ironische Distanz, ein Augenzwinkern verhindert, dass, wie der eigentlich als Mahler-Freund bekannte Adorno befürchtete, die Sinfonie in die plakative Kitschfalle tappt. Tempowechsel und dynamische Abstufungen sorgen ebenso wie ganz unterschiedliche Ausdrucksfarben des Orchesterapparats für ein sinfonisches Panorama. Ein Gemälde quasi. Die Nacht in allen ihren Facetten. Was einem so widerfahren kann im Dunkeln. Gespenster ebenso wie mandolinenbegleitete Liebes-Kanzonetten. Alpdrücke und Liebesträume. Leidenschaften und existenzielle Urängste. Alle Instrumentengruppen des Nationaltheaterorchesters malen mit an diesem farbenprächtigen Bild einer einzigen Nacht. Und im Finale? Nun, da geht die Sonne auf. Auch die längste Nacht hat mal ein Ende ...“
© Die Rheinpfalz, Mittwoch, 20.01.2016, Frank Pommer

„Tradition zu bewahren, ist Schlamperei“, hat Gustav Mahler einmal gesagt und seine Dirigierkollegen dazu ermuntert, eigene Wege zu gehen. Das schien nun auch Stefan Blunier sehr beherzigt zu haben, als er Mahlers 7. Sinfonie e-Moll beim 4. Mannheimer Akademiekonzert im Rosengarten dirigierte. Mit ein paar Hüpfern auf dem Podest machte sich der Bonner GMD noch ein wenig locker vor Beginn und dann ging es auch schon flott los: lakonisch und federleicht, in sehr zügigem Tempo und fern von aller kondukthaften Schwere, wie sie viele Dirigenten pflegen. Blunier hat ein ausgezeichnetes Mahler-Verständnis und macht doch vieles anders und überraschend neu. Sehr frisch und unverstaubt klang die Siebte im Spiel des Mannheimer Nationaltheater-Orchesters. Dabei wusste der Dirigent die strukturellen Verläufe bestens zu durchzeichnen und gleichzeitig hatte er großes Gespür für den Augenblick. So hörte man immer wieder herrlich blühende Streicherhymnik, wunderbare Übergänge, etwa in den urplötzlich berückend leise glimmenden Pianissimi. Mahlers Humor feierte hier fröhliche Urstände. Das deutete sich schon in der Coda des Kopfsatzes an, wurde ein militärischer Geschwindmarsch von zackiger Schärfe und pointiertem Drill angestimmt. Der Humor ging weiter in den folgenden fünf Sätzen. Im Scherzo, in welchem das Burleske und Grelle ebenso wunderbar tönte wie das Liebenswerte. Zwei „Nachtmusiken“ umrahmen dieses Scherzo und in der ersten davon entdeckte der Dirigent mehr Humor als nächtlich romantische Stimmung. Anstatt schattenhafter Atmosphäre wurde die Szenerie zur grellen Groteske intensiviert, schwungvoll burlesk, was aber auch einige Irritationen der Holzbläser mit sich brachte. Sehr zügige Tempi wählte der Dirigent ebenso in der „Nachtmusik 2“: Da hätte man freilich noch mehr verweilen, mehr auskosten können. Zäsur- und atemlos stürzte er sich noch im Verklingen des Satzes ins Rondo- Finale: furios durchpeitscht, fuhr das Orchester all seine Virtuosität auf. Scharf belichtet wurde die große Polyphonie, traf köstliche Ländlerseligkeit und tändelnde Rhythmen auf grelle Groteske. Dass dieser Schlusssatz mitnichten eine blauäugige, optimistisch aufgepfropfte Jubelfeier ist, wie uns Adorno noch glauben machen wollte, sondern eine saftige Parodie, das ließ Blunier trefflich durchklingen. Überaus kontrastscharf ließ der Dirigent die Themen aneinandergeraten, ging es zwischen gemütlich tändelndem Humor und kräftig lospolterndem Witz immer äußerst beherzt in die Extreme von Tempo und Gestik. Hinreißend im Rubato, irrwitzig in den Beschleunigungen. Die Schlagzeuger hatten einen Heidenspaß, ließen ihre Glocken und Becken, Herdenglocken und Pauken nach Herzenslust bimmeln und krachen. Wundervolle Soli der Solo-Hornistin gab es den ganzen Abend lang. Jubel am Ende im ausverkauften Rosengarten.
© Rhein-Neckar-Zeitung, Donnerstag, 21.01.2016, Rainer Köhl


 

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NEUJAHRSKONZERT, 01.01.2016
Dirigent: Rossen Gergov
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 9 D-Moll

››Vielmehr sucht er als ein Dirigent, der oft mit zeitgenössischer Musik umgeht, die vielen zukunftsweisenden Aspekte dieser Partitur neu freizulegen. […] Gergov hat dafür ein feines Ohr. Ohne die Tempi ungebührlich zu verschleppen, dirigiert er später das Adagio mit dem Gestus eines wehmütigen Lauschens, den intimen Chor der Streicher sehr behutsam an die Hand nehmend. ‹‹
(Mannheimer Morgen, 4.1.2016)

››Gespielt und gesungen wurde unter der dynamischen Stabführung des jungen bulgarischen Maestros stets konzentriert, mit vitalem Zugriff und zwingendem Nachdruck. Intensität der Klangrede war dabei durchweg groß geschrieben. Gergov setzte auf straffe Abläufe und groß angelegte Spannungslinien. Den Notentext las er sehr aufmerksam, präparierte Feinheiten gezielt heraus, hob Nebenstimmen prägnant hervor. Besonders eindrucksvoll wirkte der subtil musizierte Piano-Anfang des langsamen Satzes. Diesen legte Gergov ausgesprochen flüssig an, wobei im D-Dur-Zwischensatz der dichte, kernige Ton der zweiten Violinen und Bratschen aufmerken ließ. […]
Durch großangelegte Architektur, Ausdrucksgewalt und klare Disposition der Fugen und Fugati imponierte das Finale. Die exorbitanten Anforderungen an die Vokalpartien bewältigten der von Francesco Damiani disziplinierte sonore Chor und das Soloquartett überaus beachtlich. Besonders gefiel Cornelia Ptasseks feiner Sopran-Beitrag; markante Akzente wusste Bassist Thomas Jesatko zu setzen;‹‹
(Die Rheinpfalz, 4.1.2016)

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14.&15.12.2015
3. AKADEMIEKONZERT
„ROKOKOVARIATIONEN“
Dirigent: Dan Ettinger
Violincello: Maximilian Hornung

3. AKADEMIEKONZERT, 14.&15.12.2015, Maximilian Hornung ©Foto: CL
3. AKADEMIEKONZERT, 14.&15.12.2015, Maximilian Hornung ©Foto: CL

(...) „Dass dieses Akademiekonzert so endet und das Orchester samt GMD Ettinger mit Bravorufen und lang anhaltend gefeiert werden, liegt erst einmal am Werk. Natürlich. Aber Ettinger und das Nationaltheaterorchester spielen das auch farbenfroh, pointiert und brillant, mit viel Liebe zu den Details und großer Hingabe und Beseeltheit. (...) Elgars vielleicht wichtigstes Werk (neben dem Krachermarsch "Pomp and Circumstance") erklingt in einer schier mustergültigen Version, die auch spieltechnisch nahezu perfekt ist - mit homogenen Streichern, tollen Soli (Cello in Var. 12, Holz- und Blechbläser an verschiedenen Stellen) und dem Sound eines Spitzenorchesters.“
(...) „Im Folgenden lässt Hornung seinen gepriesenen warmen Klang durch den großen Saal irisieren. Das Kantable liegt ihm ohnehin, aber auch das wendig Virtuose in den schnellen Passagen etwa des Allegro molto im zweiten Satz. Elgar ist bei Hornung (und Ettinger) ein empfindsamer Spätromantiker, aber keiner, der im Sumpf seiner Gefühle versinkt und in andere (Zwischen-)Welten abdriftet - dazu klingt selbst das erdenferne Adagio zu wirklich und diesseitig, auch wenn Hornung hier spielt und mit seinem Cello singt wie ein Gott (...) bei Tschaikowsky gelingt es mühelos. Die wesentlich linearer und klarer komponierten Rokokovariationen von 1877 liegen vor allem Ettinger und dem Orchester mehr. Zusammen mit Hornung entsteht hier wirklich Großes. Alles ist in Bewegung und Ausdruck begriffen. Hornung erzählt das Werk in dem riesigen Saal, als handle es sich um eine spannende Geschichte für einen kleinen Kreis. Er spielt sich damit direkt in die Herzen seines Publikums. Dass er sich dabei technisch nicht die geringste Blöße gibt (...) versteht sich von selbst.“
Hornung, Ettinger, das Orchester - sie sind hier vollkommen bei sich, der Klang ist präzise, elegant und warm, Trillerketten, Läufe, Doppelgriffe, Glissandi und expressive Phrasen schnurren locker und doch intensiv dahin - es ist genau das, was den Meister ausmacht: Schwerstes spielt er so, dass man nur auf den Inhalt achtet. In Hornungs Zugabe, der fast flüchtig hingeworfenen Courante aus Bachs Cello-Suite G-Dur (BWV 1007), leuchtet sein Cello ein letztes Mal.
Insgesamt eine Akademie, die final auch aus Ettinger einen Strahlemann macht: (s)ein großer Erfolg.“
©Mannheimer Morgen 16.12.2015, Stefan M. Dettlinger

„Das Cello stand im Mittelpunkt des jüngsten Akademiekonzerts im Mannheimer Rosengarten. Mit Maximilian Hornung hatte das Orchester des Nationaltheaters Mannheim einen Solisten eingeladen, der eine durchdachte Spielkultur mit musikalischer Reife verbindet. In Hornungs Interpretation des Soloparts von Edward Elgars  Cellokonzert kam das sehr schön zum Ausdruck. Dem Solisten gelang es, gleich die allerersten Takte mit kraftvoller Intensität zu erfüllen. Hornungs klangschöne Tongebung und seine gesangliche Linienführung trugen besonders die weit schwingenden Bögen im Adagio, einem elegischen Abgesang Elgars auf die im Ersten Weltkrieg untergegangene „heile“ Welt. Maximilian Hornung und das Orchester des Nationaltheaters Mannheim
(NTO) fingen unter der souveränen Leitung Dan Ettingers überzeugend die Melancholie ein, die über dem Stück liegt. Im Finalsatz versahen Solist und Orchester den Schwanengesang der vergangenen Epoche  König Edwards VII. mit dramatischem Nachdruck. Nostalgie, allerdings in einer ganz anderen Form, liegt auch den Variationen über ein Rokoko-Thema für Cello und Orchester zugrunde. Peter Tschaikowsky liebte Mozarts Musik und verarbeitete dessen eleganten musikalischen Gestus in einigen seiner eigenen Werke. Maximilian Hornung und das NTO leuchteten Thema und Variationen in allen Schattierungen aus. Der Solist konnte hier seiner Spielfreude und seinem beträchtlichen virtuosen Können freien Lauf lassen.  Geschliffene Rhythmik und tänzerischer Elan prägten die Wiedergabe der heiteren, von Tschaikowsky in diesem Werk verklärten Rokoko-Welt. Wirklich hinreißend war die seelenvoll gespielte Wiedergabe der Variation 6, die von fern an ein russisches Volkslied erinnert. Aus der Blütezeit des britischen Empire, die Edward Elgar in seinen Märschen so glänzend illustrierte, stammen die Enigma-Variationen. Seit der Uraufführung 1899 rätseln die Zuhörer, wer oder was genau mit kryptischen Kürzeln wie BGN oder WMB gemeint sein könnte. Elgar selbst hat sich darüber prächtig amüsiert. Bis heute stellen die Enigma-Variationen ein ungetrübtes Hörvergnügen dar, von Dan Ettinger und dem NTO als lebendige musikalische Charakterzeichnungen gespielt.“
© Rhein-Neckar-Zeitung, 16.12.2015, Nike Luber

„In einem seiner letzten Akademiekonzerte als Generalmusikdirektor hat Dan Ettinger den britischen Komponisten Edward Elgar ins Zentrum gerückt. Er würdigte damit einen Komponisten, der mehr kann als Pomp – und der Freunden Musik widmet. Am Solo-Cello: der 29-jährige Maximilian Hornung. Beste Freunde, verewigt in Orchestersätzen. Wie sie sind, was sie immer so taten. Auch wenn’s nicht mehr als der für den Einen so typische Spaziergang mit dem Hund ist, die Gesprächigkeit des Anderen. Es sind musikalische Abbilder von Persönlichkeiten. Wer Freund von Edward Elgar war – Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts – konnte sich dieses persönlichen Musikglückes freuen. 14 Sätze hat er 14 ihm wichtigen Menschen gewidmet, was ein Sinfonieorchester vor die Herausforderung stellt, all diesen Charakterzeichnungen gerecht zu werden. Schönster, weil intensivster Satz der Enigma-Variationen op. 36 ist wohl der „Nimrod“ betitelte, den das Nationaltheaterorchester erst langsam heranschleichend bis zu großem Pathos anwachsen lässt. Dennoch: Es ist ein ruhiges Konzert, das auch die Stille der Pausen auskostet, das trotz vereinzelten großen Klangtürmen eine eher meditative Atmosphäre schafft. Bei Edward Elgars Kompositionen von „Stille“ zu sprechen, mag weit hergeholt klingen für den, der vor allem den Allzeit-Ohrwurm kennt, den rauf und runter gespielten Briten-Sinfonie-Party-Hit „Pomp and Circumstance“-Marsch Nr. 1. Aber das Nationaltheaterorchester lässt bei Elgars Cellokonzert op. 85 dem Solisten Maximilian Hornung alleine und ganz ausschließlich den Vortritt, so dass der auf einem gemäßigt dahin fließenden Untergrund seine Melodien ausbreiten kann. Ein beinahe stilles Orchester. Und das nutzt Hornung. Der 29-Jährige, der mehrfache Echo-Klassik-Preisträger, der nach rechts oben schauend mit geöffnetem Mund Musik, Töne, Linien in sich hineinfließen lässt – sich dann Zeit nimmt und Elgar nach Gefühl gestaltet. Auch in seinem Spiel ist es manchmal still. Wunderbar ohnehin, wie er Töne ins Fast-Nichts ausklingen lässt, wie die Streicher des Orchesters dieses Beinahe-Nichts aufnehmen und weiter klingen lassen, als sei es ein einziger Ton. Ettinger unterdessen bleibt seiner Linie treu, Mann der mächtigen Momente zu sein. Diese im Konzertprogramm zu suchen, dauert zwar etwas länger – haben Blech und Perkussion es doch meist mit Pausen zu tun – doch wenn, dann eben richtig. Das Nationaltheaterorchester hat ja auch einen herrlichen Klang, in dem sich jeder Musiker gerade soweit zurücknimmt, dass das Ganze stimmt. Sie spielen bei ihren  Akademiekonzerten mit einer Kontinuität, die das Neue, Aufregende, Gewagte leider manches Mal vermissen lässt, dafür immer irgendwie schön ist. Nicht mehr lange wird Ettinger am Pult stehen, mit seinem die Musiker direkt anstachelnden Dirigat, bei dem Fingerzeige Einsätze meinen. Bereits seit Beginn der Saison 2015/16 dirigiert er auch die Stuttgarter Philharmoniker und wird sich dieser Aufgabe ab Mitte des kommenden Jahres ganz zuwenden. Noch ein Akademiekonzert gibt es mit Ettinger: im Juli mit Fazil Say am Klavier, der eher für Aufbrausendes als für Ruhe bekannt ist.“
©Die Rheinpfalz, 16.12.2015, Rebekka Sambale


 

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Pressemitteilung des Nationaltheaters Mannheim, 09.11.2015

ALEXANDER SODDY WIRD GENERALMUSIKDIREKTOR AM NATIONALTHEATER MANNHEIM

Alexander Soddy, derzeit Chefdirigent am Stadttheater Klagenfurt, wird ab der Spielzeit 2016/2017 neuer Generalmusikdirektor am Nationaltheater Mannheim und tritt somit die Nachfolge des scheidenden GMD Dan Ettinger an. Bei einer Pressekonferenz am heutigen Montag, 9. November stellte Albrecht Puhlmann, designierter Opernintendant am NTM, den neuen Generalmusikdirektor zusammen mit Michael Grötsch, Bürgermeister für Wirtschaft, Arbeit, Soziales und Kultur, vor. Direkt vor Ort unterzeichneten Michael Grötsch, Albrecht Puhlmann und Alexander Soddy den neuen Vertrag, mit dem der künftige GMD dem Nationaltheater und seinem Publikum bis mindestens 2022 erhalten bleibt.

„Ich bin überzeugt, dass Alexander Soddy ein Gewinn für das Opernhaus unserer Stadt ist. Soddy konnte im Auswahlverfahren nicht nur die Entscheidungsträger überzeugen; nicht zuletzt gab auch die große Zustimmung des Orchesters den Ausschlag, dass er sich gegen alle weiteren, hochqualifizierten Mitbewerber durchsetzen konnte. Ich freue mich sehr, dass wir Alexander Soddy als Generalmusikdirektor für fünf Jahre verpflichten konnten“, betont Kulturbürgermeister Michael Grötsch.

„Mit Alexander Soddy haben wir einen GMD gefunden, der die Notwendigkeit von Ensemble und Repertoire künstlerisch lebt. Ich bin glücklich, dass wir für mindestens fünf Jahre gemeinsam die künstlerischen Geschicke der Oper am Nationaltheater Mannheim werden prägen können“, so Albrecht Puhlmann, designierter Opernintendant am NTM.

Alexander Soddy wurde in Oxford geboren und absolvierte in seiner Heimatstadt zuerst eine Ausbildung als Chorsänger am Magdalen College. Zudem studierte er an der Royal Academy of Music Dirigieren und Gesang und war ein Klavierschüler von Michael Dussek. Im Anschluss studierte er Musikwissenschaft und Analyse an der Cambridge University mit einem Chorstipendium vom Selwyn College. Nach Abschluss des Studiums 2004 wurde er direkt als Korrepetitor und Dirigent an das National Opera Studio in London engagiert. In dieser Zeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Preise.
Im Oktober 2005 wurde er als Korrepetitor an die Hamburgische Staatsoper engagiert und wurde schnell 1. musikalischer Assistent der Generalmusikdirektorin Simone Young, sehr bald auch mit Dirigierverpflichtung sowohl an der Hamburgischen Staatsoper als auch bei den Hamburger Philharmonikern.
Von 2008 bis 2010 leitete Alexander Soddy im Internationalen Opernstudio der Hamburgischen Staatsoper die Produktionen von Cavallis La Calisto, zeitgenössische Opern von Christian Jost und John Tavener und Rameaus Les Indes Galantes.
In der Saison 2008/2009 debütierte er an der Staatsoper Hamburg mit Mozarts Die Zauberflöte und erntete damit einen ersten großen Erfolg. Es folgten in der Saison 2009/2010 die musikalische Leitung der Opern L'elisir d'amore, Hänsel und Gretel, Barbiere di Siviglia und erneut Die Zauberflöte.
Von 2010 bis 2012 war er in Hamburg als Kapellmeister engagiert und dirigierte u.a. La Boheme, Rigoletto, Don Giovanni, Bliss, La Traviata und Lucia di Lammermoor. Zudem gab Alexander Soddy mit Mozarts Die Zauberflöte sein Debüt sowohl an der Bayerischen Staatsoper München als auch an der Staatsoper Berlin. In der darauf folgenden Saison debütierte er an der Royal Swedish Opera Stockholm mit La Bohème.
In der Spielzeit 2012/2013 stellte er sich dem Publikum am Stadttheater Klagenfurt mit den Neuproduktionen von Webers Der Freischütz sowie mit Mozarts Idomeneo vor. Als Gast an der Staatsoper Hamburg dirigierte er Die Fledermaus, Don Giovanni und Gounods Faust. In der Neuproduktion des Ring des Nibelungen in Bayreuth 2013 bis 2015 übernahm er dazu die musikalische Studienleitung an der Seite von Kirill Petrenko.
Ab der Spielzeit 2013/2014 trat er die Position des Chefdirigenten am Stadttheater Klagenfurt an und leitete mit größtem persönlichen Erfolg die Neuproduktionen Rosenkavalier und Macbeth. In derselben Spielzeit gastierte er an der Staatsoper Hamburg mit einer Neuproduktion von Bizets Carmen. Danach folgte in Klagenfurt noch eine Produktion von Prokofievs Die Liebe zu den drei Orangen.
2014/2015 gab Alexander Soddy mit La Cenerentola sein Debüt an der Oper Frankfurt. In Klagenfurt leitete er die Premieren Fledermaus, Cavalleria / Pagliacci und Les Dialogues des Carmelites.
In der laufenden Spielzeit kehrte Alexander Soddy mit Webers Der Freischütz und Die Zauberflöte an die Staatsoper Berlin und an die Königliche Oper Stockholm mit Madama Butterfly zurück. An der Oper Köln wird Alexander Soddy das erste Mal mit La Cenerentola auftreten. Weitere Debüts in der kommenden Spielzeit sind neben einer Rückkehr an die Bayerische Staatsoper auch an der Staatsoper Wien und der Semperoper in Dresden geplant.

„Meine Entscheidung, nach Mannheim zu kommen, ist eine sehr leichte gewesen. Das Nationaltheater Mannheim ist ein Haus mit unbestreitbarer Tradition, bedeutenden Vorgängern – ein Kunstinstitut, das nicht nur in der Vergangenheit lebt, sondern die Tradition und das Erbe immer wieder aufs Neue erfindet und weiterträgt. In Albrecht Puhlmann und seinem Team traf ich auf Theatermenschen, mit denen es vom ersten Gespräch an ein selbstverständliches Übereinstimmen in den wesentlichen Fragen gab. In diesem Sinne kann ich es kaum erwarten, dass die Arbeit, und vor allem das Musizieren, hier richtig losgeht!“, so Alexander Soddy.

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09.&10.11.2015
2. AKADEMIEKONZERT „PORGY AND BRASS“
Dirigent: Alexander Prior
Tuba: Andreas Hofmeir

Stefan M. Dettlinger © Mannheimer Morgen, Mittwoch, 11.11.2015
Es könnte ein Abend sein, der in die Geschichtsbücher eingeht - als Abend der Superlative, als Abend der Tabubrechungen, als Abend der Jugend, des Humors und der Leichtigkeit in einer seit 237 Jahren währenden Tradition ernsthafter und ach so hehrer Akademiekonzerte. Humor dürfte es hier allenfalls vor dem 19. Jahrhundert gegeben haben, zu Mozarts Zeit, als die Musikalische Akademie 1778 gegründet wurde. Damals sah man vieles lockerer - vor allem musikalisch natürlich.
Umso erfrischender ist das hier: Der Tubist, Echo-Preisträger und Berufsbayer Andreas Hofmeir kommt, wie es seine Art ist, baren Fußes auf die Bühne des fast gefüllten Mannheimer Mozartsaals, grüßt den unverschämt jungen Dirigenten Alexander Prior (23!), setzt sein Rohr an und spielt munter drauflos. Nicht irgendetwas. Nein. Es ist Ralph Vaughan Williams' virtuoses Tuba-Konzert f-Moll von 1954, und Hofmeir lässt gleich mit der rasanten, bluesartigen c-es-f-es-f-Kombination keinen Zweifel, dass er die Gesetze der Natur - also Gravitation und Trägheit der Masse - außer Kraft setzen wird.
Leichtfüßig steuert er sein schweres Gerät durch das mitunter dramatisch aufbrausende Prélude, das durch rhythmische Motorik in Prokofjew-Manier genauso gekennzeichnet ist wie durch eine gewisse klangliche Prächtigkeit. So richtig faszinierend wird das Ganze aber in der Romanze: Hier bringt Hofmeir quasi Steine und Felsen zum Weinen und Klagen. Schon wenn er ganz einfach mit der D-Dur-Tonleiter einsetzt, erreicht sein Ton in diesem hellen, leuchtenden D-Dur-Stück, das das Nationaltheaterorchester unter Prior homogen und kultiviert spielt, fast die Wärme und Beseeltheit eines Horns oder Fagotts im höheren Register. Das ist wirklich faszinierend. Und dass im finalen Rondo alla tedesca mit den vielen Trillern und fix ablaufenden Themen und Motiven kein Gefühlsstein auf dem anderen bleibt und Hofmeir flexibel, elastisch und tonschön phrasiert, versteht sich (fast) von selbst.
Auch, dass es eine Zugabe gibt; und man weiß gar nicht, was da schöner ist: die Telemann-Fantasie für Flöte, die Hofmeir solo auf der Tuba spielt, oder er selbst. Denn der Mann ist nicht weniger als Entertainer. Er zieht sich selbst, sein Instrument, aber auch alles andere lustig durch den Kakao.
Beispiel gefällig? Warum er Tubist geworden ist, sei klar: Das seien die, die nicht üben, trotzdem mitspielen und zudem besser verdienen, das heißt: Er habe gezählt, dass ein Geiger in Dvoráks "Neunter" 20 000 Töne spielen müsse, ein Tubist hingegen - sieben, und da beide das Gleiche verdienen, mache das doch ein deutlich höheres Pro-Ton-Einkommen beim Tubisten. Heiteres Gelächter, ausgelassene Stimmung (sogar im Orchester) sind da die Folge. So lustig war es noch nie im Akademiekonzert (auch wenn wir anno 1778 noch nicht dabei waren).
Auch das Restprogramm des Abends ist leichter als sonst. Mit Gershwins symphonischem Bild "Porgy and Bess" samt "Summertime"-Zitat, Banjo-Solo und vielem mehr begann der Abend überraschend, weil diese Musik einem immer wieder vor Augen führt, wie unterschiedlich die Welten dies- und jenseits des Atlantiks sind. Ein Hauch Broadway oder Hollywood bleibt da immer in den Ohren hängen, und beeindruckend war, mit welcher Perfektion Prior am Pult das Orchester zusammenhielt. Rhythmisch war das wirklich mal wieder sehr gut.
Das große Werk aber ist die "Dritte" von Aaron Copland aus dessen eher tonal geprägter Nachkriegsphase (1946), die stilistisch zwischen Spätromantik, Neoklassik und Breitwandsound changiert. Effektvoll ist diese Musik gewiss und wird von den Streichern innig und warm, von den Bläsern und vom Schlagzeug immer wieder auch brillant bis grell interpretiert. Dennoch stellen sich auf Dauer Müdigkeit und eine gewisse Leere ein, die aus dem Eindruck entsteht, hier würde etwas hohl Effekt an Effekt gereiht, ohne dass dazwischen auch Nennenswertes, Wichtiges verhandelt würde (auch dies sicherlich ein rein europäischer Einwand, der krasse kulturelle Unterschiede markiert).
Trotzdem: Am Ende bleibt ein überaus positives Fazit. Mit einem erfrischenden Programm und erfrischenden Gästen wird hier ein verkrustetes Klassik-Format aufgebrochen, das im demografischen Wandel wohl immer mehr hinterfragt werden wird. Viel Beifall!

Von Markus Pacher © Die Rheinpfalz, Mittwoch, 11.11.2015
Andreas Hofmeir zählt zu den vielseitigsten und aufregendsten Instrumentalisten der Gegenwart. Bei den beiden Heimspielen des Nationaltheaterorchesters jetzt im Mannheimer Rosengarten glänzte der Tubist als brillanter Meister des tiefsten Blechs, aber auch als Kabarettist.
Ganz an der Spitze der evolutionären Entwicklung stehe die Tuba als eines der jüngsten Instrumente überhaupt, informierte der musikalische Grenzgänger und ehemalige Tubist der bayerischen Kultband La Brass Banda, die Blasmusik mit Pop vereint. Durch sie wurde Hofmeir, 37, zu einem der best-bezahltesten Musiker seiner Zunft: Sein Pro-Ton-Einkommen als Tubist betrage nach eigener Berechnung 21,43 Euro. Ein erster Geiger verdiene statistisch gesehen nur 3,5 Cent pro Ton.
Die Tuba: Ein mächtiges Instrument mit einem mächtigen Klang. Aber geht’s auch leise? Der Urbayer beantwortet diese Frage am Beispiel des Tubakonzerts in f-moll von Ralph Vaughan Williams. Der Nationalkomponist Englands hat die Bläser geliebt und sich mit dem sehr kurzen musikalischen Schmankerl einen humoristisch gefärbten Ausreißer erlaubt. Eine himmelweit von Weißwurst-Äquator und Bierzeltrummel entfernte Musik. Freilich, es bedarf schon sehr viel Fantasie, um in der umgearbeiteten Flötenfantasie von Telemann die Flöte zu erkennen. Aber damit sind wir schon bei der Zugabe, dem 1954 komponierten ersten Tubakonzert der Musikgeschichte.
Zuvor verrichteten vor allem die Bläser Schwerstarbeit. So pfiffig wie der Konzerttitel „Porgy and Brass“ in Anspielung auf die eingangs präsentierte sinfonische „Porgy and Bess“-Studie in einem Arrangement von Robert Russell Bennet erweist sich die Interpretation unter der Stabführung von Alexander Prior. Gerade mal 24 Jahre jung befindet sich der Sohn eines Engländers und einer Russin auf dem Weg zur Weltspitze. In Mannheim erlebt ihn das Publikum als eine unglaublich virile Dirigentenpersönlichkeit: hellwach und unmissverständlich klar in seiner Zeichengebung, gesegnet mit einem grandiosen Gefühl für klangliche Details. In Gershwins Opernpotpourri entdeckt er den Jazz, hebt mit dem Nationaltheaterorchester wunderbar präzise den König der Synkopen auf den Thron, kurzum: demonstriert mit jeder Geste und jedem Taktschlag die Kraft und Begeisterungsfähigkeit der Jugend.
Nach Gershwin tobt der Saal, bevor Andreas Hofmeir als weiterer junger Sympathieträger die Bühne betritt, der mit seinem Charme und Witz vor allem die Damenwelt erobert. Treibende Rhythmen, empathische Motive und ganz viel Tschingderassabum: Aaron Copland, der Prototyp des US-amerikanischen Komponisten gelingt mit seiner 3. Sinfonie, einer Liebeserklärung an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Befreiungsschlag gegenüber der europäischen Musik. Alex Prior und die Mitglieder des Nationaltheaterorchesters beschwören Bilder weiter amerikanischer Ebenen herauf, bringen die vielschichtigen Orchesterfarben zum Glänzen und zitieren mit dramatischer Entschlossenheit das Finale mit Coplands melodischem Opus Magnum, der berühmten „Fanfare for the common man“.


 

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05./06.10.2015, Rosengarten
1. AKADEMIEKONZERT
Dirigent: John Fiore
Klavier: Lise de la Salle
Werke von Martinu, Rachmaninov und Bartók

1. AKADEMIEKONZERT
1. AKADEMIEKONZERT

Hans-Günter Fischer © Mannheimer Morgen, Mittwoch, 07.10.2015

... „ein brillianter Auftakt“ ... lockt mit Martinu, Rachmaninov und Bartók ... Bohuslav Martinus im Jahre 1953 komponierte "Ouvertüre" huscht rasch vorüber Der Komponist hatte es häufig eilig, er war fast berüchtigt produktiv. Ein Vielschreiber. Ein Stück zum Warmspielen.
„Und das  gelingt auch: In Sergej Rachmaninows fis-Moll-Klavierkonzert, dem offiziellen Opus 1 des späten Spätromantikers, sind es die Nationaltheater-Streicher, die das Sehnende und "russisch Seelenvolle" ... den berühmten, unverwechselbaren dunklen Zauber von Rachmaninow, auch schon in diesem Frühwerk unterstreichen. ... Dabei gilt Lise de la Salle, noch keine 30 Jahre alt, aber schon eine kleine Ewigkeit auf den Konzertpodien aktiv, als diesbezüglich hochsensibel. Dass ihr Flügel tendenziell ein Schlagzeug sei, wolle sie überspielen, hat sie mal gesagt. Sie wolle ihn zum Singen bringen. Das Rachmaninow-Konzert beginnt sie freilich eher unnachgiebig, Draht, Metallträger und gut verleimtes hartes Holz werden als Materialien ihres Instruments gut hörbar. Plüsch und Sülze haben keinen Platz, Rachmaninow, der hier noch (im Harmonischen) Tschaikowsky nacheifert, ja sogar Grieg und Schumann folgt, wirkt unsentimental und wird mit eher trockener Brillanz serviert. Riesigen Applaus gibt es in Mannheim trotzdem. De la Salle sagt: "Danke. Und jetzt Bach." Das muss genügen. Tut es auch, denn sie spielt das berühmte Siciliano aus der Es-Dur-Sonate für Flöte und Cembalo. Eine Bearbeitung mithin, und selbst die Echtheit der Sonate wird gelegentlich bestritten. Doch der Bach-Effekt tritt trotzdem ein: der Blick in eine Tiefe, die gerade dadurch unausschöpfbar ist, weil sie nicht viele Töne braucht. Und das Klavier fängt wie von selbst zu singen an.“
„Das Hauptwerk des Konzerts ist dennoch Béla Bartóks spätes "Konzert für Orchester", eine Summe seines Schaffens. Dirigent John Fiore, seit 2009 in Oslo Opernchef, ist offenbar ein Mann mit Appetit. Auch musikalisch: In der Zeit davor, als Düsseldorfer Generalmusikdirektor, hat Fiore einmal 17 unterschiedliche Musiktheaterproduktionen dirigiert - in einer Spielzeit. Doch in Mannheim setzt er nicht auf Quantität. Auch nicht auf Hypervirtuosität, Bartóks Konzert verbreitet keinen Chromglanz "Made in USA" - wo es geschrieben wurde -, sondern bleibt organisch, fast naturnah. Nur die Galligkeit des übelmeinenden Lehár-Zitats ("Heut' geh' ich ins Maxim") kommt scharf heraus. Und von den Streichern kommen immer wieder klare Ansagen, am ersten Geigenpult sitzt Olga Pogorelova, die man zuvor schon bei der Staatsphilharmonie in Ludwigshafen schätzen lernte. Die Besucher sind am Schluss zufrieden ...“


Von Rebekka Sambale © Die Rheinpfalz, Mittwoch, 07.10.2015

 
„Eine ebenso interessante wie eigenwillige Solistin am Klavier; ansonsten solides sinfonisches Musizieren, in der Dynamik durchdacht. Das Orchester des Nationaltheaters Mannheim eröffnete unter Gastdirigent John Fiore die neue Saison der Akademiekonzerte im Rosengarten Mannheim.
Zartes Spiel ist nicht ihre Sache. Lise de la Salle – 27, Französin, lebt in New York, klavierwundergehandeltes Talent – gestaltet das Klavierkonzert Nr. 1 von Sergej Rachmaninov trotzig, beinahe ruppig. Sie ist eine Pianistin, die zupackt. Zumindest im ersten Satz schlägt sie dabei dermaßen bestimmt die Tasten an, dass man fürchtet, eine differenzierte Interpretation bleibe aus. Vollkommen unbegründet, denn, was de la Salles spielerische Qualität ausmacht, kann sie bei diesem Werk des einst selbst großen Pianisten gut zeigen.Rachmaninov komponierte statt kurzer Soloteile für das Klavier lieber ausufernd lange Elegien, in denen hier nur Lisa de la Salles Spiel im Mozartsaal klingt. Doch auch in diesen reinen Tasten-Passagen lässt sie die gesamte Orchesterfülle aufleben, spielt vielschichtig, aber eben auch vehement. Bis sie – ach, sieh’ mal an – im zweiten Satz die Nachdenklichkeit für sich entdeckt. Ihr Anschlag wird weicher. Wie dieser und das Nationaltheaterorchester sich umfließen, ist herrlich. Ein bis dato eher unspektakuläres Konzert wird zum Genuss. Augen schließen für den friedvollen Schlussklang. Im dritten Satz dann sind de la Salles Finger schnell und flockig unterwegs, es ist ein Aus-dem-Handgelenk-Spielen.
Wie das verzärtelte Spiel ist auch das Applausgenießen scheinbar nicht so ganz de la Salles Sache. Sie nickt freundlich zum Publikum, klatscht für das Orchester, ein wenig verschämt. Ein kurzes „vielen Dank“ und dann noch ein hinterhergeschobenes „Bach“ als knappe Information zur Zugabe. Das Siciliano des Barockkomponisten – eigentlich für Flöte – spielt sie dann auch bachmäßig gemäßigt, also nie dick aufgetragen und schwelgend.
Neben einer unaufregenden Overture H. 345 von Bohuslav Martinu gab es noch das 1944 uraufgeführte, von Béla Bartók komponierte Konzert für Orchester, das dieser in den USA schrieb; fern der ungarischen Heimat, unglücklich, sehnsüchtig. Am Pult im Rosengarten dann auch ein US-amerikanischer Dirigent: John Fiore, Musikdirektor der Den Norske Opera in Oslo. Opernerfahren also. Vielleicht erklärt dies auch seine hohe, ausladende Armbewegung über sonst eher statischer Haltung. Das Orchester spielt zwar schön dynamikdifferenziert: der sehr leise Anfang, zwischendurch lautes Aufbrausen. Dennoch: Die große, überzeugende Ausgestaltung fehlt. Die kann Fiore mit seinem Dirigat bei diesem Werk nicht vermitteln.“ 


 

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