Pressestimmen Schauspiel Spielzeit 2007/2008


Psychose 4.48

Michael Fuchs spricht und spielt die aneinander gereihten Sprachfetzen und psychotischen Dialoge mit einem ernsten Kampf um jeden Gedanken. Dieser Kampf wäre ein einsamer, wenn nicht der zweite Mann mit der Welt der Musik ständig mitarbeiten und mitfühlen würde. Jan Gerdes begleitet, ergänzt und konturiert den artifiziellen Text mit Musik von Bach, Stockhausen und Ligeti. Auch elektronische Klänge von Erol und eigene Kompositionen geben der Zerrissenheit der Kane-Texte Halt und zuweilen sogar Trost. […] Ein intensiver Abend aus dem Herzen des Theaters.

Die Rheinpfalz




In einer bewegenden Direktheit spielt sich Fuchs durch die knapp einstündige Inszenierung. Es verweben sich hierbei Gerdes Klavierspiel und elektronische Klangschlingen mit den Textfragmenten zu einem Balanceakt zwischen Pathos und nüchterner Beschreibung. Michael Fuchs bedient sich starker Bilder, um die innere Zerrissenheit zu zeigen.

Mannheimer Morgen



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Baumeister Solness

Mit Ibsens „Baumeister Solness“ hat Burkhard C. Kosminski erstmals ein Stück des norwegischen Dramatikers inszeniert, und es ist ihm gleich ein großer Wurf gelungen. Vielleicht ist dies Kosminskis bislang beste Regiearbeit am Mannheimer Nationaltheater. Die Textfassung von Peter Zadeks legendärer Münchner „Solness“-Inszenierung von 1983, die Ibsens Werk in die Gegenwart holte, hat Kosminski noch einmal gekürzt. Das Stück wurde mit einem Ensemble auf die Bühne gebracht, das bis in die Nebenrollen hinein die Vieldeutigkeiten der Vorlage perfekt ausleuchtet. Ein großer Theaterabend. […]



Jede Szene eröffnet Einblicke in ein ganzes Leben. Sehr konzentriert und detailversessen ist diese Inszenierung bis in ihre Ränder, wunderbar stimmig das Gesamtbild, das daraus entsteht.

Die Rheinpfalz




[…] In Mannheim lassen der Regisseur Burkhard C. Kosminski und der Autor Reto Finger als Dramaturg eine stark (auf eineinhalb Stunden) gekürzte Fassung spielen, die trotz (oder gerade wegen?) der Reduktion, die sie an der Komplexität des Charakters von Solness vornimmt, überraschend schlüssig ist.



Dafür sorgt vor allem Edgar M. Böhlke in der Rolle des Baumeisters. Der Schauspieler, kurzes weißes Haar, markanter Schädel, elastischer Gang, jederzeit spürbare Körperspannung, ist in seinem direkten Zugriff auf unterschiedliche Stimmungslagen der Figur außerordentlich geistesgegenwärtig: Heftig erregt durch die Mädchen, körperlich durch Katja, nach neuem Leben gierend durch Hilde; knallhart in der Absage an den jungen Mitarbeiter und der Zurückweisung von dessen Vater (bemerkenswert anrührend: Peter Rühring); von bitterlicher Schärfe in der Beurteilung der eigenen Existenz Hilde gegenüber.[…] Weil Böhlke, der jede Situation souverän führt und bestimmt, alles Sentimentale und gar larmoyantes Selbstmitleid fremd ist, wirkt sein Solness sympathischer als die Figur bei Ibsen. Ein tüchtiger Zeitgenosse, widersprüchlich, aber ganz klar. […]

Frankfurter Rundschau




An Ibsen wagt er sich […] das erste Mal. Und siehe da: Ausgerechnet mit den weitschweifigen Dialogen des patriarchalen Schwerenöters Solness mit dem kessen Fräulein Wangel gelingt ihm ein großer Wurf. Zum einen liegt das an der mit Reto Finger erstellten Strichfassung. Sie ergibt eine derart homogene Spielvorlage, dass die Inszenierung sich genau auf die Befindlichkeiten im großbürgerlichen Architekten-Loft fokussieren kann.

Florian Etti hat einen Design-Traum aus Stahl und Glas gebaut, worin es Aline Solness mit einem Mann zu tun hat, den es zu blutjungen Frauen zieht. Gabriela Badura macht aus der enttäuschten Gattin eine dunkel umflorte, sarkastische Frau, die der vagabundierenden Libido des Gatten mit spitzen Kommentaren beizukommen versucht. Dass auch die junge Buchhalterin Katja auf des Baumeisters Speiseplan steht, deutet Ibsen nur an, Kosminski akzentuiert es stark. Mit Silja von Kriegstein hat er ein Fräulein Foslo in Gestalt eines heutigen, zielstrebigen Mädchens, das hinter dem Rücken ihres Verlobten auf Tuchfühlung mit dem Mittfünfziger geht. […]

Süddeutsche Zeitung




Isabelle Barth, die neu im Mannheimer Ensemble ist, lässt in der Rolle der Hilde Wangel beachtliches Talent erkennen.

Rhein-Neckar-Zeitung



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Call Cutta in a Box

[…] Da angeblich jeder um sechs Ecken oder so mit jedem anderen Menschen bekannt ist, kann man es bei ausreichender Entschlossenheit bestimmt auch selbst arrangieren, sich mal eine Stunde lang mit einem Inder zu unterhalten. Aber es erfordert Mühe. Und es wäre wohl nicht so spielerisch, so nett, weil „Call Cutta“ ein Freiraum ist, wie ihn nur das Etikett „Kunst“ oder „Theater“ schaffen kann. Wir sind ja einen Pakt eingegangen, treten ja quasi in einer Inszenierung auf, sind aber trotzdem unter uns. […]


Mit Karl-Marx-Forschern und Modelleisenbahn-Enthusiasten haben uns Rimini-Protokoll schon bekannt gemacht […]. Nun also mit einem Inder, der – gefühlt – höchstens ein paar Kilometer weit weg ist. Erstaunlich viele Erfahrungen teilt man mit ihm. Aber vielleicht findet man das auch nur erstaunlich, weil man voll Vorurteilen steckt. Doch egal, wie viele man in der knappen Stunde revidieren muss: So beteiligt ist man an „Call Cutta“, dass man kaum anders kann, als hingerissen zu sein von diesem „interkontinentalen Telefonstück“. […]

Frankfurter Rundschau




[…] Mira verwickelt mich in ein Gespräch, das wie im „richtigen“ Theater in vier Akte gegliedert ist. Den Besuchern wird dabei trickreich eingeheizt, sie schmecken nicht nur Heißes, sondern auch Scharfes – und erleben lauter kuriose Überraschungen, die hier nicht verraten werden, damit sie überraschend bleiben. Trotzdem wird jede „Vorstellung“ ganz individuell verlaufen, aber die Botschaft, wie und zu welchen Bedingungen das globale Marketing funktioniert, kommt an. […]

Die Rheinpfalz

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Die Sturheit

Spregelburds Rollenschlagabtausch, logistisch brillant verwirklicht, ist für die Akteure ein Fest – und sie feiern mit Lust. […]

Die gordischen Handlungsknoten, die Rafael Spregelburd knüpft, sind ungemein amüsant.

Frankfurter Allgemeine Zeitung




Die Sturheit“ ist ein Stück, das allein schon wegen seiner Komplexität extrem schwer zu inszenieren ist. Kosminski hat es mit fünf bestens aufgelegten Schauspielern, die insgesamt 20 Rollen spielen, typengenau, mehr als flott, passgenau, aufgekratzt komisch und genregerecht umgesetzt.

Frankfurter Rundschau




Das Theater bietet uns Chaos, Täuschung, Lüge und ist damit ein perfektes Abbild unserer Welt. Und Kosminski setzt in seiner Inszenierung noch eins drauf, lässt in dem Bühnenprovisorium, das Florian Etti aus Pappwänden, Parkettstücken und Dekor-Resten zusammengeschlampt hat, lustvoll chargieren und persiflieren, zeigt uns die rasende Komödie und die Abgründe der Welt.

Die Rheinpfalz




Eine Wiederholung aus anderer Perspektive, die nachgeschaltete Gleichzeitigkeit als vermeintliches Déjà-vu-Erlebnis mit theaterpraktischem Hintergrund. […] Rasch zeigt sich, dass Burkhard C. Kosminski, der „Die Sturheit“ in Frankfurt und Mannheim als Uraufführung herausbrachte, solche formale Erweiterung geschickt zu nutzen weiß.

Mannheimer Morgen




Eine dramaturgische Glanzleistung ist schon die Verschränkung der drei Akte, die gleichzeitig im Salon, Schlafzimmer und Garten von Plancs Haus spielen, deren Parallelität sich dem Zuschauer aber erst in der zeitlich gestaffelten Abfolge erschließt. Bewundernswert auch die mit viel Witz und guten Argumenten betriebene Unterhöhlung jedweder vermeintlich richtigen Haltung und wahren Erkenntnis.

Rhein-Neckar-Zeitung




Ein außerordentlich kluges Stück Theater, gut gebaut, mit ausnahmslos schrulligen Figuren und pointierten Dialogen.

www.nachkritik.de



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Einsame Menschen

[…] Sven Prietz gibt den jungen Naturforscher Johannes Vockerat als nervösen, gereizten Charakter, hin- und hergerissen zwi­schen seinem konventionellen Familien­leben und dem Wunsch nach „grenzenlo­ser Unabhängigkeit". Auf den spröde-theorielastigen Freigeist wirkt die so ungebundene wie gebildete Anna - frisch, locker und stark dargestellt von Nadine Schwitter - wie ein belebender Windhauch. Anna kommt selbst noch bei Schneefall in freizügig-knackigem Outfit daher (Kostüme: linke Schlegel). Aber wie genau die Grenze zwischen ihrer körperlichen und geistigen Anziehungskraft auf Johannes verläuft, bleibt letztlich unklar.


Jedoch gerade diese Unschärfe gibt Raum zu sich steigernden Missverständnissen und schließlich zum größtmögli­chen familiären Unfall. In diesem fatalen Prozess durchlebt vor allem Johannes' Frau Käthe ihre ganz eigene Tragödie. Hannah von Peinen spielt die sensible junge Mutter, der zwar immerfort fehlen­de Bildung vorgehalten wird, die aber nichtsdestoweniger über das feinste Sensorium verfügt, das schon früh seismogra­phisch leichte Erschütterungen auf der nach oben offenen Familienskala regis­triert - mit ihrer Seelenbildung lässt sie die wissenschaftlich Gebildeten ziemlich alt aussehen. Der Zuschauer betrachtet die sich anbahnende Katastrophe gewis­sermaßen unter Laborbedingungen. Büh­nenbildnerin Christina Mrosek hat das Haus der Familie mit Glas-Metall-Wän­den umstellt, die eine klare Zuordnung nicht zulassen: Irgendwie erinnern sie an ein abgekapseltes Garten- oder Gewächs­haus, dann aber auch an eine Fabrikhalle und die damit verbundene industrielle Veränderung allen Lebens. Selbst im tie­fen Winter sorgen hier das fehlende Dach und offen stehende Türen für zusätzli­chen Fröstelfaktor.

Vor der Kälte der Welt haben sich Jo­hannes' fromme Eltern stets in den Glau­ben gerettet, wobei die Mutter (Almut Henkel) ein sanft-verständnisvolles We­sen an den Tag legt, während der Vater (Jacques Malan) bei aller Jovialität auch Autorität durchscheinen lässt, die im fi­nalen Showdown deutlich hervortritt. Und spätestens da kommt auch der so auf seine künstlerische Autonomie bedachte Maler Braun (Roman S. Pauls), ein knuffi­ger alter Weggefährte von Johannes und Familienfreund, heftig ins Schleudern.

Regisseurin Cilli Drexel hat die ganze Gemengenlage klar und spannend auf die Bühne gebracht […] Herzlicher Beifall.

Rhein-Neckar-Zeitung




[…] Cilli Drexel hat die Handlung näher an uns herangeholt […] im Zeitalter von Plattenspieler und Pla­teausohlen. Das funktioniert über weite Strecken recht gut, der Text wurde klug eingekürzt, Nebenfiguren und anderer naturalistischer Ballast beseitigt, die Figuren manchmal bis an die Grenze der Karikatur getrieben. Die Bühne von Christina Mrosek ist ein riesiges Glas­haus mit schlierigen Scheiben, ein unan­genehm offener Ort ohne rechten Aus­blick. Den Menschen, die hier leben, bietet der Raum keine Intimität und kei­nen Schutz, am Ende werden Winter und Kälte eindringen, wird Schnee fal­len auf die wenigen Möbel und den im Lauf des Abends stetig gewachsenen Matratzenstapel in der Ecke. […]

Die Rheinpfalz




[…] nach der Pause herrscht Kälte und ist die Luft aus den Luftballons, nicht aber aus dem Abend. […] Der alte Vockerat muss es nun richten, Jacques Malan hat einen großen Auftritt, finanziert die Chose und spricht ein Machtwort wie Donnerhall. Anna muss gehen. Johannes auch. Ins Wasser, in eine freie, selbstbestimmte (gemeinsame) Zukunft? Der Donner der Pistole bleibt jedenfalls aus, der des Applauses steht.

Mannheimer Morgen



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Lilja 4-ever

Solberg emanzipiert sich völlig vom Abbildungsrealismus der filmischen Vorlage. Die Aufführung betont ihren Spielcharakter und büßt dennoch nichts an Authentizität ein. Im Gegenteil […].



Silja von Kriegstein stellt die Lilja mit enormer Intensität dar. Der entsetzte, verzweifelt-empörte Schrei, den sie der Mutter hinterherschickt, der Ekel und die Angst vor den Männern, die rücksichtslos über ihren Körper verfügen, das Aufblühen von Hoffnung, wenn der Lover-Boy seine Nummer abzieht, und schließlich die vernichtende Gewissheit, dass nur noch der Sprung in den Tod ihr aus dieser Hölle heraushelfen kann – all das teilt sich über Gesicht und Körpersprache der Schauspielerin so eindringlich mit, dass es unter die Haut geht. Von ähnlicher Wirkung ist auch Thorsten Danners kleiner trauriger Volodja, der Beschimpfungen und Prügel klaglos einsteckt, vom Fliegen träumt und seine große Liebe Lilja mit scheuer Zärtlichkeit verfolgt.

Taner Sahintürk gibt den vor Kraftmeierei schier berstenden Jung-Macho Juri ebenso überzeugend wie den scheinbar anständigen Lilja-Freund Andrej […]. Meridian Winterberg als Liljas willenlos ihrem Schicksal ergebene Freundin Natascha, Ragna Pitoll in der Dreifachbesetzung Mutter, Tante, Lehrerin und Karl Walter Sprungalas präzis umrissener Prototyp des skrupellosen Zuhälters ergänzen das beeindruckende Ensemble.

Rhein-Neckar-Zeitung




Nationaltheater-Hausregisseur Simon Solberg platziert bei seiner Inszenierung von „Lilja 4-ever“ seine Protagonisten in zwei namenlose Welten: die eine ein Slum, eine mit lautem, atemlosen Leben und flatternden Herzschlag beseelte Favela aus grob gezimmerten Bretterverschlägen, Plastik und Autoreifen (Bühne: Thimo Plath). Die andere: ein steriler Kosmos von Gewalt und Kälte.

Es gibt Momente bei der Premiere des Stückes im Mannheimer Studio Werkhaus, das scheint das Gesehene bei aller Symbolisierung kaum erträglich. Silja von Kriegstein agiert grandios zwischen fiebriger Sehnsucht und verzweifeltem Schmerz […]

Solbergs „Lilja“ ist ein berührend gespieltes und inszeniertes, erschütterndes Märchen […].

Mannheimer Morgen




Es ist ungeheuerlich, was das Theater erreichen kann, sobald es etwas zu erzählen hat und die geeigneten Mittel dafür findet.

Frankfurter Rundschau



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Medea

Gespielt wird vor dem Eisernen Vorhang nahezu ohne Requisiten in heutigem Outfit (Bühne: Kathrin Schlecht, Kostüme: Katherina Kopp). Auch die wenigen Chrom-Leder-Möbel sprechen nur dezent von der Aktualität des Stoffes. Aber dieser inszenatorische Minimalismus geht auf: In der Weite der Bühne kann sich die ganze Wucht und Explosivität der Medea-Figur entfalten. […]


Die Mannheimer Fassung der „Medea“ fokussiert […] entsprechend der differenzierten Vorlage Grillparzers nicht auf einen Einzelaspekt, sondern gestaltet die Handlung als ein dynamisches Geschehen, das sich dramatisch aufschaukelt und nicht auf der Bühne, sondern schließlich im Kopf der Zuschauer in den großen Showdown mündet. Wobei die Zuschauer vor allem Zuhörer sind. Denn Schönheit und Schrecklichkeit der Sprache sind das eigentliche Ereignis des Abends (Sprachcoaching: Peter Georg Bärtsch). […]

Rhein-Neckar-Zeitung




[…]Mit einer fabelhaften Ragna Pitoll als Medea, die in ihren Empfindungen wunderbar frei ist von allen Mühen des Verstellens, kein Schreckensantlitz, keine Leidensgrimasse, eine Einsame und Gejagte, eine früh verfinsterte, die noch im Moment der Rache maßlos erstaunt ist über das, was die Not dem Menschen so alles abverlangen kann.[…]

Mannheimer Morgen




[…]die Regisseurin Lisa Nielebock schält aus Franz Grillparzers Version des Medea-Stoffes, dem letzten Teil der Trilogie „Das Goldene Vlies“, die Antwort heraus. Sie hat den Text auf gut achtzig Minuten gekürzt und geringfügig um Ausschnitte aus der Medea-Tragödie des Euripides erweitert, sie legt schonungslos die Motive offen, sie rückt die Tragödie dicht an den Zuschauer heran, ohne doch den Raum der öffentlichen Debatte zu verlassen.

Die Figuren geben Auskunft über sich und erforschen einander. Mehr geschieht nicht, und das ist so spannend, wie eine präzise und konzentrierte Analyse nur sein kann.[…]

Darmstädter Echo



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Nah und hoch hinaus

[…] In „Nah und hoch hinaus“ geht es um einen liebenden Vater, eine irritierte Tochter und um die Schwierigkeiten des Miteinander-Sprechens. […]


In Langeneggers sprachlich genauem und dramaturgisch perfekt gebautem Stück erfährt der Zuschauer die Geschichte aus den Gesprächen, die Vater und Tochter an zwei folgenden Tagen mit dem Hüttenwirt führen. […] Christiane J. Schneider hat Langeneggers Text zurecht vertraut, hat in ihrer Inszenierung im Werkhaus alles ganz einfach belassen. Bühnenbildnerin Anke Niehammer deutet mit drei Bretterstapeln und einer riesigen Skulptur aus Wasserflaschen Berg und Kälte an. Die drei Darsteller sind immer gleichzeitig auf der Bühne. Dass hier Dialoge verschränkt werden, die mit 24 Stunden Abstand stattfinden, hat der Zuschauer auch ohne Licht- und Ortswechsel bald durchschaut. Isabelle Höpfner spielt Alice als coole Erfolgsfrau, die dem Verstoß des Vaters lange voller Skepsis und Misstrauen begegnet. Jacques Malan zeigt diesen als sturen Lebensgrübler, der viele Jahre unwissend durch die Welt lief und zu wissen glaubt, wohin er will. Dazwischen der wortkarg-verständnisvolle Hüttenwirt des Jens Atzorn, der nicht hineingezogen werden möchte in diese Vater-Tochter-Sache, und doch nicht aufhören kann, die beiden zum Sprechen zu bringen.

Die Rheinpfalz




[...] Diesmal geht es um eine ausgesprochen unausgesprochene Vater-Tochter-Beziehung, die uns der Schweizer Jungautor Lorenz Langenegger, ein sprachbegabter junger Mann, konstruktions- und verschränkungsfreudig, vorstellt […]

Kommt sie oder kommt sie nicht, die Tochter? Was ist passiert zwischen den beiden? Damals im Kinderzimmer oder auch im Kongresshotel, als er sie plötzlich zum Wandern einladen wollte. Sie kommt nicht, die an der Schlafkrankheit leidende wie forschende Biochemikerin, die Isabelle Höpfner als verklemmte Kühle mit beruflichem Überehrgeiz gibt. Man hört ihr gerne zu, ist die junge Schauspielerin doch eine grandiose Sprachbewältigerin […]

Mannheimer Morgen




[…] Bei Lorenz Langenegger, einem jungen Schweizer Theaterautor, brennt ein älterer Herr für eine junge Frau – das Ganze wirkt insofern tragisch, als er ihr Vater ist und schon mal eifersüchtig in das Hotelzimmer trampelt, wo sie gerade mit einem Kollegen im Bett ist. Das Bett der Tochter sei sein Gehege, meint er. Immerhin saß er da früher an der Kante und sah ihr beim Schlafen zu. Da das nicht mehr geht, will er sich mit ihr zu seinem 65. Geburtstag noch mal auf einer Hütte treffen und eine Bergwanderung nachholen.

Inzestuöse Verwicklungen sind bei jungen Theaterautoren derzeit angesagt. In Langeneggers „Nah und hoch hinaus“ treffen Vater und Tochter allerdings gar nicht aufeinander. Erst findet sie den Weg zur Hütte nicht, dann ist er schon in Richtung Gipfel aufgebrochen, um sich wieder einmal seine Männlichkeit zu beweisen, wie das seit Goethe vor allem in Spätwerken beliebt ist. […]

Langeneggers Vater ist ein pensionierter Lokführer und nervt nun den Hüttenwirt, der als Verbindungsglied zwischen Vater und Tochter fungiert. Jacques Malan kann durchaus vermitteln, von welchen Verlustängsten so ein Vater geplagt sein kann. […]

Lorenz Langenegger ist nur einer der alpinen Dramatiker, die in Mannheim eine zweite Heimat finden könnten. Der 28-jährige kommt aus der Nähe von Zürich, hat aber wie alle zur Zeit erfolgreichen Schweizer Theaterautoren auf geheimnisvolle Art und Weise mit Bern zu tun. Seine ersten beiden Stücke wurden in Bern uraufgeführt, wo auch Reto Finger geboren wurde. Finger war in der letzten Saison Hausautor am Nationaltheater und lebt inzwischen sogar in Mannheim. […]

Süddeutsche Zeitung



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The Boss of it All

Mit Jubelstürmen ist am Freitagabend die Uraufführung des Theaterstücks „The Boss of it All" aus der Feder des dänischen Filmregisseurs Lars von Trier am Mannheimer Nationaltheater aufgenommen worden.

Die Komödie in Anlehnung an Triers Film „Direktoren for det hele", der im Herbst in deutsche Kinos kommen soll, überzeugte durch ihren Humor und die zum Teil bissige Kritik an der globalisierten Wirtschaftsgesellschaft.

Der IT-Unternehmer Ravn (Edgar M. Böhlke) hat sich zehn Jahre lang in Dänemark durch Ausbeutung seiner Mitarbeiter und geschickte Verträge ein kleines Imperium aufgebaut. Doch sein Erfolg beruht auf einer Lüge: Wenn es brenzlig wird, verweist er immer wieder auf einen „Boss" aus Amerika, von dem er die Befehle erhält und der einzelnen Mitarbeitern fast täglich E-Mails mit Aufträgen schreibt. Der Phantomboss macht sogar einer Mitarbeiterin einen virtuellen Heiratsantrag, damit diese nicht kündigt.

Als Ravn jedoch seine Firma an einen genauso skrupellosen Investor aus Island verkaufen möchte, engagiert er Hals über Kopf den erfolglosen Provinz-Schauspieler Kristoffer (Michael Fuchs), der während einer Woche als „Boss" erst mal von einem aufgebrachten Mitarbeiter verprügelt wird, um anschließend von einer Abteilungsleiterin verführt zu werden.

Doch mit jeder Szene wird die Handlung absurder - bis Kisser (Almut Henkel), die Ex-Frau des Schauspielers, als Anwältin des Investors in das Geschehen eingreift. Sie liebt ihren Mann noch immer, ist aber auch am Vertragsabschluss interessiert und bestärkt den „Boss" Kristoffer, als Ahnungsloser aktiv in die Verkaufsgespräche einzugreifen. Nach zahllosen weiteren Verwicklungen rund um die Themen Gewinnmaximierung, Freisetzung von Mitarbeitern und ethischem Handeln in einer rücksichtlosen Economy-Welt sowie Tanzeinlagen mit ABBA-Musik unterschreibt der angebliche Firmenboss dann den Verkaufsvertrag.

Die turbulente Inszenierung von Christiane J. Schneider mit einem riesigen halb-ovalen, schiefen, aus dem Boden ragenden schwarzen Bürotisch als markanter Teil eines IT-Büro-Bühnenbildes von Sandra Meurer entwickelt in den letzten Sekunden viele Ungereimtheiten, die durch schnelle Szenenwechsel mit Lichteffekten (Nicole Berry) verstärkt werden.

Dem zuerst noch lachenden, dann zweifelnd-entsetzten Publikum wird klar, dass die Geschichte um die IT-Firma und den Verkauf selbst nur eine Inszenierung waren. Denn Ex-Frau Kisser wollte ihrem Mann ermöglichen, einmal im „normalen Theater des Lebens" eine große Rolle spielen zu dürfen. Die zweistündige Aufführung hält besonders durch die berührenden und zugleich glaubwürdigen Rolleninterpretationen der Schauspieler bis zuletzt ihre Spannung.

Frankfurter Rundschau online




[…] Offen diskutiert der Autor Handlungsoptionen aus, spielt mit Erwartungen, Wahrscheinlichkeit und Spontaneität. Das dramaturgische Forschungsinteresse, den Dogma-Filmer auf der Bühne genauer zu entdecken, überrascht daher nicht, zumal Lars von Trier die beruflich verordnete Schizophrenie des Schauspielers ohnehin immer mit größter Lust aufgreift. Das Stück hält also trotz aller gehobenen Boulevard-Tendenzen viel Potential und jederzeit doppelten Boden. […]

Theater der Zeit



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Start Up

Drei junge Deutsche fahren mit dem VW-Bus durch den Westen der USA. Irgendwo im Nirgendwo wollen sie einen leerstehenden Laden mieten und ein Theater eröffnen. Dabei würde in diesem Kaff nicht mal ein Striplokal Erfolg haben, sagt Vermieter Ike und schlägt stattdessen vor: „Warum nicht Kuckucksuhren?" Roland Schimmelpfennigs Komödie der kulturellen Kollision von Alter und Neuer Welt ist eine Auftragsarbeit des German Theatre Abroad, das die Farce „Start up" in einer Sieben-Wochen-Tournee über 6000 Kilometer von Pittsburgh bis Los Angeles in Flugzeughangars, Casinos und Lagerhallen zeigen will. Zwei Tage nach der Uraufführung in New York hat Burkhard C. Kosminski am Sonntag in Mannheim die deutschsprachige Erstaufführung herausgebracht

Der Schauspieldirektor des Nationaltheaters setzt auch in seiner zweiten Spielzeit forciert auf neue Dramatik und hat damit weiterhin ein erstaunlich glückliches Händchen. Die fünf Schauspieler strömen mit dem Publikum ins Werkhaus-Studio, beginnen mit einer Leseprobe, entwickeln daraus eine Improvisation und steigen dann mit hübscher Ironie in ihre Rollen ein. Kosminski braucht dafür nur fünf Stühle, Perücken, einen Micky-Maus-Pappkopf, ein ferngesteuertes VW-Bus-Modell und viel Gefühl für den Rhythmus des Textes.

Reinhard Mahlberg stülpt sich graumelierte Dreadlocks über den Schöpf und spielt Ike augenzwinkernd ölig und bauernschlau. Er braucht die Miete der deutschen Aussteiger, um das Gebiss seiner Tochter (Meridian Winterberg mit Afro-Wolle auf dem Kopf) zu sanieren. Die drei Kultur-Kolonialisten (Tim Egloff, Sven Prietz und Hannah von Peinen) kommen mit ihren Perücken daher wie Rockstars der Siebziger. Anfangs schwärmen sie noch von der Kunstgarage, wo es Theater als „Benzin für den Kopf" geben soll, doch am Ende wissen sie auch nicht mehr, ob sie Anspruch oder Erfolg wollen. […]

Der Regisseur hat ein Gespür für den Groove dieses Textes und steigert die Komödie bis zur Party, was wiederum die Akteure mitreißt. Der Spielwitz des Quintetts blitzt in jeder Geste auf. Natürlich könnte man diese Satire stärker schärfen, aber die Mannheimer offenbaren eine derart berstende Freude an ihrem Spiel, das sich solche Bedenken umgehend erledigen.

In achtzig Minuten geht es flott vom D-Day zu 9/11, von Burritos zu Schokoriegeln, von Brangelina in Berlin zur jodelnden Gwen Stefani. Roland Schimmelpfennig lässt Vorurteile und Mythen aufeinanderprallen, und Burkhard C. Kosminski schüttelt die Klischees mit leichter Hand. Das Mannheimer Pop-Theater zeigt, dass man gar nicht quer durch die Staaten tingeln muss, denn Amerika haben wir ja alle im Kopf.

Darmstädter Echo




[…] Schimmelpfennig schickt für sein Stück ein paar idealistische und völlig abgebrannte junge Deutsche in die Wüste, ins amerikanische Herzland, durch das einst die Trecks in Richtung Wilden Westen zogen. […] Schimmelpfennig ist der derzeit international meistgespielte lebende deutschsprachige Dramatiker. Als er kürzlich in Berlin seinen 40. Geburtstag feierte, schenkten ihm die netten Leute seines Bühnenverlags S. Fischer eine Weltkarte, auf der über 200 Fähnchen aufgepflanzt waren, alles Spielorte von Schimmelpfennig-Stücken […] Interessant ist Schimmelpfennigs Stück […] als Manifest einer transatlantischen Unbekümmertheitsbegeisterung, in der die Vorurteils-Raffinerie nur den Treibstoff liefert für fröhliches Entertainment. […] So erzählt „Start Up“ nicht vom Leiden junger Deutscher, sondern von ihrer Sehnsucht nach amerikanischer Leichtigkeit, vom Wunsch, endlich Teil einer großen fröhlichen Weltfamilie sein zu dürfen.

Genau in diesem Sinn […] zeigt der Mannheimer Regisseur (und Schauspieldirektor) Burkhard Kosminski „Start Up“, ein schmissiger Spaß für insgesamt fünf Schauspieler. […] „Mit den richtigen Zähnen kannst du hier alles erreichen“ heißt die amerikanische Losung. Die Kulturbotschafter aus Europa scheinen in dieser Mannheimer Theaterparty wild entschlossen, sich endlich und glücklich von ihrer deutschen Verkniffenheit zu befreien. Aber Vorsicht: das Gespenst des Terrors könnte sie am Ende auch in der schönen Fremde einholen.

Spiegel online




[…] Wie das Ganze im Wilden Westen funktioniert, wissen wir noch nicht. Im Fall von Mannheim dagegen kann man jetzt schon sagen, dass Burkhard C. Kosminski keinen Fehler machte, als er „Start Up“ als Theater im Theater und als Probenprozess inszenierte […]

Theater heute



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Heimgegangen

Er ist der Mann mit dem Blick für die Abgründe im Menschen. Neil LaBute, Dramatiker und Regisseur aus dem amerikanischen Mittelwesten […].

Die Bühne im Werkhaus-Studio ist leer – bis auf einen Sarg und einige Stühle. […] Der Mann, der den Raum betritt, hat sich von der Trauergesellschaft entfernt. […] Ein bisschen spießig, ein bisschen begrenzt, in Maßen zynisch und überaus durchschnittlich scheint Carr der typische Jedermann zu sein. Doch hebt ihn ein gut gehütetes Geheimnis aus der Menge heraus: jenes Geheimnis, das er mit seiner Frau teilte, doch ohne deren Wissen – das Geheimnis seiner Herkunft.

In Mannheim spielt Jacques Malan diesen Mann. Äußerlich dem Idealbild des amerikanischen Mittelwestlers anverwandelt, zeigt er keinerlei Auffälligkeiten. Ein Mann in schwarzem Anzug und weißem Hemd, adrett gescheitelt, glatt rasiert, ein Mann mit sparsamen Gesten, leiser Selbstironie und nur gelegentlichen Ausbrüchen von Temperament. Aber einer, der nicht mehr loslassen kann, wenn er sich einmal in eine Sache verbissen hat: zum Beispiel in die Suche nach seiner leiblichen Mutter.

Wie Jacques Malan, geführt von der ungemein aufmerksamen, den Charakter detailreich durchformenden Regie der jungen Sarah Ross, wie zufällig immer mehr von sich preisgibt, bis hin zu den ödipalen Urgründen seines Lebens, das ist von Anfang an fesselnd und verliert nichts von seiner Spannung. Viel Beifall gab es bei der Premiere für diese außerordentlich intensive Schauspielerleistung und eine ungemein dichte Regiearbeit.

Die Rheinpfalz




[…] LaButes Monolog, der sich eines antiken Themas bemüht, ist bewegend und spannend bis zum Schluss […]

Allgemeine Zeitung Mainz



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Bilder von Männern und Frauen

Etwas Besseres als die Begegnung mit dem jungen Mannheimer Hausregisseur Simon Solberg hätte sich Marcus Braun für die Uraufführung seines neuen Stückes gar nicht wünschen können. Dank einer höchst inspirierten Inszenierung, die bei der Premiere im Werkhaus des Nationaltheaters das Publikum begeisterte, gelang in der Umsetzung des Stoffs genau jene begluckend ganzheitliche Verbindung unterschiedlicher Hälften, die Brauns Figuren vergeblich erstreben. Seine „Bilder von Männern und Frauen" protokollieren fünfzehn Versuche der alten Geschichte, die ewig neu bleibt und immer mindestens ein gebrochenes Herz zurücklässt, doch noch einen dauerhaften Erfolg anzuhängen.

Worte werden zwar mehr als genug gewechselt, doch mangelt es an Taten in der gedankenschweren Vorlage mit ihrem nur skizzenhaft umrissenen Personal: Paul (verkauft Autos) und Mila (macht Scherenschnitte], beide Anfang zwanzig, geraten in die Fänge der zehn Jahre älteren Singles Carus (Galeriebesitzer) und Inga (Frauenärztin). Auch zu Ort und Zeit gibt es nur vage Angaben, die kaum über „Nacht" oder „An einer Theke" hinausgehen. Aber alles, was der bisher eher als Romancier bekannt gewordene Autor an prallem Leben ausgespart hat, liefern Regie und Schauspieler in Hülle und Fülle nach. Den ideal dazu passenden Schauplatz schuf Bühnenbildner Flurin Borg Madsen mit einem allseits von Netzen umspannten Matratzen- und Kissenlager.

In diesem Bestiarium lässt Solberg die vier Liebesuchenden aufeinander los und schickt sie auf eine immer tiefer in die Vergangenheit reichende Reise, die bei jedem Bild in einer anderen Epoche Halt macht, wobei die Kontinuität des Textes wie auch der hm und her wechselnden Beziehungen stets gewahrt bleibt. Das turbulente Spiel beginnt schätzungsweise im Jahr 2100 bei Paul und Mila, die in silberfarbenen futuristisch anmutenden Körperstrümpfen stecken und schon in der Gegenwart gelandet sind, wenn sie mit Carus und Inga zusammentreffen. […]

Eine echte Herausforderung für Silja von Kriegstein (Inga), Meridian Winterberg (Mila), Michael Fuchs (Carus) und Stefko Hanushevsky (Paul), der sich das zur Hochform auflaufende Darsteller- Quartett mehr als gewachsen zeigt. Ein Sonderlob gebührt Kostümbildnerin Janine Werthmann, die mit viel Fantasie und wenig Aufwand die durchgängig getragenen silbernen Körperstrümpfe den wechselnden Zeitepochen immer wieder neu anpasst, ohne dabei die Gesamtästhetik der Ausstattung aus dem Auge zu verlieren. – Fazit: Unterhaltung auf hohem Niveau, spannend von der ersten bis zur letzten Minute!

Rhein-Neckar-Zeitung




[…] Geschlechterkampf mit Keulen und Antimaterie […] eine intergalaktische Kissenschlacht […]

Frankfurter Allgemeine



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Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

[…] Die verbalen, mitunter auch körperlichen Attacken finden in der Inszenierung von András Fricsay punktgenau ihr Ziel. […]

Viel zu deuten gibt es bei Albee nicht, Sein grausamer Dialogwitz, sein attraktiv gnadenloser Bück, auf die bizarr zerklüfteten Landschaften menschlicher Seelen erzählen von den Beschwerlichkeiten der Erwachsenenwelt, von unerfüllbaren Kinderträumen und der unbelehrbaren Sehnsucht danach. Auch die Schuldfrage ist rasch geklärt. Alle sind Opfer, niemand Täter. Die Ehe ist ein Gefängnis, ein Tribunal über unerfüllte Hoffnungen, und das gemeinsame Leben gerät zum öffentlichen Schaukampf, der alle Beteiligten in alten und neuen Wunden böse stochern lässt.

Dennoch: In Mannheim wird in der Übersetzung von Alissa und Martin Walser niemand zerfleischt, die Schläge treffen, aber sie nehmen den Kämpfenden nicht die Luft. Gerade so, als wüsste man, dass hier keiner ausweichen kann ins tröstende Paradies, dass es anschließend irgendwie weitergehen muss in dieser Hölle der Zweisamkeit. Eine Strategie, die Andrea Bürgin als Martha meisterhaft beherrscht. Ladyhaft und Schlampe zugleich verkörpert sie im wehenden Umhang (Kostüme: Marette Oppenberg) nicht nur pralle Sinnlichkeit; sondern umkreist auch konsequent ihre Erwartungen und Enttäuschungen, schimpft George einen beruflichen Versager, obwohl sie weiß, dass nur er ihr jene bergende Zuwendung bietet, um die sie bettelt, die sie aber nicht annehmen kann. Rüdiger Hacker spielt ihn den eleganten George, dessen wohlfrisierte graue Haarpracht auch dann nicht verrutscht, wenn er handgreiflich wird. Ein Entertainer der Vernunft im dunklen Anzug. Ihn, den Ehe-Routinier, für den nichts realer ist als die Wirklichkeit, kann nur noch wenig desillusionieren, denn er, ein Historiker, kennt die Spielregeln und wacht grausam penibel über ihre Einhaltung. Auch das junge Ehepaar Nick und Süße ist mit Jens Atzorn und Isabelle Höpfner ausgezeichnet besetzt: Er zeigt einen Macho mit aufmüpfigen Akzenten und wachsender, alkoholbedingter Unverschämtheit; sie ist eine etwas einseitig angelegte zappelig hysterische „Muschi", zickig schrill vor allem dann, wenn es gilt, die eigenen Peinlichkeiten zu übertönen. Vortreffliche Schauspieler, ein tolles Bühnenbild, eine klare Regiekonzeption […].

Mannheimer Morgen



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Clavigo

Am Ende, als alles gesagt und bedacht ist und die letzten Hoffnungen begraben, da wird aufgeräumt. Marie, die verschmähte Verlobte, liegt tot in der Plastikwanne, im angeschmutzten Brautkleid und mit gebrochenem Herzen. Sogar die weiße Abschiedsrose musste die Unglückliche sich eigenhändig auf den sterbenden Leib legen. Drumherum hat sich viel Unrat angesammelt, Papierbögen mit misslungener Poesie, umgekippte Gießkannen und traurige Blumentöpfe, schmuddelige Wasserpfützen. Für ein wenig Ordnung sorgt Carlos, Clavigos Freund und Berater, der diesem auch die Trennung von der weinerlichen Braut empfahl, damit dem weiteren Aufstieg des neuen Literaturstars am Hofe nichts entgegenstünde. […]

Goethes Bühnenerstling von 1774 beruht auf einem tatsächlichen Vorfall, den der französische Autor Beaumarchais, prominenter Verfasser der Komödien „Der Barbier von Sevilla“ und „Figaros Hochzeit“, in seiner Autobiographie schildert. Um das zweimal gebrochene Heiratsversprechen gegenüber seiner in Spanien lebenden Schwester zu rächen, rang Beaumarchais dem königlichen Archivar José Clavijo y Fajardo eine Ehrenerklärung für die Verlassene ab, verbreitete die Geschichte bei Hofe und brachte den Treulosen auf diese Weise um Amt und Würden. Innerhalb einer Woche machte Goethe daraus ein bürgerliches Trauerspiel, mit einem labilen, zwischen privatem Glück und öffentlichem Erfolg hin und her gerissenen Clavigo, einer antriebslos leidenden Marie Beaumarchais und einem moralisch auftrumpfenden Bruder. […]

Christiane J. Schneider nahm die moralgesättigte Geschichte von der heiteren Seite, kürzte, stellte um, verzahnte Szenen zum Zwecke größerer Dynamik. Die fünf verbliebenen Figuren setzte sie auf einer kreisrunden Spielfläche aus, umgeben von hohen Wänden und viel vergnüglichem Nass (Bühne von Adriane Westerbarkey). Hannah von Peinen als Marie durfte ausgiebig Blumen gießen und ihren Liebeskummer im überlaufenden Wasser ertränken. Überhaupt war die einstmals Angebetete eine ziemlich tapsige Trutsche, eine Heulsuse im Schlamperlook, was den Sinneswandel des smarten Clavigo immerhin nachvollziehbar macht. Auch Taner Sahintürk schwelgte erstmal in schlampiger Verzweiflung, spritzte pubertär mit dem Wasserschlauch, planschte nackt in der Wanne und machte beim ersten Treffen mit Beaumarchais (Thorsten Danner) keine bella figura. Vom pragmatisch gerissenen Carlos (Tim Egloff) mit Café Latte to go und klaren Worten wieder zurück auf die Erfolgsspur gebracht, gab er dann doch ganz passabel den coolen Popliteraten, der sich anschickt, die Bestsellerlisten zu stürmen. Ragna Pitoll als Maries Schwester Sophie versuchte da vergeblich, mit bunten Girlanden und einfühlsamen Gedanken eine Liaison zu retten, die schon lang keine Chance mehr hatte. Denn längst waren die häuslich-stille Marie und der eloquent-charmante Clavigo, die einst denselben bürgerlichen Verhältnissen entsprungen waren, zu gänzlich unterschiedlichen Zielen unterwegs. Man kann halt nicht mehr zusammenhalten, was nicht mehr zusammengehört, könnte die eher profane Botschaft des kurzweiligen Abends lauten. […] viel Applaus für das Ensemble.

Die Rheinpfalz



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Frühlings Erwachen

1891, als Wedekinds Kindertragödie „Frühlings Erwachen" im Druck erschien, war das ein Skandal: Pubertät und Selbstmord als Gegenstände eines Dramas? Aufkeimende Sexualität auf der Bühne? Das ging gar nicht. Die Zensoren schritten ein. Erst 15 Jahre später konnte das Stück uraufgeführt werden.

Geboren aus dem Geist von Nietzsches vitalistischer Philosophie ist Wedekinds Drama ein einziges Plädoyer gegen das bürgerliche Spießertum seiner Zeit und für das Leben, für Freiheit und Jugend. Doch vergangener Zeitgeist interessiert Simon .Solberg wenig. Vielmehr wollte Mannheims 28-jähriger Hausregisseur offenkundig wissen, ob das Stück auch etwas über die Befindlichkeit gegenwärtiger Jugend und Gesellschaft zu sagen habe. Also spielt Solbergs „Frühlings Erwachen" ganz im Hier und Jetzt, sprechen seine Jugendlichen heutiges Schülerdeutsch. Auch die Rahmenbedingungen hat .Solberg aktualisiert: Bei ihm leiden die Jugendlichen nicht an zu strenger. sondern an zu weicher Pädagogik. Nicht die Tabuisierung von Sexualität plagt sie, sondern ihre mediale Omnipräsenz. „An jeder U-Bahnstation hängt mir irgendeine Uschi ihre Tüten ins Gesicht", jammert Moritz Stiefel in Mannheim, vom Schulstoff und der eigenen Körperlichkeit gleichermaßen überfordert.

Funktioniert das? Ja. Was Solberg auf eine stark bewegte Raumbühne des Nationaltheaters gebracht hat, ist zwar, zumindest in weiten Textteilen, kein Wedekind, dafür aber das stimmige Psychogramm der Jugend und Gesellschaft 2007. Für dessen Glaubwürdigkeit bürgt nicht zuletzt das intensive, schonungslose Spiel der drei Hauptdarsteller Jan Viethen (Melchior), Johannes Allmayer (Moritz) und Silja von Kriegsrein (Wendla).

Das Erschreckende an Solbergs dramatisiertem Befund: Heutige Jugend erscheint, trotz aller Freiheit, hoffnungsloser als die Generation von 1891!. Ihr orientierungsloses, reizüberflutetes Dasein hat, wie die Bühnentechnik einmal schön versinnbildlicht, etwas Bodenloses. Entsprechend ist auch der Schluss signifikant geändert: Da gibt es keinen vermummten Herrn mehr, der ans Leben mahnen würde. Der süße Vogel Jugend – am Ende, vor dem Abgrund der Zukunft lässt er die Flügel hängen.

meier – das stadtmagazin



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4 Millionen Türen

„Vier Millionen Türen“ von Martin Heckmanns und Koautor Thomas Melle bietet von Beginn an keinen festen Stand. Sicher ist gar nichts. Sind hier wirklich alle auf Jobsuche oder ist die heterogene Kleingruppe längst vom neuen Arbeitgeber unterwandert? Plaudert man nur ganz harmlos im Wartezimmer oder läuft schon ein knallhart kalkuliertes Trainingsprogramm im Assement-Center? […]

Klare Antworten geben die Autoren bis zum Schluss nicht, zeigen dafür ohne Schadenfreude eine Welt mit doppeltem Boden, in der auch das Reden nicht viel weiterhilft.

Die Sprache ist bei Heckmanns ohnehin die gemeinste aller Lebensfallen. Was einer sagt, kann umgehend gegen ihn verwendet werden. […]



Sven Prietz als Bendt im aus der Form gelaufenen weißen V-Ausschnitt-Pullover durfte den fiesen Kasten entnervt mit Füßen traktieren und auch sonst den Aggressivling spielen. Thorsten Danner als Ernst war von seiner Schüchternheit wie von einer Krankheit befallen, Tim Egloff als Felix gab den Gemütsmenschen in himmelblauer Feierabendweste, Meridian Winterbergs Ella war, wie angedeutet, ein allgemeingefährlicher Männertraum.

Das ergab ein ziemlich lustiges Quartett, dauernd in Bewegung, an sich und an anderen ständig herumtätschelnd, dazu noch coole Musik, Slapstick, ein bisschen Sex und als Schlusspointe den Abgesandten des Arbeitgebers.[…]

Die Rheinpfalz



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Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm

Das kommt selten vor. Ein Theaterstück wird beim Publikum ein großer Erfolg, andere Theater wollen es nachspielen, nur – es ist mit ganzen 50 Minuten Spieldauer eindeutig zu kurz. So war es Theresia Walsers „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" gegangen. In dem Stück unterhalten sich drei Schauspieler über das Theater. Über große Schauspielkunst über die Auswüchse des Regietheaters und die lieben Kollegen.

Geschliffene Dialoge und hervorragende schauspielerische Leistungen bei der Uraufführung am Nationaltheater Mannheim vor einem Jahr bescherten dem Stück, das auch bei den baden-württembergischen Theatertagen in Konstanz zu den Höhepunkten gehörte, raschen Erfolg. Inzwischen hat Theresia Walser nachgebessert und eine Zugabe auf wenigstens 75 Minuten gewährt.

Dem Stück hat es nicht geschadet. Einige Dialoge wurden noch etwas ausgeschmückt und um einige Gedanken ergänzt, die die Dramatikerin schon immer einmal über die mangelnde Sprachkultur auf deutschen Bühnen loswerden wollte. Für Ralf Dittrich, Thorsten Danner und Sven Christoph Prietz, die in Mannheim auch in der neuen Version die drei Schauspieler auf die Bühne bringen, galt dieses natürlich nicht. Ihre Darstellung begeisterte auch die anwesende Autorin und das Stück kann nun in der bewährten Regie von Burkard C. Kosminiski weiterhin in Mannheim seine Stärken ausspielen.

Mit 75 Minuten ist es zwar immer noch nur „ein bisschen" Ruhe vor dem Sturm, aber vielleicht wollte Theresia Walser damit ja auch ihre Vorbehalte gegen allzu lange Theaterabende von drei oder vier Stunden auf die Bühne bringen.

Südkurier



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FAUST

Spannende Momente sind Schmiedleitner […] gelungen, etwa im erfreulichen und undiabolischenPakt zweier Win-Win-Player, der gerade in seiner Pragmatik besonders teuflisch wirkt. Dicht ist auch die Kästchenszene Gretchens, die mit Nadine Schwitter ideal besetzt ist. Weder Lolita noch dumme Gans: Schwitter gelingt das seltene Kabinett-Stück, eine aufrecht Naive ohne Kitsch und Peinlichkeit zu geben. (Mannheimer Morgen)

 
Erstaunlich viel von Goethes Text bleibt erstens erhalten im dreistündigen Mannheimer „Faust“ und wirkt zweitens relativ unabgenützt. Zur mephistophelischen Kabaretteinlage wird der Prolog. Ralf Dittrich bleibt im Folgenden eine überzeugende Mischung aus Animatuer und Mafioso. […]
Dieser Mannheimer Faust braucht keine forcierten Aktualisierungen. Er ist auch so nah genug am Leben. (Frankfurter Rundschau)

 
Mephisto, ganz klar, hat es in Goethes „Faust“ faustdick hinter den Ohren. Schon im „Prolog im Himmel“ schlawienert sich das intellektuelle Schlitzohr in die Herzen des Mannheimer Nationaltheater-Publikums, wenn der teuflisch-gute Mephisto-Darsteller Ralf Dittrich auf die Bühne kommt und meint, „nö“, das könne er nicht. Natürlich kann er’s! Und weil er es so gut kann, spielt er diese erste „Nummer“ wie ein Stand-up-Comedian. […] Aber „Faust – Der Tragödie erster Teil“ als Comedy, geht das überhaupt? Wenn man es so macht wie der Regisseur Georg Schmiedleitner, den sich Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski als Mann fürs literarisch Anspruchsvolle ins Haus geholt hat, dann funktioniert es sehr gut, weil Schmiedleitner die von Goethe vorgegebene Komödiantik des Dramas herausgearbeitet hat und trotzdem dem tiefschürfenden Geist der Dichtung seine Referenz erweist. […]
Publikumsliebling ist ganz eindeutig Ragna Pitoll als erstklassig verluderte Kupplerin Marthe. (Rhein-Neckar-Zeitung)

 
Schmiedleitners „Faust I“ ist auf moderate drei Stunden eingestrichen, erzählt aber fast die ganze Geschichte mit den wichtigsten Figuren. Dennoch ist dem Regisseur der Text kein Heiligtum, es wurde gekürzt, umgestellt, montiert, anderen Figuren zugeordnet, Passagen in Gegenwartssprache eingefügt. Vor allem aber hat der Regisseur dieser Tonspur eine fast filmische Bilderfolge hinzu erdacht, die eine eigene Faust-Geschichte erzählt, manchmal ein paar Gedankensprünge weit weg von Goethe, dafür gegenwärtig und jederzeit nachvollziehbar.
(Die Rheinpfalz)


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