Tim Crouch
Hausautor am Nationaltheater 2004/2005

Das Theater in seiner Essenz                                                 

Tim Crouchs Abgrenzung vom traditionellen Theater hat ihren Ausgangspunkt während einer Hamlet Inszenierung in Bristol. Dort erlebte er etwas, das ihm im Gedächtnis bleiben sollte. Einige Minuten, nachdem das Stück begonnen hatte, fiel eine ältere Frau in Ohnmacht und nässte sich ein. Noch während er und einige andere Zuschauer die Frau aus dem Saal trugen und sich der Raum mit Uringeruch füllte, wurde das Stück ungeachtet der realen Tragödie fortgesetzt. Es stellte sich heraus, dass die Frau in ein Diabetisches Koma gefallen war und sich schnell wieder erholte. Für Tim Crouch hatte dieser Vorfall länger anhaltende Folgen, denn seiner Unzufriedenheit mit der starren „vierten Wand“ des zeitgenössischen Theaters, die keinerlei Interaktion mit dem Publikum zulässt, ist es zu verdanken, dass er begann, eigene Stücke zu schreiben.

Sein Erstlingswerk „My Arm“, das Crouch 2002 innerhalb von drei Wochenenden für sich selbst geschrieben und 2003 im Traverse Theatre in Edinburgh uraufgeführt hat, kam 2004 im Nationaltheater Mannheim zur deutschsprachigen Erstaufführung.

  „At the age of 10, for want of anything more meaningful to do, I put my arm above my head and kept it there. Now, thirty years on, I’m so full of meaning it’s killing me.“ (Crouch, Tim (2003): My Arm.   London: Faber and Faber. Buchrücken)

Das Einpersonenstück erzählt die Geschichte eines Mannes, der mit zehn Jahren beschlossen hatte, seinen Arm nach oben zu strecken und ihn von da an nicht wieder herunternahm. Die Idee dazu hatte Crouch als Dozent während einer Improvisation mit Zehnjährigen, in der es um Geschichten über aufsässige Kinder ging. Das Bild eines Jungen, der seinen Arm stur nach oben streckte, ließ ihn von da an nicht mehr los. Zur selben Zeit leitete er einen Workshop des National Theatre London, in dem er einige Darsteller durch alltägliche Gegenstände wie Tassen, Stühle oder ähnliche Dinge ersetzte. Die Schauspieler sollten mit diesen Objekten spielen, sie verändern, sich aber weder emotional auf die Objekte, noch auf die gespielte Szene einlassen. Nach Crouch berührt gerade diese Distanzierung das Publikum, da sie den Zuschauern einen Raum bietet, in welchem sie ihre eigenen Assoziationen mit dem Gesehenen verbinden können.

In „My Arm“ spiegelt sich seine Theorie sowohl inhaltlich als auch in der Inszenierung wieder. Der ausgestreckte Arm des Jungen ist für andere bedeutender als für ihn selbst. Er wird zum Objekt, auf das Menschen ihre Vorstellungen projizieren. Zusätzlich verwendet Crouch willkürlich ausgesuchte Gegenstände aus dem Publikum, die in der Handlung des Stücks an Bedeutung gewinnen. Führerscheine, Schlüsselanhänger oder Regenschirme repräsentieren in den Erzählungen der Hauptfigur Familienmitglieder, Psychiater oder Nachbarskinder und werden so zu zentralen Figuren. Durch die Projektion der Geschichte und ihrer Protagonisten auf alltägliche Objekte, die in ihrer eigentlichen Funktion in keinem Bezug zum Erzählten stehen und den zusätzlichen Einsatz von Filmsequenzen und einer Videokamera, die das Geschehen auf der Bühne zeitgleich auf einem Bildschirm wiedergibt, lässt er die Grenzen zwischen Theater und Visual Art verschmelzen. Crouch will als Schauspieler sein Publikum nicht führen, sondern es fordern. Es ist eine Aufforderung an die Zuschauer, sich ihrer Autorität bezüglich des Gesehenen bewusst zu werden. Er will sie anregen an Dinge zu glauben, die offenkundig fiktiv sind.

Für Crouch sind die Prozesshaftigkeit und der einzigartige Live-Charakter des Theaters von zentraler Bedeutung. Er probt seine Stücke nicht oder engagiert, um der Routine vorzubeugen, für jede Vorstellung andere Darsteller. Dadurch wirken die Aufführungen wie eine spontane Performance, die sich aus der Interaktion zwischen Schauspielern und Publikum entwickelt und genau darin sieht Crouch die Zukunft des Theaters.

    „The future of theatre is not in realism, because TV and film do that beautifully. The future of theatre, as modern technology takes over, will have to be about finding the essence of the live relationship.“     (www.theargus.co.uk/news/1291721.interview_with_tim_crouch/)

Ein Jahr nach der deutschsprachigen Erstaufführung von „My Arm“ kehrte Tim Crouch 2005 als erster nicht deutschsprachiger Hausautor ans Mannheimer Nationaltheater zurück. Dort wurde er im Werkhaus mit einer Nacht der Poeten, die unter dem Motto "Very British" stand, willkommen geheißen. Neben einem Gastspiel des Thalia Theaters Halle, der Dokumentation "Young British Artists" und der szenischen Lesung "Safety" von Chris Thorpes wurde eine filmische Dokumentation des  befreundeten Dichters und Performers Andy Smith gezeigt, der Crouchs Reise zu verschiedenen Theatern mit der Kamera begleitet hat.

Als Hausautor inszenierte Crouch unter anderem sein englischsprachiges Stück „An Oak Tree“, das von der Trauerarbeit eines Vaters handelt, dessen Tochter bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben kam. Hierbei übernahm er selbst die Rolle des Hypnotiseurs, der den Unfall verursachte. Zwischen ihm und Andrew Smith, dem Vater des verunglückten Mädchens, entwickelt sich eine Art Machtspiel und der anfangs noch unterlegene Smith gewinnt im Verlauf des Stücks die Oberhand.

Crouchs unkonventioneller Umgang mit dem Theater zeigte sich auch bei dieser Inszenierung. Er brachte das Stück ohne Proben auf die Bühne und setzte für die Aufführung jeweils einen anderen Schauspieler ein, der den Text über einen Knopf im Ohr vorgesagt bekam. So wurde jeder Theaterabend zu einem Experiment, zu einem Teil eines nie abgeschlossenen Prozesses.

Wenn er nicht gerade mit seinen Stücken in Mannheim, Helsinki oder Boston Station macht, dann lebt Crouch mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Brighton. Mit ihr gemeinsam hat er schon an diversen Theaterprojekten gearbeitet. Neben „My Arm“ und „An Oak Tree“ sind „England, Shopping for Shoes“ und die „Shakespeare Triologie I“ weitere aktuelle Produktionen.

Informationen rund um das Multitalent Tim Crouch und sein künstlerisches Schaffen findet man auf der Website seiner Produktionsfirma News From Nowhere (www.newsfromnowhere.net).

Agnita Höfels
(Teilnehmerin des Proseminars „Von Friedrich Schiller bis Jan Neumann. Hausautoren am NT, Januar 2009)


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